Hamburg

Victor Aly und der Königstransfer der Hockeyliga

Victor Aly ist seit der EM 2019 Stammtorhüter der deutschen Hockeyherren.

Victor Aly ist seit der EM 2019 Stammtorhüter der deutschen Hockeyherren.

Foto: Marcelo Hernandez / FUNKE Foto Services

Warum Nationaltorhüter Victor Aly von Topclub Rot-Weiß Köln zum Großflottbeker THGC in den Abstiegskampf wechselt.

Hamburg. Unwirklich sei dieser Gedanke, sagt Victor Aly, am 13. September in der Feldhockey-Bundesliga aufzulaufen und Rot-Weiß Köln als Gegner zu haben. Die Jungs, die er aus acht Jahren gemeinsamen Trainings kennt, in einem Wettkampf vom Toreschießen abhalten zu müssen. „Skurril“, sagt der 26-Jährige, „aber ich freue mich darauf und hoffe, dass wir sie richtig ärgern können!“

Wir, das ist sein neuer Verein, der gleichzeitig auch sein alter ist. Der Großflottbeker THGC, für den er, die kurze Startphase im Grundschulalter beim Hamburger Polo Club einmal abgesehen, die ganze Jugend hindurch zwischen den Pfosten stand, und bei dem er die Grundlagen für das legte, was er heute ist: Torhüter der deutschen Nationalmannschaft. Vor dem für das erste Septemberwochenende geplanten Restart der wegen Corona unterbrochenen Saison 2019/20, die nun bis in den Frühsommer 2021 ausgedehnt wird, gilt Victor Aly unter den fünf Hamburger Herren-Bundesligisten als Königstransfer.

Wolfram von Nordeck will diese Einschätzung nicht von der Hand weisen. „Dass wir einen Spieler seiner Klasse für uns gewinnen konnten, ist ein enorm wichtiger Schritt“, sagt der GTHGC-Chefcoach, „er wird unserer jungen Mannschaft mit seiner Erfahrung sehr helfen können.“ Victor Aly nimmt die ihm zugedachte Führungsrolle gern an, auch wenn es ihn charakterlich nicht unbedingt dazu drängt. „Ich bin kein Lautsprecher auf dem Platz. Aber ich bin bereit, den vielen jungen Spielern in der Mannschaft zu helfen, indem ich versuche, meine Ruhe auf sie zu übertragen“, sagt der gebürtige Hamburger.

Großflottbek war Alys Favorit

Warum ein Nationaltorhüter mit dem Anspruch, im kommenden Jahr bei den verlegten Olympischen Sommerspielen in Tokio als deutsche Nummer eins um Gold zu kämpfen, zu einem als Tabellenletzter in die Saisonfortsetzung startenden Abstiegskandidaten wechselt, bedarf einer Erklärung. Victor Aly, der sein Jurastudium samt Promotion in Köln abgeschlossen hatte, wollte nach Olympia in seiner Heimatstadt ins Referendariat starten.

Zwei Optionen hatte er sich für die Zeit nach Tokio offengelassen: Mit dem Hockey komplett aufhören oder für einen Hamburger Club in der Bundesliga weiterspielen. Seinen Abschied aus Köln hatte er bekannt gegeben, bevor die Pandemie alle Pläne durchkreuzte. Rot-Weiß hatte mit Belgiens Weltmeister Vincent Vanasch (32) im Januar seinen Nachfolger vorgestellt.

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„Ein Zurück gab es für mich nicht. Als die Verschiebung kam, musste ich entscheiden, wo ich bis Olympia weiterspielen wollte“, sagt er. Da ihn mit keinem der anderen Hamburger Vereine etwas verbindet, war Großflottbek sein Favorit. „Aber ich musste das mit dem Verband klären. Wenn die gesagt hätten, dass ich bei einem Spitzenclub spielen muss, um meine Olympiachancen nicht zu gefährden, hätte ich das einbeziehen müssen.“ Einwände gab es jedoch keine.

