Hamburg

Die Streitfrage: Wie behindert darf man als Sportler sein?

Der Hamburger Ulf Mehrens (64) ist Präsident des Rollstuhlbasketball-Weltverbands.

Der Hamburger Ulf Mehrens (64) ist Präsident des Rollstuhlbasketball-Weltverbands.

Foto: Daniel Karmann / picture alliance / dpa

Im Rollstuhlbasketball ist ein Konflikt zwischen Weltverband und dem Internationalen Paralympics-Komitee eskaliert.

Hamburg. Telefonkonferenz morgens um vier, todmüde „und die Australier putzmunter“. Alles nicht so einfach in den vergangenen vier Monaten für den Hamburger Ulf Mehrens. Nicht nur wegen der Zeitverschiebungen mit der ganzen Welt, sondern vor allem, weil im internationalen Behindertensport ein seit Jahren schwelender Skandal eskaliert ist. Der Internationale Rollstuhlbasketball-Verband (IWBF), dessen Präsident Mehrens ist, steckt mittendrin.

Neun Rollstuhlbasketballer hat das Internationale Paralympische Komitee (IPC) in der vorvergangenen Woche von den Paralympischen Spielen 2021 in Tokio ausgeschlossen, darunter auch die deutsche Nationalspielerin Barbara Groß (26). Sie entsprachen nicht mehr den neuen Klassifizierungsgrundsätzen des IPC, wohl aber denen des IWBF.

Wie behindert darf man sein?

Zugespitzt entzündet sich der Konflikt an der Frage: Wie behindert darf man sein? Oder auch: Wollen wir inklusiven Sport? Schon 2015 hatte das IPC seinen Klassifizierungscode reformiert und die Fachverbände aufgefordert, ihre eigenen anzupassen. Es gab Verhandlungen,Vertagungen, verhärtete Positionen.

Der IWBF blieb bei seiner Auffassung. Bei der gefeierten Weltmeisterschaft 2018 in Hamburg waren natürlich alle Athleten zugelassen. Am 31. Januar dieses Jahres strich das IPC Rollstuhlbasketball ohne Ankündigung aus dem Programm der Spiele in Tokio und 2024 in Paris, wenn sich die Basketballer nicht einer Neuklassifizierung unterziehen. Man kann das einerseits Erpressung nennen. Andererseits teilt das IPC in einer Stellungnahme gegenüber der „Deutschen Welle“ mit: „Nach mehreren Jahren Diskussion mit der IWBF mussten wir handeln. Keine Sportart steht über den Regeln, die von den IPC-Mitgliedern festgelegt wurden.“

Änderungen vor den Paralympischen Spielen in Tokio

Man habe der IWBF „klar gesagt, dass vor den Paralympischen Spielen in Tokio Änderungen vorgenommen werden müssen.“ Bis 2024 sollen sämtliche Paralympicskandidaten der Welt neu klassifiziert sein, in diesem Jahr ging es zunächst um die sogenannten 4- und 4,5-Punkte-Spieler. Das sind Athleten mit einer Minimalbehinderung. Im Alltag haben sie in der Regel keine Einschränkungen, können aber keinen Leistungssport als „Fußgänger“ treiben.

Im Rollstuhlbasketball spielen behinderte und gesunde Sportler zusammen

Mareike Miller (30), die Kapitänin der deutschen Nationalmannschaft von den BG Baskets im HSV, gehört nach drei Kreuzbandrissen in diese Kategorie. Sie musste diverse medizinische Unterlagen zu ihrer Verletzungshistorie zur Prüfung einreichen und hatte Glück: „Ich darf weiter dabei sein, ich hatte seit Ende Januar gezittert.“ Im Rollstuhlbasketball in Deutschland dürfen auch komplett gesunde Sportler mitspielen. Das ist gewünscht, Behinderte und Nicht-Behinderte sollen miteinander Sport treiben. International muss eine minimale Behinderung vorliegen.

„Unser Modell ist schon 1982 geschaffen worden, seitdem haben wir so gespielt“, sagt Mehrens (64), „ich hätte mir Ende 2019 einen Anruf gewünscht, dass unser Sport von Tokio ausgeschlossen werden soll, aber das ist nicht passiert.“

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Auch Miller findet das Vorgehen des IPC in höchstem Maße ungerecht: „Der Ausschluss von Barbara und den anderen Sportlern aus aller Welt war ein Schock.“ Es seien nun Athleten gesperrt, die sich mit ihren Teams sportlich für Tokio qualifiziert hatten. Die Schuld an der Situation sieht Miller auf beiden Seiten: „Das IPC hätte seine Drohung früher aussprechen, der IBWF vielleicht früher handeln können.“