Hamburger Optikerkette

Die Pläne der Fielmanns: Vater-Sohn-Gipfel im Abendblatt

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Melanie Wassink

Günther und Marc arbeiten zusammen bei der Optikerkette. Marc Fielmann will das Unternehmen stärker in die digitale Welt führen.

Hamburg. Günther Fielmann ist in seinem Element, als er seinem Sohn Marc die neue Brille auf die Nase setzt. "So, ja, sitzt gut, ist vielleicht etwas modischer als die alte", sagt er, biegt den Bügel zurecht und schaut seinem Sohn von unten prüfend ins schmale Gesicht. Das markante Gestell verleiht eine gewisse Reife, es ist wohl der angemessene Rahmen für einen zukünftigen Firmenchef. Die Anprobe findet am Rande der Hauptversammlung der Fielmann AG statt. Es ist ein etwas ulkiges Schauspiel, denn der 22-Jährige ist fast einen ganzen Kopf größer als der Vater. Die übliche Laune der Natur, die der Senior später beim Fototermin zu überspielen versucht - mit ein paar Scherzen und auf den Zehen balancierend.

Marc Fielmann überragt seinen Vater, der demnächst seinen 73. Geburtstag feiern wird, inzwischen an Körpergröße. Ob er auch als Persönlichkeit, in seiner Führungsstärke der Richtige sein wird, um womöglich in wenigen Jahren den größten Brillenkonzern Deutschlands mit 665 Filialen zu führen, muss er noch beweisen. Einige Aktionäre denken zumindest schon mal an die Zeit nach Günther Fielmann: "Wenn Herrn Fielmann etwas zustößt, und der Sohn ist ja noch so jung", sorgt sich ein Hamburger, "gibt es dann nicht ein Machtvakuum im Unternehmen?" Doch noch wirkt Fielmann senior tatkräftig. Und die neuesten Zahlen der Optikerkette sind glänzend.

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"Wir werden auch 2012 weitere Marktanteile gewinnen", sagt Günther Fielmann in dem Saal, der bis auf den letzten Platz gefüllt und dunkel verhangen ist, damit kurze Werbespots des Unternehmens eingespielt werden können. Während die Branche im ersten Halbjahr Absatz- und Umsatzrückgänge zu beklagen habe, wachse Fielmann weiter. Der Konzernerlös sei nach vorläufigen Zahlen um fünf Prozent auf 551 Millionen Euro gestiegen, der Gewinn vor Steuern habe um drei Prozent auf 89 Millionen Euro zugelegt. Die Aktionäre werden mit einer auf 2,50 Euro gestiegenen Dividende beteiligt. Das Unternehmen hat zwischen Januar und Juni 3,5 Millionen Brillen verkauft, 200.000 mehr als im Vorjahreszeitraum. Der Zentralverband der Augenoptiker habe per Mai ein Absatzminus von 4,6 Prozent gemeldet, so der Vorstandschef: "Fielmann Deutschland aber steigerte den Absatz um fünf Prozent, europaweit erzielten wir eine Absatzsteigerung von 4,7 Prozent."

Die Filialen, von denen Fielmann an diesem Tag immer wieder schwärmt, Geschäfte, in denen die Optiker ihre Kunden wegen des großen Andrangs und langer Wartezeiten schon vertrösten müssten, diese Läden sind derzeit das zweite Zuhause von Marc Fielmann. "Ich mache meine Erfahrungen und bin dankbar, dass ich von den Mitarbeitern so viel lernen kann", sagt der blonde junge Mann bescheiden zum Abendblatt und schwärmt von seinen Erlebnissen als Trainee: "Sie müssen in Frankfurt einen Kunden ganz anders ansprechen als in Flensburg, hier sind die Leute offenherziger, dort reden sie weniger", sagt er und gibt zu, dass er dieses direkte Feedback der Menschen, diesen Umgang mit den Kunden bei seinen kurzen Aufenthalten in der Zentrale am meisten vermisst.

Nach Stationen in den USA, in Mittelamerika, in Großbritannien, einem Wirtschaftsstudium an einer Elite-Universität und den nun ersten Erfahrungen in dem Unternehmen, das der Familie zum Großteil gehört, ist Marc Fielmann ein natürlicher, auf dem Boden stehender Mensch geblieben. Er freut sich, dass ihn die Mitarbeiter so offen aufnehmen. Die meisten würden ihn schon als "kleinen Steppke" kennen. Und er sieht die Chance, nach seinem Einblick in die Filialen auch besser auf die Nöte vor Ort eingehen zu können. "Was nützen Vorgaben aus der Zentrale, Zahlenmaterial über Beratungszeiten und Verkäufe, wenn ich die tägliche Arbeit dort gar nicht kenne?", sagt Marc Fielmann, und sein Vater, der nach demEnde der Hauptversammlung ebenfalls wieder zum Abendblatt-Gespräch stößt, nickt zustimmend.

"Es darf keine zu große Distanz zwischen der Verwaltung in Hamburg und den Filialen entstehen", sagt der Gründer, ergänzt, dass in der Zentrale eher die "geschulte Intelligenz" sitze, die vor Ort zuweilen auf Unverständnis treffe, und dass sein Sohn mit seiner Ausbildung hier eine Klammer schaffen könne, einerseits Elite-Uni, andererseits Erfahrung vor Ort, sagt Günther Fielmann und nickt ihm lächelnd zu: "Ich bin mit ihm sehr glücklich."

Klar wird in dem Gespräch auch, dass Marc Fielmann, seiner Generation entsprechend, das Unternehmen stärker in die digitale Welt führen möchte. Er spricht von Freunden aus der Uni, die bei bekannten Internetfirmen arbeiten. Und von Chancen, die es auch für Fielmann im Netz gebe. Wann der Junior allerdings diese Visionen umsetzen wird, wann es zu einem Führungswechsel zwischen Vater und Sohn kommt und ob überhaupt, das lässt der Firmengründer wieder einmal offen. Er freut sich sogar, dass er noch ein wenig mehr Verwirrung stiften kann: "Ich habe ja auch eine Tochter. Sie hat gerade Abitur gemacht."

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