11. September

9/11: So erlebten Hamburger den Tag X

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Am 11. September 2001 trafen Flugzeuge das World Trade Center - und die gesamte Welt. Hamburger erinnern sich, wie sie den Tag erlebt haben.

Tom Buhrow, "Tagesthemen"-Moderator: "Ich dachte: Beginnt der dritte Weltkrieg?"

Hamburg. Als die Flugzeuge in das World Trade Center flogen, war ich Korrespondent im Pariser ARD-Studio. Am 11. September drehten wir einen Beitrag über die Region Burgund. Vormittags stand der Besuch eines Weinfassbauers auf dem Programm. Bei einer Abschlussbesprechung im Büro des Firmenchefs kamen plötzlich seine Mitarbeiter herein und setzten sich vor den Fernseher. Ich weiß noch, dass ich dachte, die machen wohl eine Kaffeepause.

Irgendwann habe ich dann mal kurz auf den Bildschirm geschaut und sah einen brennenden Tower. Sofort war mir klar, das ist doch New York. Da der Ton leise war, habe ich nicht sofort realisiert, worum es in dem Beitrag ging. In einem ersten Reflex dachte ich an eine Flugzeugkatastrophe. Doch genau dann flog das zweite Flugzeug in den Tower. Da war klar, das ist kein Unglück. Ich gestehe, den Kollegen und mir kam sofort die Befürchtung in den Sinn: Ist das jetzt der Beginn eines dritten Weltkrieges? Mein Team und ich sind kurz darauf aufgebrochen.

Der Fassbauer war in einem kleinen Tal, dort hatten wir keine Handyverbindung. Wir fuhren auf den Hang und haben zunächst telefoniert. Mein erster Anruf galt der WDR-Zentrale in Köln. Ich wollte wissen, ob ich womöglich sofort in die USA aufbrechen muss. Doch dort herrschte noch das totale Chaos. Zudem konnten ja keine Flugzeuge mehr in den USA landen. Also hatte es einfach keinen Sinn, eine große Zahl von Journalisten loszuschicken.

Für mich war das ein komisches Gefühl. Das war doch mein altes Berichtsgebiet, und ich hatte das Gefühl, ich muss da hin. Mein journalistischer Instinkt sagte mir das. Stattdessen war ich weit weg im beschaulichen Burgund. Diesen Dreh fortzusetzen fühlte sich seltsam an. Allerdings hatten wir Kontakt zu einer Reisegruppe aus den USA, die in Frankreich unterwegs war. Durch diesen Austausch hatten wir wenigstens ein bisschen persönlichen Kontakt mit dem Unglück. Interessanterweise hatte ich keine Angst um Bekannte oder Freunde in New York. Zudem hatte meine Frau schon recht schnell in die USA telefoniert und konnte Entwarnung geben. Mir gingen eher die politischen Konsequenzen durch den Kopf. Denn es war klar, dass die USA einen solchen Anschlag nicht einfach hinnehmen würden. Sie würden massiv reagieren. Und so überlegte ich immer wieder, was kann das alles nach sich ziehen? Was bedeutet das für uns alle?

Peter Wenig, Abendblatt-Sportchef: "Ich saß im Flieger nach New York"

Es war ein Termin, auf den ich wochenlang hingearbeitet hatte. Ein Besuch im Nike-Hauptquartier in Beaverton im amerikanischen Westen. Inklusive eines Interviews mit dem Nike-Chefentwickler und eines anschließenden Besuchs im Labor, wo der Sportartikelriese sehr geheim die nächste Turnschuh-Revolution vorbereitete. Der Start in Frankfurt am Morgen des 11. September 2001 verlief völlig reibungslos. Auf den Mini-Bildschirmen der Economy-Klasse flimmerte irgendein belangloser amerikanischer Film, die pappigen Nudeln waren wie immer alles andere als al dente.

Der Blick auf die Uhr verriet, dass wir in etwa vier Stunden auf dem John-F.-Kennedy-Flughafen landen würden. Die Maschine nach Portland sollte ich also problemlos erwischen. Als die Lautsprecher knarzten, dachte ich, dass jetzt eine der üblichen und wirklich verzichtbaren "Minus 40 Grad Außentemperatur"-Informationen folgen würde. Doch dann kamen jene Sätze, die mir noch heute, neun Jahre später, im Ohr geblieben sind, als wäre es gestern gewesen: "Hier spricht Ihr Kapitän. Ich muss Sie leider informieren, dass wir umkehren müssen. In New York hat es ein schweres Unglück gegeben. Offenbar ist ein Flugzeug ins World Trade Center geflogen." Die Schockstarre im Flieger währte während der gesamten englischen Übersetzung; das Unterhaltungsprogramm wurde sofort abgeschaltet, die Bildschirme blieben schwarz. Dann erhoben sich zahlreiche Passagiere; die Schlange am Bordtelefon wurde länger und länger.

