Jahrestag

Gedenken in St. Nikolai an Eppendorfer Unfall-Opfer

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abendblatt.de

Bei dem Horror-Unfall in Eppendorf starben vor einem Jahr vier Menschen. Am Wochenende wird der Opfer in der Kirche St. Nikolai gedacht.

Hamburg. Noch immer stehen Kerzen und ein paar Blumen an der Kreuzung. Hier, mitten im beliebten Hamburger Stadtteil Eppendorf, riss ein Unfallfahrer vor einem Jahr vier prominente Opfer in den Tod. Bei dem Horror-Crash am 12. März 2011 kamen der Sozialwissenschaftler Günter Amendt, der Schauspieler Dietmar Mues und seine Ehefrau Sibylle sowie die Künstlerin Angela K. ums Leben. Es war ein Tag, der Hamburg erschütterte.

Ein Sonnabend, einer der ersten schönen Frühlingstage in der Hansestadt. Eine belebte Kreuzung in Eppendorf, sechs Straßen treffen hier aufeinander. Am Nachmittag gegen 16.45 Uhr wartet eine Gruppe von Fußgängern und Radlern auf Grün. Plötzlich rast ein Autofahrer mit mindestens Tempo 100 bei Rot über eine Ampel und rammt auf der Gegenfahrbahn einen Wagen. Das Fahrzeug des Unfallverursachers überschlägt sich mehrfach und schleudert in die Menschengruppe, die an der Fußgängerampel wartet.

Der Sozialforscher Amendt, der als „Sexfront“-Autor und Drogenexperte bekannt war, der Theater- und Fernsehschauspieler Mues („Tatort“, „Bella Block“) und seine Frau sterben noch an der Unfallstelle. Die Bildhauerin K. erliegt ihren Verletzungen wenig später im Krankenhaus. Drei Menschen, darunter der Schauspieler Peter Striebeck und seine Frau Ulla, werden verletzt. Trauer, Entsetzen, Fassungslosigkeit.

+++ Drei Brüder klagen an: Wir warten auf eine Entschuldigung +++

Gedenkveranstaltung am Wochenende

Zum Gedenken an die Verstorbenen und die Verletzten sowie zum Dank an die Einsatzkräfte findet am Sonnabend, dem 10. März 2012 um 18 Uhr eine Gedenkveranstaltung mit Lesung und Musik in der Hauptkirche St. Nikolai statt.

Gemeinsam mit Hauptpastor und Propst Johann Hinrich Claussen werden Wanja, Jona und Woody Mues, die Söhne von Sibylle und Dietmar Mues, Texte lesen, die den Verstorbenen wichtig waren und an sie erinnern.

Nach und nach wird bekannt, dass der Todesfahrer an Epilepsie leidet – und dass er bereits in den Jahren zuvor drei, teilweise schwere Unfälle verursacht hat. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der heute 39-Jährige unmittelbar vor der Kreuzung einen Krampfanfall hatte und daher die Kontrolle über sein Auto verlor.

„Wir machen ihm den Vorwurf, dass er in Kenntnis seiner Krankheit und der damit verbundenen Risiken Auto gefahren ist“, sagt Oberstaatsanwalt Wilhelm Möllers. „Welche schwerwiegenden Folgen ein epileptischer Anfall am Steuer haben kann, hat er bei den in der Vergangenheit verursachten Unfällen selbst erlebt.“ Der Angeklagte erklärte dagegen über seinen Anwalt, er habe trotz der Erkrankung rechtmäßig am Straßenverkehr teilnehmen dürfen – die Gefahr eines Unfalls sei für ihn nicht vorhersehbar gewesen.

+++ November 2011: Anklage gegen Unfallfahrer von Eppendorf steht kurz bevor +++

Die Staatsanwaltschaft hat den Mann wegen fahrlässiger Tötung in vier Fällen, fahrlässiger Körperverletzung in drei Fällen und vorsätzlicher Straßenverkehrsgefährdung angeklagt. Der 39-Jährige muss sich vom 26. März an vor dem Hamburger Landgericht verantworten. Bei einer Verurteilung könnte er bis zu fünf Jahre ins Gefängnis kommen, sagt Möllers.

Bei dem Zusammenprall stand der Fahrer zudem unter Drogeneinfluss. In seinem Blut fanden Mediziner den Wirkstoff THC, der in Haschisch oder Marihuana enthalten ist. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft war der Cannabis-Konsum aber nicht ausschlaggebend für den Crash: „Das Fahrverhalten des Angeklagten ist nicht mit der eher antriebsmindernden Wirkung von Cannabis in Einklang zu bringen.“

Ein Prozess, der die Schuldfrage des Todesfahrers klärt, sei wichtig für sie, sagte Wanja Mues im November 2011 dem „Hamburger Abendblatt“. „Das würde mir helfen, in der Trauer weiterzukommen und irgendwann hoffentlich mal einen Punkt zu finden, an dem die Sache abgeschlossen ist. Egal, wie der Schuldspruch ausfällt. Das wird uns auch alles nicht die Eltern zurückbringen. Wichtig ist, dass irgendeine Form von Gerechtigkeit kommt.“ (dpa)

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