"Abstiegskampf eröffnet mir eine neue Perspektive auf die Liga"

Nun trainiert Victor Aly seit rund einem Monat mit seinem neuen Team. Die Hoffnungen, die er mit dem Wechsel verband, in einen Verein zu kommen, in dem er keinerlei Anlaufschwierigkeiten befürchten musste, sind aufgegangen. Dennoch ist der Schritt aus einem Umfeld, in dem schon der zweite Platz eine Enttäuschung ist, in den Abstiegskampf eine Herausforderung.

„Ich habe in Köln alles gewonnen, was man auf Vereinsebene gewinnen kann, und bin deshalb nicht mehr auf Titel aus. Der Abstiegskampf eröffnet mir eine neue Perspektive auf die Liga, die ich nicht kannte“, sagt er. Andererseits könne er emotional eine klarere Trennlinie ziehen, als wenn er zu einem der in Hamburg ansässigen Kölner Dauerrivalen gewechselt wäre.

Emotionskontrolle ist für Victor Aly, der mit zwei Spielern vom Ligarivalen Club an der Alster in Eimsbüttel eine WG teilt, ein sehr wichtiger Bestandteil seines Torwartspiels. Wer ihn vor und auch nach Spielen beobachtet, der sieht einen Menschen, der seine Umwelt komplett auszublenden versteht. Der in einem Tunnel steckt, den er vor jedem Match bewusst aufbaut. „Ich habe eine Routine mit festgelegten Abläufen, die mir dabei hilft, die Ruhe zu bewahren, die ich für mein Spiel brauche“, sagt er.

Er hat eine Routine entwickelt, um Störfaktoren auszublenden

Diese Ruhe sei der größte Unterschied zu jenem Victor Aly, der als 18-Jähriger ins Rheinland zog. „Damals war ich laut und unbeherrscht“, sagt er. Die Arbeit mit dem Kölner Mentaltrainer Lothar Linz habe ihn stabilisiert, als er damals bei Rot-Weiß Torwartlegende Max Weinhold ablöste. „Er hat mir beigebracht, alle Störfaktoren auszublenden.“ Dass er ernster und fokussierter wirkt als viele seiner Kollegen, höre er oft. „Ich brauche immer etwas länger, um die Anspannung abzubauen. Aber für mich funktioniert es so am besten“, sagt er.

Dass er in Großflottbek unter Dauerbeschuss und deutlich öfter im Fokus stehen wird als in Köln, weiß er – und versucht, es neutral zu bewerten. „Einerseits bekomme ich mehr Gelegenheiten, mich auszuzeichnen. Andererseits ist die Wahrscheinlichkeit, auch mal schlecht auszusehen, bei 30 Schüssen, die man aufs Tor bekommt, deutlich höher als bei dreien“, sagt er. Der Kampf um das Tokio-Ticket werde letztlich aber sowieso nicht in der Liga entschieden.

Umso mehr freut sich Victor Aly, der die Zeit bis zum Referendariat als wissenschaftlicher Mitarbeiter in einer Kanzlei in der Innenstadt überbrückt, auf die Möglichkeit, dauerhaft mit dem in Hamburg lebenden Bundestorwarttrainer Jimi Lewis (46) arbeiten zu können. Auch seinem ärgsten Nationalteamrivalen Mark Appel (26/Club an der Alster) wird er häufiger im Stützpunkttraining begegnen. „Ich finde das gut. Das ist doch genau das, was Hamburg im Hockey so besonders macht.“ Victor Aly ist zum Kölner geworden in den vergangenen Jahren, er hat die Stadt schätzen gelernt und trotz seiner HSV-Verbundenheit Sympathien für den FC entwickelt. Aber dieses Hamburg-Gefühl, Auswärtsspiele in der eigenen Stadt zu bestreiten und Lokalrivalitäten auszuleben, hat ihn sofort wieder gepackt. Es mag unwirklich sein, gegen seinen Ex-Club anzutreten. Aber er wird sich daran gewöhnen.