Wattwagenunfall auf Neuwerk - Fahrer (69) vor Gericht

Die Amtsrichterin zeigt das Video im Prozess, die Sekunden vor dem Unfall auf Neuwerk: blauer Himmel, Sonnenschein, Urlaubsstimmung auf den...

Die Amtsrichterin zeigt das Video im Prozess, die Sekunden vor dem Unfall auf Neuwerk: blauer Himmel, Sonnenschein, Urlaubsstimmung auf den Wattwagen. Doch plötzlich scheuen zwei Pferde, rasen im Kreis umher, bis ihre Kutsche umkippt. Menschen fliegen heraus, werden zum Teil schwer verletzt - das Ende eines Ausflugs ins Watt vor Cuxhaven. Die Insel Neuwerk gehört zu Hamburg, deshalb wird vor dem Amtsgericht verhandelt. Angeklagt wegen fahrlässiger Körperverletzung ist Dieter W., 69 Jahre alt, sein Gang ist langsam, seine Hände zittern. Er ist eigentlich Landwirt, aber um seine spärliche Rente aufzubessern, fährt er als Aushilfe gelegentlich Wattwagen mit Touristen. Von Sahlenburg nach Neuwerk, zwölf Kilometer. Auch am Tag, als der Unfall geschah, am 15. August 2008. Zwölf Leute waren auf jedem der sechs Pferdewagen, die Kolonne fuhren. Eigentlich seien die zwei Pferde seines Wagens ruhig gewesen, sagt der Angeklagte. Der Vorwurf der Staatsanwaltschaft: Er habe nicht rechtzeitig auf sein nervöses Pferde-Gespann reagiert, es nicht im Griff gehabt. Er habe den Unfall nicht vorhersehen und nicht vermeiden können, argumentiert dagegen sein Anwalt gegenüber Medienvertretern.

"Im Watt anzuhalten ist unmöglich", sagt der Angeklagte, er sei als Kutscher allein auf dem Wagen, und die Pferde würden zu nervös. Die Richterin staunt, kritisiert scharf: "Und was wäre, wenn ein Passagier auf dem Watt einen Herzinfarkt hätte? Sie müssen doch in der Lage sein, einen Wagen anzuhalten?" Der Angeklagte zuckt die Schultern. Er gibt zu, gewusst zu haben, dass eines der Pferde schon früher einmal durchgegangen sei. So geschah es erneut am Tattag, zunächst auf dem Watt, Herr W. konnte das Gespann bändigen. Bei der Ankunft auf Neuwerk am Deich gingen seine Pferde erneut durch. Sie rammten einen anderen Wattwagen, rannten weiter, bis ihre Kutsche stürzte.

Zwei Rentnerinnen und eine Mutter wurden verletzt. Sie erlitten Prellungen, Brüche, Frakturen. Ein überforderter Rentner als Wattwagenfahrer, der kein Handy dabei hatte, Kutschen mit nervösen Pferden, die angeblich nicht anzuhalten sind - die Richterin sagt schockiert: "Mir werden hier Sachen erzählt, die sind haarsträubend", Zustände wie vor 120 Jahren, ergänzt sie. "Ich würde nie wieder Kutsche fahren", sagt der Staatsanwalt. Der Prozess wird im Mai fortgesetzt, mit einem Kutschen-Experten.