11.000 Schüler und Studenten demonstrieren

In Hamburg droht dramatischer Lehrermangel

Studie: Jedes Jahr fehlen bis zu 300 Pädagogen. Schüler verlangen kleinere Klassen, Studenten fordern Aus für die Studiengebühr.

Hamburg. Bei den größten Bildungsprotesten seit Jahren sind gestern in mehr als 70 deutschen Städten rund 240 000 Schüler und Studenten auf die Straße gegangen. In Hamburg beteiligten sich an dem "Bildungsstreik" nach Polizeiangaben etwa 11 000 junge Menschen. Bei ihrer Großkundgebung vor dem Rathaus forderten sie unter anderem die Abschaffung der Bachelor-Studiengänge an den Hochschulen und ein Ende des verkürzten "Turbo-Abiturs" nach acht Jahren.

Gleichzeitig stellte gestern der renommierte Bildungsforscher Prof. Klaus Klemm eine Studie vor, nach der Hamburg in den nächsten Jahren ein dramatischer Lehrermangel droht. Aufgrund der hohen Pensionierungsraten müssen bis 2015 jährlich zwischen 780 und 900 Lehrer neu eingestellt werden. Nach den aktuellen Prognosen werden aber nur rund 600 Nachwuchslehrer pro Jahr ihr Referendariat beenden und somit den Schulen zur Verfügung stehen.

Weil die Schülerzahlen in Hamburg kaum sinken, ist die Lage prekärer als in den anderen norddeutschen Ländern. "Der Kampf gerade um Lehrer in Mangelfächern wird zwischen den Ländern dramatisch werden", sagte Klemm. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) fordert die Erhöhung der Referendarsplätze auf mindestens 1000 pro Jahr.

Bei der Hamburger Großdemo zogen die Schüler und Studenten friedlich mit Parolen wie "Bildung für alle, und zwar umsonst" und "Reiche Eltern für alle" vom Uni-Campus zum Hauptbahnhof und von dort zum Rathaus. Der Studentensprecher der Hamburger Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW), Tilmy Alazar, forderte mehr Mitspracherecht der Studenten an der Universität. Die Bachelor-Studiengänge in der jetzigen Form müssten abgeschafft, der Prüfungsdruck müsse reduziert werden. "Master für alle ist die Devise", sagte Alazar. Zudem prangerte er soziale Ungerechtigkeiten an. Vornehmlich die Kinder vermögender Eltern gingen auf die Universität. Die Studiengebühr schrecke viele vom Studium ab.

Der Protest der Schüler richtete sich unter anderem gegen das mehrgliedrige Schulsystem und die Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur. Sie forderten zudem mehr Lehrer und kleinere Klassen. Das Büchergeld und andere Zusatzgebühren sollten abgeschafft werden. "Bildung muss kostenlos sein", sagte die Sprecherin der Schüler, Pia Erzigkeit.

Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) kritisierte einzelne Forderungen der Schüler und Studenten als "gestrig": "Wer sagt, wir müssen Bachelor- und Masterstudiengänge wieder abschaffen, der nimmt nicht zur Kenntnis, dass Deutschland Teil des europäischen Bildungsraums ist."