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Ex-Torwart Volker Ippig: Der Störenfried

Foto: Bertold Fabricius

Der FC St. Pauli feiert seinen 100. Der einstige Kult-Torwart Volker Ippig machte 100 Spiele für den Kiez-Klub. Heute arbeitet er im Hafen.

Volker Ippig trottet über das Hafengelände am Terminal O'Swaldkai auf dem Kleinen Grasbrook. Er trägt einen bequemen Overall und hat die großen Hände, die vor zwei Jahrzehnten mit ihrer zupackenden Art so manchen Bundesligastürmer zur Verzweiflung gebracht haben, lässig in den Taschen vergraben. Unter der schwarzen Wollmütze schlängeln sich die langen blonden Haare mühsam ins Freie, so als müssten sie nach Luft schnappen, um zu überleben. Ippig trommelt seine Kollegen zusammen und scheucht sie aus der warmen Kantine nach draußen ins Freie. "Mannschaftsfoto, Jungs. Bewegt euren Arsch." Im Hintergrund warten Hunderte von Luxuslimousinen auf den Container-Transport in alle Welt.

Früher waren auf den Mannschaftsfotos im Hintergrund marode Stadiontribünen am Millerntor zu sehen. Und neben dem Torwart Volker Ippig standen Kicker wie André Trulsen, Jürgen Gronau, Jens Duve oder Klaus Ottens. Profis, die im Mai 1989 Platz zehn in der Abschlusstabelle der 26. Bundesligasaison belegten. Und damit die erfolgreichste Pauli-Mannschaft aller Zeiten im bezahlten Fußball darstellten. Nun sind sie wieder im Oberhaus. Pünktlich zum 100. Geburtstag. Mehr geht nicht. "Herzlichen Glückwunsch", sagt Ippig.

"Vom Torwart zum Tagelöhner", titelte die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" vor einem Jahr, als Ippig im Hafen noch als Lascher die Container auf den Riesenpötten oder auch auf den kleineren Feederschiffen mit Knacken befestigte. Und mit Laschstangen über Kreuz sicherte, damit sie auf See nicht verrutschten. Harte, aber gut bezahlte Knochenarbeit. Doch die Titelzeile klang nach einem Abstieg ins Bodenlose. So, als dürften aus ehemaligen Fußball-Profis ausschließlich Trainer, Manager oder gut frisierte TV-Experten werden, bei deren Sprechübungen vor laufender Kamera man manchmal den Eindruck hat, die Herren würden pro Plattitüde bezahlt werden.

Ippig hatte auch mal einen bundesweiten Fernsehauftritt. November 1988, St. Pauli war aufgestiegen und leistete als Underdog von der Elbe erfolgreichen Widerstand in den oft ungleichen Duellen gegen die Etablierten der deutschen Eliteklasse. TV-Moderator Jörg Wontorra hatte das Millerntorstadion zum "Freudenhaus der Liga" ernannt, und dessen Kicker waren mit einem Mal auch für das ZDF-"Sport-Studio" interessant. Nach einem 0:0 gegen die Bayern ("Schmuddelkinder trotzen Bonzen", schrieb die "taz") fiel die Wahl der Mainzer als Studiogast auf Volker Ippig. Lange Haare, Hafenstraßenbewohner und ein halbes Jahr lang auch schon einmal Aufbauhelfer in Nicaragua - so einen Profi hatte die Bundesliga vorher noch nicht gesehen. Mehr erfuhr sie aber auch nicht über den jungen Wilden aus Hamburg, der eher lustlos in Lederhose, T-Shirt und Arbeiterstiefeln im Sessel saß. Denn ZDF-Fragesteller Bernd Heller fiel nicht viel mehr ein als: Nicaragua, Hafenstraße, Fußball-Profi - wie geht das? "Ich dachte mir, wieso 'Wie geht das?'. Ich sitz doch hier", sagt Ippig heute, der sich die Sendung später noch ein paarmal angeschaut hat. Entlocken ließ er sich folglich nichts mehr. "Da hängt er auf seinem Stuhl, redet ungeschliffen und kratzt an der Beschaulichkeit eines 'Sport-Studio'-Abends", schrieb das Abendblatt über den "unbequemen" Gast.

