Nach Festnahme

„Mehrfaches Trauma“ – was wird aus den Kindern der IS-Witwe?

Terrorverdächtige Omaima A. ist in U-Haft, ihre Söhne und Tochter in Obhut. Sie stehen vor einer schweren Zukunft.

Hamburg. Die Polizisten kamen mit Sturmhauben und nahmen ihre Mutter mit – dann wurden auch die vier Kinder von Omaima A. abgeholt. Ihr neues Zuhause ist vorübergehend ein Kinderschutzhaus. Die Kinder im Alter von drei, fünf, sechs und zwölf Jahren stehen vor einer schweren Zukunft: Zwei der drei Ehemänner von Omaima A. fielen im Kampf für die dschihadistischen Gruppe Islamischer Staat (IS), auch der Deutschtunesierin selbst wird nun die Mitgliedschaft in der Terrormiliz vorgeworfen.

Ein Richter ordnete gestern die Unterbringung der Frau in der Untersuchungshaft an. Allein für den Vorwurf der Mitgliedschaft in einer ausländischen Terrororganisation drohen Omaima A. bis zu zehn Jahre Haft. Nach Abendblatt-Informationen war sie auch von den Hamburger Behörden wie eine „Gefährderin“ behandelt worden. Zusätzlich wirft ihr die Bundesanwaltschaft eine Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflicht gegenüber ihren Kindern vor.

Gemeinsam mit ihrer Tochter aus erster Ehe und zwei gemeinsamen Kindern folgte Omaima A. dem IS-Propagandisten Nadir Hadra im Jahr 2015 in die Kampfgebiete. Rund sechs Wochen nach ihrer Ankunft starb er, die Hamburgerin war daraufhin mit dem Berliner Denis Cuspert alias „Deso Dogg“ liiert. Mit ihm zusammen bekam sie ihr jüngstes Kind.

Kinder saßen auf Schoß eines IS-Schlächters

Der arabische TV-Sender machte verstörende Fotos der Familie öffentlich: etwa Omaima A. im Hijab mit ihrem Sohn, beide tragen eine Kalaschnikow. Ein anderes zeigt eines ihrer Kinder auf dem Schoß von Mohamed Mahmoud, einem Schlächter der IS-Miliz. Die Bundesanwaltschaft wirft Omaima A. vor, ihren Nachwuchs nach der IS-Ideologie erzogen zu haben.

Sicherheitsbehörden sehen in Kindern wie diesen potenziell ein Risiko. Sie bräuchten intensive psychologische Hilfe, sagte der Chef des Hamburger Verfassungsschutzes, Torsten Voß. „Aber wenn solche Kinder zehn, elf, zwölf Jahre alt werden, dann kann von ihnen im Einzelfall auch eine Gefahr ausgehen.“ Als Beispiel gilt ein Zwölfjähriger, der 2016 einen Anschlag auf den Ludwigshafener Weihnachtsmarkt plante.

Die Folgen ihrer Erlebnisse seien für die Kinder von Omaima A. enorm, sagt Dr. Andreas Krüger, ärztlicher Leiter des Hamburger Trauma-Therapie-Zentrums Ankerland, dem Abendblatt. „Man muss sicher davon ausgehen, dass die Kinder ganz unmittelbar und wiederholt schwersten traumatischen Erlebnissen ausgesetzt waren.“

Experte sieht Gefahr der Gewaltneigung

Neben einer sogenannten posttraumatischen Belastungsstörung, etwa verbunden mit sogenannten Flashbacks, würden sie sehr wahrscheinlich auch andere Auffälligkeiten zeigen. „Auch die fünf und sechs Jahre alten Kinder werden Bedrohung und Tod ihrer selbst, ihnen nahe stehender Menschen und Dritter bereits bewusst wahrgenommen haben“, sagt Krüger.

Es bestehe die Gefahr, dass sie auch selbst zu Gewalt neigen könnten. „Es gibt eine Psychomechanik, die der Bewältigung dient und dazu führen kann, dass betroffene Kinder ab dem Kindergartenalter bewusst andere schädigen wollen und sich am Leid von anderen laben.“ Neben den traumatischen Erlebnissen sei auch die mutmaßliche gezielte Indoktrination folgenschwer. „Posttraumatische Belastungsstörung & Co. wirken noch wie ein Brandbeschleuniger für destruktive Überzeugungen.“

Eine reale Chance auf Heilung bestehe nur, wenn die Kinder in stabilen Beziehungen leben und intensive Traumatherapie erfahren. „Mit einer solchen Elternerfahrung gibt es die Wahl, den Kontakt zu ihrer Mutter komplett abzubrechen oder sich mit ihr und ihren Überzeugungen zu verbrüdern“, so der Psychiater.

Polizei hatte Familie im Blick – das Jugendamt nicht

Wie es in Polizeikreisen heißt, sei bekannt gewesen, dass Omaima A. mit ihren Kindern in den IS-Kampfgebieten war. Nach Abendblatt-Informationen trat sie nach ihrer Rückkehr im September 2016 aber nicht mit Straftaten in Erscheinung. Auch die Bundesanwaltschaft wirft ihr keine Taten seitdem vor.

Das Jugendamt hatte dagegen offenbar keine Kenntnis ihrer Vorgeschichte. „Die Kinder von Frau A. wurden bislang nicht durch das Jugendamt betreut, da es bisher keine Meldungen gab, die dazu Anlass gegeben hätten“, sagte ein Sprecher des Bezirksamts Harburg dem Abendblatt. Der Verfassungsschutzchef Voß hat kritisiert, dass man der Sozialhilfe aus rechtlichen Gründen keine Informationen zu Islamistenfamilien übermitteln könne. Die Reform des entsprechenden Landesgesetzes steht noch aus.

Die städtische Beratungsstelle Legato hilft Familien auf freiwilliger Basis, mit sich radikalisierenden Angehörigen umzugehen. Sie ist laut Sozialbehörde seit 2015 in 391 Fällen tätig geworden. In vielen Fällen wird die Beratungsstelle auch von Lehrern und anderen Pädagogen eingeschaltet.