Piraten

Reeder wollen Polizeischutz auf Schiffen selbst bezahlen

Erneut haben Piraten einen Frachter gekapert. Schiffseigner Beluga aus Bremen beklagt die ausgebliebene Hilfe von den Marine-Fregatten.

Hamburg. Es ist bereits das dritte Schiff der Bremer Reederei Beluga, das gekapert wurde. 800 Seemeilen nördlich der Seychellen im Indischen Ozean enterten Piraten am Wochenende die "Beluga Nomination", einen Schwergutfrachter, mit zwölf Mann an Bord. Die Besatzung reagierte vorbildlich. Unter Führung ihres polnischen Kapitäns retteten sich die Seeleute in den Sicherheitsraum, setzten einen Notruf ab und baten um Hilfe. Doch die kam nicht. So überwanden die Piraten die mit Stahlschotten gesicherten Türen der sogenannten Zitadelle im Schiffsinneren und nahmen die Crew gefangen. Der Frachter steuert jetzt Kurs Somalia.

"Wir sind irritiert", äußerte sich Reeder Niels Stolberg gestern enttäuscht über die ausgebliebene Unterstützung auch von den Fregatten der Anti-Piraten-Mission Atalanta. "Wir können uns nicht erklären, warum innerhalb von zweieinhalb Tagen keine Hilfe angeboten werden konnte."

Auch generell ist eine wirksame Gegenwehr gegen Piraten, die es vor allem auf Lösegelder in Millionenhöhe für entführte Mannschaften abgesehen haben, nach Monaten der Diskussion nicht gefunden. Selbst am Montagabend, als der Überfall schon begonnen hatte, saßen in Berlin Reedereivertreter, Gewerkschafter und Politiker mit dem Maritimen Koordinator der Bundesregierung, Hans-Joachim Otto (FDP), zusammen - ohne Konsens.

Immerhin, so glaubt der Verband Deutscher Reeder (VDR), gehe die Diskussion jetzt in die richtige Richtung. "Wir brauchen einen wirksameren Schutz, weil Maßnahmen wie Wasserkanonen, Stacheldraht an der Reling oder auch Schutzräume nicht ausreichen", sagte Verbandssprecher Max Johns dem Abendblatt. Das zeige auch das Beispiel der Reederei Beluga, die ihre Crews besonders gut schule. "Wir investieren jährlich mehrere Millionen Euro für die Sicherheitsausstattung, Versicherungen sowie für Training", heißt es dazu aus Bremen.

"Wir halten es jetzt für realistisch, dass künftig doch noch bewaffnete Teams von Polizei oder Marine mit an Bord gehen", so Johns. Sowohl das Innen- als auch das Verteidigungsministerium sollten jetzt prüfen, ob dies trotz der bisher geäußerten rechtlichen Bedenken möglich sei. Dabei erwartet der Verband rasch Ergebnisse.

Demgegenüber heißt es jedoch vom Maritimen Koordinator, es seien vor allem Verbesserungen angeregt worden, durch die die Reedereien selbst zu ihrer Sicherheit beitragen könnten. "Dabei geht es um technische Maßnahmen, die Ausbildung der Seeleute und eine verbesserte Zusammenarbeit zwischen Land- und Seestreitkräften in Somalia", sagte ein Sprecher dem Abendblatt. Klar ist: Noch vor der Sommerpause sollen bei einem weiteren Treffen mit Otto Ergebnisse vorgelegt werden.

Immer noch juristisch umstritten ist dabei, ob im Notfall Marine oder Polizei für den Schutz der Seeleute zuständig wären. Die Marine hätte die notwendigen Mittel, sagte Vize-Admiral Axel Schimpf, Deutschlands höchster Marine-Soldat in einem Interview. Der Kampf gegen Piraten sei aber eigentlich Aufgabe der Polizei. Den Reedern wären beide recht. "Wir sind dabei auch bereit, einen Ausgleich für die Kosten zu leisten", versichert Verbandspräsident Michael Behrendt, der Chef von Hapag-Lloyd.

Den Einsatz privater Sicherheitsdienste lehnt der Verband dagegen ab. "Das von den Vereinten Nationen verabschiedete Seerechtsabkommen sieht vor, dass nur Staaten für die Sicherheit auf See sorgen dürfen. Wenn jetzt jeder selbst Personal dafür einstellen soll, wäre dies ein Rückfall ins Mittelalter", kritisiert Ralf Nagel, der VDR-Hauptgeschäftsführer.

Selbst die Frage, ob der Schutz durch Marine oder Polizei an die deutsche Flagge an Bord gebunden ist, scheint noch nicht geklärt. Hilfe vom Staat sei auch deshalb schwierig, so Koordinator Otto, weil nur 440 von derzeit 3000 Schiffen der Flotte unter deutscher Flagge führen. "Das ist eine Frage der Interpretation", so der VDR. Es gehe auch um deutsches Eigentum und deutsche Staatsbürger. Bei der Zahl der Schiffe unter Schwarz-Rot-Gold wird jetzt nachgebessert. Noch 2011 sollen wieder 500 deutsche Farben hissen.