Vielleicht hätte er sich den Auftritt ganz sparen sollen, andererseits wurde man mit einem Mal in Fußball-Deutschland wieder auf den Kiezklub aufmerksam. Und Ippig wurde quasi über Nacht zum Symbol für den "etwas anderen" Profiverein. Mit seinen links-alternativen Fans, die lautstark gegen Nazis und Rassismus auftraten. Und damit dem Deutschen Fußball-Bund 20 Jahre vorauseilten. Selbst das "ZEIT-Magazin" widmete dem großen Blonden eine Titelstory: "Der Hält". Ein Mythos war geboren, der bis heute Bestand hat, weil er äußerst geschickt vermarktet wurde. Die Freibeuter mit der Totenkopf-Flagge entern die Liga. Und Ippig vorneweg.

Geplant hat er das nicht. Und erwünscht war er auf St. Pauli anfangs auch nicht. "Als ich das erste Mal im Tor stand", erinnert er sich, "kam hinter mir Oberfan St.-Pauli-Theo ans Netz und rief: 'Hau ab hier, wir wollen Rille Rietzke wieder im Kasten haben.'"

Ippig war 16 Jahre alt, als er vom TSV Lensahn in Schleswig-Holstein ins Tor der St.-Pauli-A-Jugend wechselte. Er ging in Hamburg aufs Wirtschaftsgymnasium und saß zwei Jahre später schon bei den 1. Herren auf der Bank. Unter Trainer Michael Lorkowski schaffte er den Sprung ins Tor der Regionalliga-Mannschaft.

Abgehauen ist er dann aber tatsächlich. Nahm eine Auszeit vom Fußball. Absolvierte erst ein Praktikum in einem Behindertenkindergarten und ging 1984 für ein halbes Jahr als Entwicklungshelfer nach Nicaragua. "Wir haben in San Miguelito ein Gesundheitszentrum mit aufgebaut." Seine wichtigste Erfahrung? "Wie wenig man wirklich braucht, um glücklich zu sein."

Dass man aber überhaupt etwas braucht, wurde ihm klar, als er nach Hamburg zurückkam. "Was kannst du?", hat er sich gefragt. Seine Antwort: "Eigentlich nix." Außer Bälle abwehren. Unter Trainer Willi Reimann bekam er eine zweite Chance. Als Reimann mitten in der Saison zum HSV wechselte, übernahm Helmut Schulte - und stieg mit St. Pauli auf. Und der eigenwillige Ippig, der gerne per Rad zum Training kam und einen Sommer in der Hafenstraße gewohnt hatte, war plötzlich Bundesliga-Profi.

Dass Ippig auch länger in der Präsidenten-Villa von Dr. Otto Paulick an der Elbchaussee gewohnt hat, wird gerne übersehen. Er selbst liebt solche Widersprüche, "weil sie das Leben ausmachen". In die damalige Zeit aber passte er nicht recht. "Man musste sich ständig rechtfertigen", sagt Ippig und skizziert in verbalen Strichen die Kohl-Republik: Lehre machen, 40 Jahre denselben Job ausüben, Rente beziehen, Maul halten.

In die damalige Mannschaft passte er auch nicht so richtig. Dass der Torwart und der Linksaußen in einer Elf oft eine Sonderrolle einnehmen, weil sie im Kopf ein bisschen mehr ballaballa sind als die anderen, ist eine dieser Fußball-Weisheiten. Ippig aber wurde im Team "der Gestörte" genannt. Halb im Flachs zwar, aber eben auch durchaus ernst gemeint, wenn Mitspieler nicht recht verstanden, warum er beim Einlaufen ins Stadion den "schwarzen Block", seine Freunde aus der Hafenstraße, regelmäßig mit einer in den Himmel gereckten Arbeiterfaust begrüßte. Oder die Bewohner einmal im Jahr ins Wendland zum Wildschweinessen einlud.

Für den Klub aber kam er wie gerufen. Wenn der nun 100-Jährige nahezu im ganzen Land - bis auf ein paar Regionen rechtsaußen im Osten - die höchsten Sympathiewerte genießt, hat das immer noch viel mit Ippig zu tun.

"Na ja", sagt er und dreht sich eine Zigarette.

Mach mal halblang, soll das heißen. Er kann damit nichts anfangen. Was er gelten lässt, ist die Tatsache, dass es damals neu war, "die Politik ins Stadion zu tragen". Die Stimme zu erheben. "Das gab es nicht im bundesdeutschen Fußball." Dazu aber kam, neben dem sportlichen Erfolg, etwas, was genauso zur totalen Identifikation der Fans mit den Spielern beitrug: "Wir waren eine richtige Hamburger Mannschaft." Trulsen aus Lurup, Golke aus Harburg, Zander aus Wilhelmsburg. "Unsere Zuschauer kannten die meisten Spieler ja aus ihren jeweiligen Stadtteilen noch ganz persönlich."

