Selbstständigkeit

Senioren als Gründer

| Lesedauer: 5 Minuten
Carina Frey

Foto: ZB / PICTURE ALLIANCE

So mancher mag mit 65 nicht aus dem Arbeitsleben scheiden, ein anderer braucht das Geld: Existenzgründung im Ruhestand.

Den Keller aufräumen, viel reisen, im Garten arbeiten oder doch noch Spanisch lernen? Was viele Neu-Ruheständler voll Freude als künftige Tagesbeschäftigung sehen, lässt andere nur gähnen. Sie wollen weiterarbeiten und zwar als ihr eigener Chef. Und dann gibt es diejenigen, die aus blanker finanzieller Not im Alter eine Existenz gründen. Leicht ist der Weg nicht, denn viele Förderinstrumente greifen für Ruheständler nicht mehr. Dafür haben sie einen Vorteil: Beziehen sie eine Rente, müssen sie nicht sofort schwarze Zahlen schreiben. Existenzgründer im Rentenalter sind Exoten, aber sie werden mehr.

"Es ist ein neues Thema. In den vergangenen eineinhalb Jahren kamen immer mehr Frauen damit zu uns", sagt die Unternehmensberaterin Tamara Braeuer aus Karlsruhe, die Gründerinnen berät. "Die Leute sind sehr beweglich, die wollen noch einmal etwas machen." Was Gründer-Senioren beachten sollten:

Das Unternehmensziel

Die wichtigste Frage lautet: "Geht es um finanzielle Absicherung oder um eine Beschäftigung aus Interesse?", erklärt Christian Schmelcher von der Gründungsberatung mobil in Göttingen. Wer mit seiner Gründung Geld verdienen muss, der macht sich besser in einem Bereich selbstständig, in dem er schon früher gearbeitet hat. "Dann kennt man potenzielle Kunden und weiß, wie der Markt funktioniert. So hat man eher wirtschaftlichen Erfolg."

Steht das Geld im Hintergrund, können Gründer leichter einer Leidenschaft nachgehen. "Viele Frauen machen sich im künstlerisch-kreativen Bereich selbstständig", sagt Unternehmensberaterin Braeuer. "Die sehen das als Zubrot und wollen keine 40 Stunden arbeiten." Christian Schmelcher erzählt von einem pensionierten Beamten, der hochwertige Jagdmesser herstellt und verkauft. "Dem ist es egal, ob er in einem Monat 500 Euro verdient oder nichts."

Die eigene Situation

Ältere Gründer überschätzten manchmal ihre Kräfte, warnt die Initiative "Erfahrung ist Zukunft" in Berlin, hinter der unter anderem Arbeitgeber, Gewerkschaften und die Regierung stehen. "Halte ich die nervlichen und körperlichen Belastungen aus?", nennt Gründungsberater Schmelcher eine wichtige Frage. "Was passiert, wenn ich krank werde und zwei Wochen im Krankenhaus liege?" Für solche Fälle sei es gut, mit einem anderen Selbstständigen zu kooperieren, der im Notfall einspringen kann.

Einzelkämpfer oder Teamgründer?

Die Erfahrung zeige, dass Teamgründungen im Alter sehr schwierig sind, sagt Christian Schmelcher. Die Bereitschaft zu kooperieren und zu kommunizieren, lasse bei vielen Älteren nach. "Die sind nicht mehr so flexibel wie mit 20." Wer dennoch im Team gründen will, sollte sich den Partner genau ansehen. Hat er die gleichen Vorstellungen? Manche suchten nur einen Partner, weil sie sich die Gründung alleine nicht zutrauten.

Die Finanzen

Ohne Eigenkapital ist eine Existenzgründung im Ruhestand schwierig. Die Bundesagentur für Arbeit ist nicht mehr für Ruheständler zuständig, erklärt "Erfahrung ist Zukunft". Damit könnten Fördermittel wie der Gründungszuschuss nicht in Anspruch genommen werden. Auch Darlehen aus dem Programm "ERP-Kapital für Gründungen" gibt es nur bis zum Alter von 62 Jahren. Wenn Banken überhaupt einen Kredit auszahlen, ist die Laufzeit meist sehr kurz, sagt Berater Schmelcher. Die Faustformel laute: Bis zum 70. Lebensjahr muss alles zurückgezahlt sein. Die Initiative rät älteren Existenzgründern, bereits in der Umsatz- und Ertragsvorschau festzuhalten, bis wann die Rückzahlung des Darlehens erfolgt.

Ein weiteres Problem für ältere Gründer: Sie benötigen oft nur Summen bis 10.000 Euro. Für die Banken böten solche Kleinstkredite aber nur geringe Gewinnmargen, so die Initiative. Eine Alternative könnten sogenannte Mikrodarlehen oder das "StartGeld" der staatlichen KfW-Bank sein. Bei letzterem erhalten Gründer bis zu 50 000 Euro für Sachinvestitionen, die KfW trägt 80 Prozent des Kreditausfallrisikos.

Auswirkungen auf die Rente

Vor dem gesetzlichen Renteneintrittsalter dürfen Ruheständler maximal 400 Euro im Monat dazuverdienen, erklärt Renate Thiemann von der Deutschen Rentenversicherung Bund in Berlin. Wer einen höheren Zuverdienst oder Gewinn hat, erhalte nur eine Teilrente. Über-65-Jährige dürften dagegen so viel verdienen, wie sie möchten. Wer sicher ist, von seiner Selbstständigkeit bald leben zu können, kann auch erstmal auf die Rente verzichten. "Pro Monat, den ich verzichte, bekomme ich 0,5 Prozent mehr Rente", erklärt Renate Thiemann.

Geht die Selbstständigkeit schief und türmen sich Schulden, kann ein Teil der Rente gepfändet werden, warnt Thiemann. Nur ein Sockelbetrag sei geschützt. Laut der Pfändungstabelle liege dieser für eine alleinstehende Person bei 989,99 Euro.

Hilfen bei der Gründung

Eine Möglichkeit ist das Förderprogramm "Gründercoaching Deutschland". Dabei werden Existenzgründer über mehrere Monate von einem Berater begleitet. Beratung gibt es auch bei Handwerkskammern, den Industrie- und Handelskammern sowie regionalen Gründungsinitiativen. (dpa)

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Karriere