Islamistischer Terror

Deutsche Dschihadistin lebte unerkannt in Hamburg

Der Rapper Deso Dogg, mit bürgerlichem Namen Denis Cuspert, starb im Januar 2018 in Syrien.

Der Rapper Deso Dogg, mit bürgerlichem Namen Denis Cuspert, starb im Januar 2018 in Syrien.

Foto: Di Matti / dpa

Arabischer TV-Sender berichtet über das Doppelleben der Witwe von Denis Cuspert, bekannt als Rapper Deso Dogg.

Hamburg. Entstanden sind die Aufnahmen vor mindestens vier Jahren – dort, wo der Islamische Staat (IS) lange unangefochten herrschte, vermutlich in Raqqa. Mit ihrer Handykamera hielt die gebürtige Hamburgerin tunesischer Abstammung ihr Leben an der Seite zweier Topterroristen fest – Schnappschüsse im Kriegsgebiet: ihr kleiner Sohn mit einer Schusswaffe in der Hand; sie im Hijab, eine Kalaschnikow im Anschlag. Und dann sind da die Bilder mit ihrem dritten Ehemann, dem aus Deutschland stammenden IS-Terroristen Denis Cuspert, besser bekannt unter seinem Künstlernamen als Rapper „Deso Dogg“.

Während ihre beiden Ehemänner bei Kämpfen für den IS mutmaßlich starben, lebt Omaima A. mit ihren drei Kindern wieder unbehelligt im Süden ihrer Heimatstadt. Aufgeflogen ist das Doppelleben der „Übersetzerin und Eventveranstalterin“ durch einen Bericht des arabischen Fernsehsenders Al Aan TV mit Sitz in Dubai. Wie es in dem jetzt veröffentlichten Beitrag der Reporterin Jenan Moussa heißt, sei Omaima A.s Smartphone im ehemaligen syrischen IS-Gebiet gefunden worden. „Eine Quelle“ habe der Redaktion darauf den kopierten Inhalt ihres Handys zugespielt – 36 Gigabyte an Dokumenten, Fotos, Videos, insgesamt mehr als 24.000 Dateien.

Wann und wie sich Omaima A. radikalisierte, ist unklar

Ob gegen Omaima A. ermittelt wird, etwa wegen der Beteiligung an Gewalttaten oder einer Mitgliedschaft im IS, ist nicht bekannt. Die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe verweigerte auf Anfrage jegliche Auskunft. Die Öffentlichkeit werde nur nach Festnahmen und Anklageerhebungen informiert, wenn die Verdachtslage als gesichert gelten könne, sagte ein Sprecher. Nana Frombach, Sprecherin der Hamburger Staatsanwaltschaft, sagte: „Die Generalstaatsanwaltschaft ist mit Ermittlungen gegen diese Person nicht befasst.“

Etwas konkreter wurde ausgerechnet die Bayerische Polizei – auf dem Twitter-Account von Jenan Moussa kommentierte sie deren Bericht mit den Worten: „Ist bereits bekannt und wird bearbeitet.“ Für das Abendblatt war Omaima A. nicht erreichbar – nach einmaligem Klingeln ging die Mailbox an.

Wann und wie sich Omaima A. radikalisierte, ist unklar. Erste Hinweise auf Bezüge zur salafistischen Szene stammen aus dem Jahr 2011, dem Gründungsjahr des IS. Aus einer ersten Ehe hatte Omaima A. bereits eine 2007 geborene Tochter. Kurz nach der Scheidung heiratet sie im Mai 2012 Nadir Hadra, in der deutschen Salafisten-Szene als IS-Propagandist „Stimme der Wahrheit“ bekannt. Eine Zeit lang lebt das Paar in Frankfurt, dann schließt sich Nadir Hadra dem IS in Syrien an. Im Januar 2015 reist Omaima A. ihrem Mann mit den zwei gemeinsamen Kindern hinterher. Auf einem der veröffentlichten Handybilder ist zu sehen, wie ihr Sohn im Auto auf dem Schoß des berüchtigten IS-Kommandanten Mohamed Mahmoud sitzt.

Cuspert war Deutschlands bekanntester Dschihadist

Doch das Extremisten-Glück währt nur kurz: Sechs Wochen nach der Einreise kommt Nadir Hadra bei Kobane ums Leben. Für ihren Verlust soll der IS der jungen Witwe 1310 US-Dollar gezahlt haben. Omaima A. bandelt, so der Beitrag, danach mit Denis Cuspert an. Sie heiraten, ziehen zusammen, leben mit Cus­perts Kindern aus früheren Beziehungen unter einem Dach. Cuspert ist damals Deutschlands bekanntester Dschihadist, mutmaßlich beteiligt an Gräueltaten und Hinrichtungen.

Auf dem Handy ist Reporterin Moussa auf eine Reihe verstörender Bilder gestoßen. Auf einem sind IS-Kämpfer mit emporgereckten Sturmgewehren vor dem Eiffelturm zu sehen; auf einem anderen stehen sie vor dem Reichstag, dazu die Überschrift: Die Rache wird bei euch vor Ort sein. Moussa hat versucht, mit der 34-Jährigen in Hamburg zu sprechen – ohne Erfolg. Dem Abendblatt sagte die Reporterin: Sie verstehe nicht, warum Omaima A. ein so ruhiges Leben in Hamburg führen könne. „Wenn die Polizei wusste, dass sie in Syrien war, warum hat sie sie nicht verhaftet?“

32 IS-Anhänger bisher nach Hamburg zurückgekehrt

IS-Rückkehrer wie Omaima A. stehen im besonderen Fokus der Sicherheitsbehörden. 32 IS-Anhänger – 29 Männer und drei Frauen – sind aus den syrischen und irakischen Kriegsgebieten bisher nach Hamburg zurückgekehrt. Laut Verfassungsschutz leben in Hamburg gegenwärtig 771 Salafisten – 648 Männer und 123 Frauen. 410 gelten als Unterstützer des militanten Dschihad.

Ein gänzlich unbeschriebenes Blatt dürfte Omaima A. für die Behörden kaum sein. Nach Abendblatt-Informationen ist sie als Salafistin und Dschihadistin lange bekannt. Bereits 2012 geriet ihre Mutter in den Fokus des Hamburger Verfassungsschutzes, als diese ein muslimisches Kaufhaus in der Harburger City aufbauen wollte – ihre Internetsuche nach Projektpartnern versah sie mit dem Hinweis: „Nur Muslime!!!“