Im Glücksfall verhelfen Spielerpersönlichkeiten ihren Klubs zu einem jahrelang geltenden, unverwechselbaren Image. Einer wie Ippig aber, der es auf 65 Bundesliga- und 35 Zweitligaspiele brachte und nach einer Rückenverletzung 1991 sein Profidasein beenden musste, gehört eindeutig nicht in diese Kategorie. Auch wenn das viele Fans und manche Marketingstrategen nicht wahrhaben wollen. Ippig, der als erster Pauli-Kicker ein Fanladen-T-Shirt ("Volker, hör die Signale!") erhielt, war immer eher Angestellter als Anhänger des Kiezklubs. Eher Querulant als Repräsentant. Ein Störenfried, der einfach nicht mit den Wölfen heulen kann und sich nie verbiegen lassen würde - auch wenn das für einen Torwart eigentlich eine hervorragende Eigenschaft ist.

Der 47-Jährige, der in Köln seinen Fußball-Lehrer gemacht hat, in Wolfsburg unter Felix Magath Torwarttrainer war und eine mobile Torwartschule betreibt, hasst die Verlogenheit von Profis, wenn sie in die Fankurve laufen und sich publikumswirksam aufs Vereinsemblem klopfen. Und er weiß aus seiner vierjährigen Zeit als Torwarttrainer bei St. Pauli, dass auch bei dem "etwas anderen Profiklub" nach Herzenslust gemobbt und gekündigt, intregiert und prozessiert wird.

Er kann nicht verstehen, wenn die angeblich so toleranten Fans eigene Spieler auspfeifen, weil sie den Verein wechseln, um den nächsten Karrieresprung zu machen. Und deshalb taugt er auch nicht (mehr) als Projektionsfläche für viele Fußball-Romantiker im Stadtteil, die sehnsuchtsvoll an das Märchen von den guten und bösen Profiklubs glauben. Er findet es nett, dass er zum heutigen großen Jubiläumsspiel eingeladen worden ist, aber er hofft auf einen ernsthaften Kick, "bei dem alle an die Grenzen gehen". Und "bloß nicht so'n Jo-Jo-Scheiß".

Wenn ihn seine Arbeitskollegen bei Unikai im Hafen fragen, ob er Fan von St. Pauli ist, fragt er zurück: "Bis du denn Fan von Unikai?" Ippig, der mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern (11 und 13 Jahre alt) auf einem Bauernhof in Lensahn wohnt, sagt, dass er bei St. Pauli "für gute Arbeit gutes Geld verdient hat". Im Hafen bekommt er heute "in etwa das Gleiche".

Dafür ist er als sogenannter Unständiger auch ständig auf Abruf bereit. Kommt, wenn er gerufen wird. Immer auf dem Sprung, ein bisschen wie früher. Arbeitet in drei Schichten. Hat schon Stapler gefahren und 15 Kilo schwere Bananenkisten aufs Förderband geschmissen. Kennt den Unterschied zwischen Wind- und Sturmlasching. Hing angeseilt in 20 Meter Höhe in einem Laschkorb über den riesigen Schiffsbäuchen. Und fährt jetzt in Schuppen 48 die Neuwagen, die per Bahn oder Lkw im Freihafen auf dem riesigen Gelände zwischen Hansa- und Moldauhafen ankommen, auf die für die jeweiligen Automarken reservierten Stellplätze. Und von dort zu den einzelnen Containern, die dann wiederum per Schuten zu den großen Pötten verschifft werden.

Er kennt im Hafen alle Terminals und hat dort eine neue Mannschaft gefunden. Ein Team aus erfahrenen Kollegen und Unständigen wie ihm. "Alles tolle Jungs", sagt er. Ob Brückenfahrer, Checker oder Tallyman, "alles Fußballfans und keine Muttersöhnchen-Fußballer, denen man Zucker in den Arsch blasen muss".

Am liebsten mag er die Schichten von 23 Uhr bis morgens um sieben. Wenn die Sonne über dem Hafen aufgeht, sagt er manchmal zu seinen Kollegen, das sei doch "fast wie Urlaub". Wenn er über seine Arbeit spricht, sieht er manchmal so aus, als sei er angekommen. "Der Hafen und die Familie - das ist es jetzt", sagt er.

Dann setzt er sich in sein Auto und fährt durch den Freihafen direkt auf die Autobahn. 120 Kilometer Richtung Nordost.

Und lässt St. Pauli links liegen.