Jetzt kommt die Hansestadt Hamburg in die Gänge

Daniel Richter im Exklusiv-Interview

Der Ex-Hausbesetzer der Hafenstraße gilt als kreativer Superstar der modernen Kunst und als Botschafter Hamburgs in der Welt.

Hamburg. "Der Schirmherr kommt." - Daniel Richter, einer der bedeutendsten Künstler Deutschlands, hat gestern das Gängeviertel besucht und mit den Künstlern gesprochen, deren Protest er unterstützt. In einem Exklusiv-Interview mit dem Abendblatt fordert Richter einen langfristigen Vertrag von der Stadt. Für eine Künstlerkolonie sieht er nun "gute Chancen".

Abendblatt :

Das Ausmaß der öffentlichen Reaktionen auf den Gängeviertel-Streit ist enorm.

Richter:

Das finde ich einleuchtend. Wenn man sich nur halbwegs für Stadtentwicklung interessiert, kann man beobachten, wie Hamburg überall immer gleicher aussieht. Andererseits wird behauptet, man würde die Stadt lieben und pflegen. Am Ende ist aber alles doch nur Kulturtourismus auf der dämlichsten Ebene. Das Hauptargument für jeden guten Hanseaten, und die Stadt wird ja von Hanseaten reagiert, ist aber: Wo kommt die Knatter her? Die Knatter kommt durch Verkauf rein. Dann ist jede ästhetische oder soziale Überlegung sofort hinfällig. Das gilt nicht nur für hier, das gilt für das Bernhard-Nocht-Quartier, das galt für die Hafenstraße, für Park Fiction ... Wenn man dagegen die offiziellen Kulturbehauptungen nimmt, wie viel Geld man in Dinge wie die Elbphilharmonie steckt - das ist alles Augenwischerei. Das Geld geht ja nicht in die Kultur, sondern in die Baufirmen, die die Elbphilharmonie bauen, und den Kulturtourismus. Mit Kulturpolitik hat das überhaupt nichts zu tun.

Abendblatt:

Hat die Politik noch nicht begriffen, dass dieses Projekt die sichtbarste Speerspitze eines vielfältigen Protests ist?

Richter:

Es gibt Teile in der Verwaltung, die das begriffen haben, aber das heißt noch lange nicht, dass die sich durchsetzen werden. Das hier ist ja nicht dreckig und verfallen - man hat es verfallen und verdrecken lassen! Es hat hier ein funktionierendes Viertel gegeben. Man kann doch nicht so tun, als ob eine Stadt immer nur aus dem Neuesten bestehen würde. Diejenigen, die das so vollmundig formulieren, die leben in Winterhude, an der Alster oder in Blankenese. Die leben gar nicht in der Stadt.

Abendblatt:

Wie beurteilen Sie die bisherige Haltung der Gegenseite?

Daniel Richter:

Die taten immer so, als ob es höhere Mächte gäbe und sie überhaupt keine Handhabe hätten. Natürlich haben sie die.

Abendblatt:

Besteht die Gefahr, dass hier ein städtisch geduldetes Kunst-Feigenblatt installiert wird, um sagen zu können, wie tolerant man ist?

Richter:

Das mag richtig sein, aber ein Feigenblatt ist besser als gar keins. Nur wenn man diese Auseinandersetzung führt, gibt es für die Beteiligten die Möglichkeit zu gewinnen. Es gibt genug Punkte in der Stadt, die mit diesem Konflikt zusammenhängen. Führt man die Argumentation nur einen Schritt weiter, muss man einsehen - das ist die Spitze eines Eisbergs.

Abendblatt:

Was ist anders als bei früheren Konfliktadressen?

Richter:

Sehr viele Leute unterstützen das hier, und es ist eben nicht so ideologisch aufgeladen. Bis weit in die CDU-Wählerschaft hinein kommen Menschen und gucken sich das an.

Abendblatt:

Diese Art der Auseinandersetzung über ein Stadtprofil und die Einbeziehung von Kultur ist neu. Ist dieser Geist von den Behörden wieder in die Flasche zu bekommen?

Richter:

Das glaube ich nicht. Die Behörden werden dazu gezwungen von denjenigen, die an diesen Prozessen teilnehmen. Die Behörden machen gar nichts von selbst.

Abendblatt:

Hat Kultursenatorin Karin von Welck verstanden, welche Chance sich hier für die Politik bietet?

Richter:

Sie hat zumindest begriffen, dass es so nicht geht, wie man es sich dort vorgestellt hatte. Sie hat bei unserem Gespräch versucht, die Kritik an der Kulturpolitik abzuwehren - was aber auch nicht so leicht ist, weil das meiste davon leider berechtigt ist.

Abendblatt:

Wie wird Weihnachten?

Richter:

Ich denke, die Künstler haben gute Chancen, und ich hoffe, dass es dann einen Nutzungsvertrag über 100 Jahre gibt, mit der Verpflichtung für die Stadt, die Gebäude instandzusetzen und der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen. Es wäre doch schön, wenn die Kulturbehörde aus ihren Fehlern lernen könnte.