Vorbild ist Kiel

Bezirke planen Trinkräume für Alkoholiker in Hamburg

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In Hamburg sollen nach einem Kieler Erfolgsmodell mehrere kneipenähnliche Stätten die bisherigen Treffpunkte an Plätzen und Bahnhöfen ablösen.

Hamburg. Auf den ersten Blick wirkt das Café Sofa an der Schaßstraße in der Kieler City wie eine übliche Kneipe an einem Dienstagnachmittag. Es wird geklönt und getrunken. Doch im Sofa gibt es nur Kaffee und Saft am Tresen. Hochprozentiges schenkt der 44-jährige Dirk Petersen nicht aus, es ist dort schlicht verboten. Wein und Bier dagegen bringen die Gäste aus der Trinkerszene zumeist selbst mit. Das Sofa ist ein öffentlicher Trinkraum, wurde zu einem bundesweit beachteten Erfolgsmodell und soll nun auch Vorbild für Hamburger Trinkräume sein. Der Erfolg spricht für Schleswig-Holsteins Landeshauptstadt: Dort sind die notorischen Alkoholtrinker aus dem Stadtbild fast verschwunden.

Mehrere Hamburger Bezirke wollen ebenfalls Trinkräume einrichten. In Mitte und Harburg gibt es konkrete Planungen; in Bergedorf befasst sich jetzt der Sozialausschuss damit, und in Altona will das Bezirksamt das Thema beraten. In Hamburg gibt es mehrere Plätze, auf denen Alkoholiker regelmäßig präsent sind. Zum Beispiel der U-Bahnhof Wandsbek-Gartenstadt. Am Montagabend um 18 Uhr torkeln dort angetrunkene Männer über den Vorplatz, urinieren in die Büsche. "Seit zehn Jahren geht das hier so. Manchmal muss ich die Polizei rufen, weil die Betrunkenen aggressiv werden", sagt Ali Balat vom Imbiss in Bahnhof. Bis zu 40 Trinker würden sich laut Bezirksamt dort aufhalten.

Für den Bereich Hauptbahnhof liegt schon ein fertiges Konzept nach Kieler Beispiel vor. In einem "geschützten, mit Sanitäranlagen ausgestatteten Raum", können die Gäste "ihren Konsumgewohnheiten nachkommen, ohne zum Störfaktor" zu werden. 85 000 Euro kostet der Betrieb jährlich ohne Nebenkosten wie Miete. "Rund um den Hauptbahnhof hat sich die Zahl der öffentlich Trinkenden in den vergangenen Jahren erhöht", sagt Markus Schreiber (SPD), Bezirkschef von Mitte.

+++ Trinkräume sind keine Lösung +++

Schreiber, der den Plan schon länger verfolgt, findet das Kieler Modell "sehr gut". Sein Bezirk sucht ein Quartier in unmittelbarer Nähe zum Hauptbahnhof; dort ist die Trinkerszene das ganze Jahr über präsent. Andere Treffs sind wetterabhängig: eine Grünfläche an der Straße Wackerhagen in Hamm, andere Bahnhöfe, wie Legienstraße oder Horn, und die Reeperbahn.

Harburg hat sich nach langen Diskussionen ebenfalls durchgerungen, einen Trinkraum nach dem Kieler Modell einzurichten. Bis zu 80 Freizeittrinker treffen sich am dortigen Rathausplatz - trotz einzelner Platzverweise der Polizei und des Bezirklichen Ordnungsdienstes (BOD). Ein Standort für den Trinkraum steht schon fest. "Wir favorisieren ein 150 Quadratmeter großes, älteres Gebäude in Innenstadtnähe", sagt Amtschef Torsten Meinberg.

In Altona ruht eine fertige Untersuchung der Uni Hamburg zum Thema seit zwei Jahren in den Schubladen des Bezirksamts. Man hoffe, dass "ein Aufenthaltsraum oder wenigsten eine Toilette wieder in den Gremien beraten" werde. Das erklärt Bezirkssprecherin Kerstin Godenschwege. Die Treffpunkte in Altona liegen am Bahnhof, im Bereich Düppel-/Alsenstraße, im Antonipark oder am Osdorfer Born.

Wandsbeker Brennpunkte liegen neben dem U-Bahnhof Wandsbek-Gartenstadt und am Wandsbeker Markt. Mehrfach wurde das Thema in der Bezirksversammlung debattiert. Konkrete Schritte sind aber nicht geplant.

In Bergedorf treffen sich die Trinker an wettergeschützten Orten in der Innenstadt: am Schleusengraben, auf der Lohbrügger Seite des Bergedorfer Bahnhofes, neben der öffentlichen Toilette am Hasse-Turm oder am Bahnhof Nettelnburg. Nun denkt der Bezirk auch über einen Trinkraum nach. Im Fachausschuss für Soziales sollen Mitarbeiter des Kieler Trinkraums Sofa über ihre Erfahrungen berichten.

Einen anderen Weg geht der Bezirk Nord. "Ich halte nicht viel von Trinkräumen. Sie lösen keine Probleme", sagt Bezirkschef Wolfgang Kopitzsch (SPD). "Wirksamer wäre eine aufsuchende Straßensozialarbeit. Die bloße Vertreibung aus der Öffentlichkeit greift zu kurz." Die Brennpunkte in Nord: rund um den Bahnhof Barmbek, an der Fuhlsbüttler Straße, in der Straße Harzloh, am Bahnhof Kellinghusenstraße, am Langenhorner Markt.

In Eimsbüttel "sind Alkoholiker-Treffpunkte kein Thema", sagt Verwaltungschef Torsten Sevecke. Laut Polizei gibt es doch einen: im Unnapark an der Schwenckestraße. Zudem treffen sich Trinker regelmäßig am Isebekkanal gegenüber der Hoheluftbrücke.#