30 Minuten später die nächste Durchsage. Die ersten schrecklichen Details. Über viele Tote, den Terrorverdacht. Und nur mit großer Mühe konnte der Kapitän seine Tränen unterdrücken. Den Rest des Fluges saß ich wie paralysiert auf meinem Gangplatz in einer der letzten Reihen im Flieger. Direkt vor mir schluchzte eine Frau, war auch von der Stewardess nicht zu trösten. Im Regen von Frankfurt setzte die Maschine dann eine Stunde später auf.

Als ich mein Handy wieder aktivierte, waren 14 Nachrichten auf meiner Mailbox. Freunde, Verwandte, Kollegen - sie alle baten um sofortigen Rückruf. Das wahre Ausmaß der Katastrophe begriff ich erst, als ich auf den Fernsehern in der Lufthansa-Lounge die Bilder der zusammenstürzenden Zwillingstürme sah. An jedem 11. September denke ich seitdem an meinen Flug Frankfurt-New York zurück. Und an die Worte des Kapitäns: "Ich muss Sie leider informieren, dass wir umkehren müssen."


Heidi und Gerd Hellmuth, Pensionäre: Was war mit unserer Tochter passiert?

Am 11. September 2001 war die Welt um uns herum wohl die heilste, die man sich vorstellen kann: Wir waren auf einem Viehscheid im Oberallgäu, das ist der Tag, an dem die Kühe von der Alm ins Tal getrieben werden. Ein großer Feiertag in Bayern, sogar die Kinder haben frei, und genauso fühlten wir uns: irgendwie in Festtagsstimmung.

Dann klingelte unser Handy. Unsere jüngste Tochter war dran, die so aufgeregt war, dass wir sie kaum verstanden. Da standen wir also, zwischen geschmückten Kühen und stolzen Bauern, und erfuhren, dass zwei Passagiermaschinen in das World Trade Center gerast waren. Eine völlig absurde Situation. Wir machten uns sofort auf den Heimweg.

Unsere älteste Tochter war im Sommer 2001 nach Washington DC gegangen, um zu promovieren; sie machte gerade ein Praktikum beim TV-Sender NBC und hatte ab und zu auch im Pentagon zu tun. Wir versuchten, sie zu erreichen, aber: keine Verbindung. Als wir dann in unserer Ferienwohnung den Fernseher einschalteten, waren wir wie vor den Kopf geschlagen. Erst da wurde uns bewusst, was wirklich passiert war. Und wir erfuhren von dem Flugzeug, das auf das Pentagon gestürzt war. Und wussten nicht: Ist das jetzt der Anfang dieses Tages oder schon das Ende? Dieses Ereignis auch nur in Ansätzen zu begreifen gelang uns nicht. Und wir erreichten unsere Tochter nicht mehr.

Die Leitungen nach Washington DC waren entweder überlastet oder offiziell lahmgelegt. Erst in der späten Nacht hörten wir dann die Stimme unserer Tochter - der erste Moment des Tages, an dem wir mit Sicherheit wussten: Ihr ist nichts passiert. Was für eine Erleichterung. Sie erzählte uns von ihrem Tag, es klang wie aus einer anderen Welt. Das öffentliche Leben in Washington war komplett zusammengebrochen. Es gab keinen Nahverkehr mehr, auch Autos fuhren keine, die Straßen sollten frei bleiben für Rettungswagen und Transferfahrten der Regierungsmitglieder. Kneipen und Restaurants blieben geschlossen; um nicht allein zu Hause zu sitzen, traf man sich in Hotelbars. Das taten auch Dorle und ihr damaliger Lebensgefährte. Dessen Eltern lebten in einem kleinen Ort in der Nähe von New York, wo besonders Pendler wohnten, denen das Leben in der Großstadt zu laut war. Manche Nachbarn, die er noch Tage zuvor gesehen hatte und die an diesem Tag zum Arbeiten ins World Trade Center gefahren waren, kehrten nie wieder heim.

Kenneth Buckner, Übersetzer: "Das konnte nur der neue Schwarzenegger-Film sein"

Der 11. September ist für mich als Amerikaner nicht nur wegen der Anschläge unvergesslich, sondern auch, weil ich an diesem Tag nach Deutschland ausgewandert bin. Ein wirklich eigenartiger Start in mein neues Leben.

Genau genommen habe ich die USA am 10. September am späten Nachmittag verlassen. Mein Flug ging von San Francisco nach London, wo ich am nächsten Morgen gegen elf landete. Da mein Anschlussflug nach Hamburg erst am späten Nachmittag ging, hatte ich viel Zeit auf dem Flughafen. Und war auch dort, als das erste Flugzeug in den Nordturm raste.

Damals hingen auf Flughäfen noch nicht so viele Monitore, also habe ich überhaupt nichts mitbekommen. Erst als ich ein Gespräch von vier Amerikanern hörte, stutzte ich. Einer von ihnen saß dort mit einem Laptop und hat immer wieder gesagt: Oh no! Sein Kollege fing an zu weinen.

