Krise an der Börse

Hamburger Aktien halten sich besser als der Durchschnitt

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Volker Mester

Titel aus der Hansestadt haben in der Aktien-Krise unterdurchschnittlich verloren. Fielmann hat dabei die besten Perspektiven.

Hamburg. An den Börsen wird die Angst vor einer Rezession der Weltwirtschaft immer größer. Die Anleger flohen vor dem Wochenende europaweit erneut in Scharen aus Aktien. Und die Experten sind sich inzwischen einig: So schnell wird sich an den heftigen Schwankungen wenig ändern. Seit Ende Juli hat der Deutsche Aktienindex (DAX), der am Freitag abermals um 2,2 Prozent zurückfiel, insgesamt mehr als ein Viertel seines Wertes eingebüßt - einen derart gravierenden Kurssturz hat es in der über 20-jährigen Geschichte des Börsenbarometers noch nie gegeben.

Auch die Hamburger Aktien litten, allerdings kamen sie im Schnitt bisher relativ glimpflich davon: Der Haspax, ein Index für die 25 wichtigsten börsennotierten Unternehmen aus der Metropolregion, gab im gleichen Zeitraum nur um rund 16 Prozent nach. Das Abendblatt fragte Experten nach den Perspektiven für sechs der bedeutendsten Hamburger Titel.

Beiersdorf

Die Aktie des Nivea-Herstellers hat sich seit Beginn der Börsenturbulenzen mit einem Verlust von nur rund zehn Prozent deutlich besser gehalten als der Gesamtmarkt. Dies entspricht nach Auffassung von Marco Günther, Analyst bei der Haspa, dem Charakter des Unternehmens: "Die Wachstumsraten sind zwar gering, aber dafür geht es in einem möglichen Konjunkturabschwung auch nicht weit nach unten." Hiermit und mit der soliden Kapitalausstattung sei der Konzern selbst vor dem Hintergrund rezessiver Tendenzen gut aufgestellt. Allerdings habe Europa einen sehr hohen Anteil am Absatz, was angesichts der Schuldenkrise nicht günstig sei: "Ein Konkurrent wie L'Oreal ist in Schwellenländern stärker vertreten." Hinzu kommt, dass Beiersdorf den Kosmetikbereich gerade neu ausrichtet und ohnehin erst für 2012 wieder mit höherem Wachstum rechne. Günthers Anlageurteil für die Aktie des Unternehmens lautet "Halten", das Kursziel liegt bei 45 Euro.

Jungheinrich

Bei dem Gabelstaplerhersteller seien die Auftragseingänge im zweiten Quartal noch "bombig" gewesen, sagte Gordon Schönell, Analyst beim Bankhaus Lampe. "Aber die Aktie des Unternehmens ist und bleibt ein zyklischer Wert und wird daher nun kräftig abgestraft." Zudem sei Jungheinrich noch immer stark auf Europa ausgerichtet und habe nicht den vergleichsweise stabilen asiatischen Markt im Rücken. Dennoch empfiehlt Schönell die Aktie zum Kauf, auch wenn er einräumt, dass sein jüngstes Kursziel von 32 Euro nun in weite Ferne gerückt ist. Jungheinrich sei aber inzwischen noch flexibler aufgestellt als in der vorigen Krise, selbst bei einem Umsatzrückgang von bis zu 20 Prozent könne man vielleicht noch ein ausgeglichenes Ergebnis erzielen. Darüber hinaus habe die Firma eine gute Bilanzstruktur und sei langfristig durchfinanziert: "Da dürfte es keine Probleme geben."

