Aktionstag gegen Atomkraft

Anti-AKW-Bewegung sammelt neuen Schwung

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120.000 Menschen nahmen an einer der bislang größten deutschen Protestaktionen gegen die Atomenergie teil. Zwischen Krümmel und Brunsbüttel wurde musiziert, gegrillt und Kaffee getrunken.

Geesthacht/Hamburg/Brunsbüttel. Die Anti-Atomkraft- Bewegung gibt mit ihrer 120 Kilometer langen Menschenkette ein unübersehbares Lebenszeichen und schöpft Kraft für den Kampf gegen Laufzeitverlängerungen. Kurz vor dem 24. Jahrestag der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl (26.4.) und zwei Wochen vor der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen ziehen bis zu 120000 Menschen - darunter Bauern mit Traktoren, Familien auf Fahrrädern sowie fantasievoll verkleidete Frauen und Männer – zu einem bunten Protest gegen die Energiepolitik der schwarz-gelben Bundesregierung durch Norddeutschland.

Sie stellen damit eine der größten Protestveranstaltungen gegen die Atomenergie in der Geschichte der Bundesrepublik auf die Beine. Mehr als 200 Busse und drei Sonderzüge bringen Menschen aus ganz Deutschland zu den Sammelpunkten in Hamburg und Schleswig-Holstein. Vielerorts unterstützen Musikgruppen die Stimmung, es wird gegrillt, Kaffee getrunken, Picknick gemacht.

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Zwei aktuelle Symbole des Energiestreits bilden die Endpunkte der Menschenkette: die seit einer Pannenserie im Sommer 2007 fast ununterbrochen abgeschalteten Atomkraftwerke Brunsbüttel und Krümmel (Geesthacht) an der Elbe. Fallschirmspringer und Straßenfestcharakter.

In Brunsbüttel gleiten Fallschirmspringer durch die Frühlingsluft und lassen das traditionelle Banner der Anti-AKW-Bewegung flattern: Die Atomkraft-Nein-Danke-Sonne auf gelbem Grund, die entlang der Deiche und Straßen an der Elbe an diesem Tag dominiert.

Dabei wird der Protest nicht in erster Linie von den inzwischen ergrauten Atomkraftgegnern der 1970er Jahre getragen. Viele junge Leute reihen sich gut gelaunt in die friedliche Menschenkette ein. „Wenn das Thema nicht so ernst wäre, könnte man von einem Straßenfest sprechen“, sagt Jessica Wessel vom Landespolizeiamt Schleswig-Holstein.

Max (54) und Martha (58) Maier aus dem kleinen Ort Emmering bei München sind extra nach Hamburg gekommen. „Seit 1983 agiere ich gegen Atomkraft. Es ist eine menschenverachtende Technologie, das geht vom Uranabbau bis zur Endlagerung“, sagt der Kriminalhauptkommissar. „Tschernobyl hat uns vor Augen geführt, wie gefährlich diese Technologie ist“, ergänzt seine Frau.

Stellenweise steht die Kette doppelt

Georg und Viola Möller haben ihre beiden Kleinkinder zur Kette in Hamburg mitgebracht. „Das ist eine Demonstrationsform, die ich den Kindern zumuten kann und auch eine Forderung, die ich den Kindern zumuten kann, nämlich: Abschalten! Und einschalten, was das Gehirn angeht“, sagt Georg Möller.

„Wir könnten hier sogar eine Doppelkette bilden“, verkündet ein Sprecher auf der Bühne am Atomkraftwerk Krümmel und nennt stolz die Zahl der Teilnehmer. Mehr als 2000 sind es auf dem Abschnitt vom Meiler bis zum zwei Kilometer entfernten Pumpspeicherwerk Geesthacht. Dabei ist auch Marion Baumann aus Göttingen mit ihren elf- und neunjährigen Töchtern Jill und Lynn Marie. „Wir waren schon immer gegen Atomkraft, haben schon an vielen Demonstrationen teilgenommen.“

Bundespolitiker nutzen die Bühne

In Brokdorf, ebenfalls Standort eines Atomkraftwerks, forderte der designierte Linken-Bundesvorsitzende Klaus Ernst stellvertretend für viele: „So schnell wie möglich alle abschalten.“ Der Grünen- Vorsitzende Cem Özdemir reiht sich in Hamburg ein und verweist auch auf seine Rolle als Familienvater als Motivation zu demonstrieren. Die Technik sei unbeherrschbar und müsse deswegen verschwinden.

In Elmshorn warnt SPD-Chef Sigmar Gabriel vor negativen Folgen einer Laufzeitverlängerung für die inzwischen 300000 Arbeitsplätze in der Branche der erneuerbaren Energien. Zusammen mit dem ehemaligen Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) übt er den Schulterschluss und beschwört vergangene rot-grüne Zeiten, in denen es gelungen war, ein absehbares Ende der Atomkraft in Deutschland per Gesetz zu vereinbaren und damit die Anti-AKW-Bewegung weitgehend zu beruhigen.