Schneekatastrophe 1978/79

Weiße Winterwelt an der Nordsee

Silvester auf Sylt: Abendblatt-Redakteurin Karin Franzke erinnert sich an traumhafte weiße Landschaften, drei Meter hohe Schneemauern, leer geräumte Regale im Krämerladen und das Problem, die Insel wieder zu verlassen.

Weihnachten, Silvester nach Sylt. Die Freunde in Esslingen erklären uns für verrückt. Im Süden, da fährt man in die Schweiz, nach Österreich. In den Schnee.

Dann verkehrte Welt. Telefonat mit meinen Eltern, die in Nesselwang/Allgäu Urlaub machen. Ihr Blick schweift über eine grüne Wiese mit Gänseblümchen. Und wir sind in Deutschlands Norden eingeschneit.

Schneemauern bis zu drei Meter hoch säumen die Wege im Wäldchen zwischen Kampen und Wenningstedt. Die Kante zum Strand kaum zu sehen, höchste Absturzgefahr. Die Regale im Krämerladen an der Ecke ziemlich leer geräumt. Nachschub? Keiner weiß, wann. Was für ein Glück, dass wir in unserem Ferienhaus genug Vorräte gebunkert haben.

Aber wie komm ich jetzt runter von der Insel? Ich bin Volontärin und zum Sonntagsdienst eingeteilt. Vielleicht besteht ja die Chance auf verlängerten Urlaub! Nein, bestimmt der Ressortleiter, wir bezahlen auch den Flug von Westerland nach Stuttgart.

Einer der Freunde lässt seine Beziehungen spielen und wie schade ich bekomme tatsächlich einen der wenigen Plätze in der kleinen Maschine nach Hamburg (regulär wurde der Sylter Flughafen damals nur im Sommer angeflogen). Aus Jux wird mir ein Kinder-Schild umgehängt, damit ich ja nicht verlustig gehe beim Umsteigen (was war der Hamburg Airport damals klein und übersichtlich).

Große Erleichterung in der Lokalredaktion, als ich pünktlich erscheine. Bei mir viel Neid auf meine Mitreisenden, die ihre außergewöhnlichen Ferien in einer außergewöhnlichen Schneelandschaft einige Tage länger genießen konnten.

Vielleicht ist Sylt deshalb noch immer unsere Lieblingsinsel. Im Winter.