Nordex

Auch wenn dies nicht für jeden Anleger auf der Hand liegen mag, ist selbst ein Windkraft-Unternehmen abhängig von der Wirtschaftslage: "Es gibt zwar feste Fördersätze für die von den Nordex-Kunden abgenommenen Windkraftanlagen", sagt Sven Diermeier, Branchenexperte bei Independent Research, "aber die Kunden brauchen auch eine Bankfinanzierung, und die ist schwieriger zu bekommen, wenn sich die Konjunktur stark eintrübt." Abgesehen davon stehe Nordex ohnehin schon vor strukturellen Schwierigkeiten: "Es gibt hohe Überkapazitäten im Markt, die die Ertragslage belasten." Zwar habe die Hamburger Firma solide Bilanzkennzahlen, aber das Management habe zuletzt mehrfach zu optimistische Einschätzungen abgegeben. Ein weiterer Belastungsfaktor: "Nordex ist ein für die Branche eher kleines Unternehmen, und damit hat man es schwerer, Aufträge für das besonders aussichtsreiche Marktsegment der Offshore-Windparks zu erhalten." Insgesamt überwiegen nach Auffassung von Diermeier derzeit die Risiken. Daher empfiehlt er, die Aktie zu verkaufen.

Aurubis

Aurubis, früher die Norddeutsche Affinerie, habe sich auf den europäischen Kupferproduktmärkten die Position eines Champions erarbeitet, basierend auf Kostenführerschaft und überlegenem Kundenzugang, so Oliver Drebing, Vorstand des Hamburger Analysehauses SRH AlsterResearch. Ein etwaiger Einbruch der konjunkturellen Dynamik könne teilweise durch Marktanteilsgewinne abgefedert werden. "Aber im Jahr 2011 würde eine Rezession, an die ich im Übrigen nicht glaube, bei Aurubis auch gar nicht mehr ankommen", sagte Drebing. Leiden würde in diesem Fall das Geschäft mit den Kunden in der Elektroindustrie und der Baubranche. Doch die Kupferhütte profitiert auch vom Ausbau der Energienetze, und dies wäre ein stabilisierender Faktor. Drebing empfiehlt, die Aktie zu kaufen. Das Kursziel hat er vorläufig bei 52 Euro belassen.

Fielmann

Die Aktie der größten Optikerkette Deutschlands hat sich bisher in den Kursturbulenzen besser gehalten als der Gesamtmarkt. "Zwar haben etliche Fonds undifferenziert deutsche Papiere verkauft, aber danach haben sich auch zahlreiche Anleger auf die Fielmann-Titel gestürzt", erklärte Christian Hamann, Analyst bei der Hamburger Sparkasse. Schließlich sei die Aktie eine "Perle" unter den konjunkturunabhängigen Werten: "Die Finanzausstattung des Unternehmens ist extrem gut, damit ist man von der Verfassung der Banken unabhängig." Und wenn die Menschen stärker sparen müssten, weil es in der Wirtschaft schlechter läuft, würde nach Einschätzung des Experten der Marktanteil von Fielmann eher steigen. Vor diesem Hintergrund sieht er wenig Risiken für seine Prognosen, die ein Gewinnwachstum von 16 Prozent in diesem Jahr und von 14 Prozent im Jahr 2012 vorsehen. Nach Hamanns Urteil steht die Fielmann-Aktie "an der Schwelle zur Kaufempfehlung", bei einem Kursziel "um die 75 Euro".

Hamburger Hafen und Logistik AG

Die Aktie des Hafenlogistik-Unternehmens HHLA gehört zu den eindeutig konjunkturabhängigen Titeln - "und die werden jetzt aus den Depots geworfen", sagte Oliver Drebing vom Hamburger Analysehaus SRH AlsterResearch. "Dabei gibt es noch gar keine tatsächliche Abschwächung, die Schiffe werden in Singapur und anderswo genau so beladen wie zuvor." Zumindest bis Jahresende würde sich ein Konjunktureinbruch noch nicht auf das Geschäft auswirken. Sollte die Wirtschaft jedoch hart getroffen werden und in der Folge auch der Ölpreis deutlich sinken, hätte das Nachteile für Hamburg: "Dann würde es für die Reedereien attraktiver, Fracht für Osteuropa nicht in Hamburg umzuladen, sondern um Dänemark herum direkt in den Ostseeraum zu fahren." Allerdings habe sich die HHLA Vorteile bei der Effizienz verschafft und gewinne dadurch Marktanteile. Ungeachtet der Konjunkturrisiken steht das HHLA-Papier bei Drebing mit einem Kursziel von 38 Euro auf der Kaufliste: "Dies ist ein Substanztitel. Langfristig braucht man eine solche Infrastruktur."

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