Ich weiß heute noch, wie mir durch den Kopf schoss: Der ist gefeuert worden oder hat in der Familie etwas Schlimmes erlebt. Doch dann wurde ich angesprochen: Hast du schon gehört, was in New York passiert ist? Nichts hatte ich gehört. Erst spät sah ich die Bilder des ersten Flugzeuges. Ich konnte nicht glauben, dass das Realität ist. Ich war fest davon überzeugt, das sind Bilder aus dem neuen Schwarzenegger-Film. Wirklich. Doch als sich dann der Abflug meiner Maschine immer weiter verschob, wurde mir klar, irgendetwas stimmt hier nicht. Nur fehlten mir noch immer verlässliche Infos.

Ganz spät am Abend bin ich dann endlich in meiner neuen Heimat gelandet. Überall war Polizei, schon auf der Landebahn sah man die Fahrzeuge. Der Flughafen selbst war wie leer gefegt. In dem Moment habe ich erst richtig verstanden, dass etwas ganz Schlimmes passiert sein muss.

Später vor dem Fernseher hatte ich vor allem erst einmal arge Verständnisschwierigkeiten, schließlich war mein Deutsch noch sehr rudimentär. Dennoch, die Bilder haben mir gezeigt, was dieser Tag für mein Heimatland bedeuten muss. Für mich war im ersten Moment vor allem unvorstellbar, dass es das World Trade Center nicht mehr gibt. Die beiden Türme waren mir, allen Amerikanern, doch so vertraut. Ich denke heute, mein Vorteil war, dass ich nicht mehr in den USA lebte, als der schreckliche Anschlag sich ereignete. So hatte ich eine gewisse Distanz zu den Ereignissen, war weit weg.

Mir fehlten so viele Informationen, die ich mir erst Stück für Stück beschaffen konnte. Und ich hatte vom ersten Tag an eine andere Perspektive auf die Anschläge. Dennoch, eigentlich bleibt dieser 11. September bis heute für mich unfassbar.

Klaus Dahm, "Grazia"-Chefredakteur: "Das Grauen traf mich mit Zeitverzögerung"

Am 11. September 2001 sollte ich als Chefredakteur der "Petra" zur New York Fashion Week reisen. Eine Kollegin war bereits einige Stunden vor mir geflogen, und auch ich saß schon im Anschlussflieger in Frankfurt, als der Pilot durchsagte: "Es gibt ein kleines Problem, bitte verlassen Sie die Maschine und kehren Sie in das Flughafenterminal zurück." Dort sah ich auf einem Monitor einen rauchenden Turm des World Trade Centers, hielt es aber bloß für einen ungefährlichen Hochhausbrand. Als ich dann aber in die Senator-Lounge gelangte und dort vor den Bildschirmen Trauben von Menschen erblickte, wurde mir sofort klar, dass sich eine Katastrophe viel größeren Ausmaßes ereignet haben musste - ein terroristischer Anschlag.

Zufälligerweise traf ich hier einige aufgeregte Kolleginnen aus der "Petra"-Redaktion, die eigentlich von einem anderen Pressetermin nach Hamburg zurückfliegen sollten. "Wir fliegen keinesfalls", erklärten sie mir, "wir fahren mit dem Zug!" - es kursierte das Gerücht, dass auf alle europäischen Flughäfen ebenfalls Attacken geplant seien.

In solchen Situationen reagiere ich instinktiv nüchtern: Zuerst versuchte ich den nächsten Flieger nach New York zu buchen, doch die Route über den Nordatlantik war gesperrt. Und wie ich erfuhr, war meine Kollegin in der früheren Maschine nach Grönland umgeleitet worden: Dort sollten sie und andere Besucher der Fashion Week eine Woche in einer Turnhalle sitzen und sich um frische T-Shirts und Schokoriegel rangeln. Ich flog also nach Hamburg zurück in die Redaktion, wo wir uns alle vor dem Fernseher versammelten und gemeinsam das Desaster verfolgten.

Es hatte auch einen Hauch von Voyeurismus an sich, eine solche Katastrophe in Echtzeit zu verfolgen - derartige Bilder, dazu live, hatte es noch nicht gegeben. Ich weiß noch, wie mich die Erschütterung mit Zeitverzögerung traf: als ich sah, wie sich Menschen aus den Fenstern des World Trade Centers in den Tod stürzten. Da war nur noch Entsetzen.

Wir konnten uns kaum vom Fernseher lösen und heimgehen, offenbar hatte jeder Einzelne von uns das Bedürfnis, mit Menschen, die ihm nahestehen, ein wenig Nestwärme zu produzieren. Abergläubisch bin ich nicht: Diesen Sonnabend, dem 11.9., sitze ich wieder im Flugzeug, wieder nach New York zur Fashion Week.

+++ Der 11. September 2001: Fakten und Gedenken +++