Pandemie

Wie der Corona-Lockdown in Shanghai Hamburger Firmen trifft

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Ein Mann in einem Schutzanzug steht inmitten leerer Straßen in einem abgesperrten Gebiet in  Shanghai. Der Lockdown belastet Hamburger Firmen.

Ein Mann in einem Schutzanzug steht inmitten leerer Straßen in einem abgesperrten Gebiet in Shanghai. Der Lockdown belastet Hamburger Firmen.

Foto: Chen Si / dpa

Weniger Ware, geschlossene Niederlassung, „Care-Pakete“ vor Ort – was Hapag-Lloyd, HHLA, Eppendorf und andere Unternehmen erleben.

Hamburg. Was als Maßnahme für wenige Tage angekündigt war, wurde zum Dauerzustand: Seit mehr als 50 Tagen sind die Einwohner Shanghais im Lockdown. Wegen der hohen Infektionszahlen mit dem Coronavirus und der staatlich verordneten Null-Covid-Strategie ruht das Leben weitgehend in der 26 Millionen Einwohner zählenden chinesischen Küstenstadt. Mittlerweile soll die Ausbreitung des Virus eingedämmt sein. Am Sonntag nahmen erste U-Bahn- und Bus-Linien den Betrieb wieder auf. Doch die Folgen des Stillstands dauern an.

Auch deutsche Firmen waren oder sind von dem Lockdown betroffen, weil sie in der Metropole mit dem größten Hafen der Welt Werke oder zumindest Mitarbeiter haben. Wie viele Einwohner litten teilweise auch Beschäftigte von Hamburger Firmen unter Problemen bei der Lebensmittelversorgung, wie eine Umfrage des Abendblatts ergab.

Pandemie: Beiersdorf auch in Lockdown-Zone Shanghai aktiv

Beiersdorf ist einer der bekanntesten Namen unter den mehr als 90 Unternehmen aus der Hansestadt, die in Shanghai aktiv sind. In einem Forschungs- und Innovationszentrum und einem Werk, das vor allem für den chinesischen Markt Produkte zur Gesichts-, Haar- und Körperpflege sowie Deo­dorants herstellt, sind insgesamt rund 300 Mitarbeiter für den Nivea-Hersteller tätig. „Das Werk war rund 20 Tage lang geschlossen“, sagte eine Unternehmenssprecherin. Aber als eine der ersten Firmen überhaupt in Shanghai habe man die Erlaubnis bekommen, wieder zu produzieren. Am 26. April ging es schritt­weise wieder los. Mittlerweile seien die Kapazitäten wieder zu 60 Prozent ausgelastet.

In anderen Bereichen hätten die Beschäftigten – wie schon gewohnt – aus dem Homeoffice gearbeitet. Beiersdorf sieht die Krise schon als „gut überstanden“ an, vor allem aufgrund des guten Zusammenhalts. Besonders in den ersten Tagen des Lockdowns habe es für die Mitarbeiter Lebensmittelengpässe gegeben. Danach sei es den Beschäftigten und ihren Familien gelungen, sich zu organisieren. „Auch wir als Unternehmen haben dabei unterstützt, Lebensmittel an die Mitarbeitenden weiterzugeben“, sagte die Sprecherin.

Eppendorf hat seine Niederlassung in Shanghai geschlossen

Der Laborbedarfshersteller Eppendorf hat seine Niederlassung in Shanghai derzeit geschlossen. Die gut 130 Mitarbeiter steuern von dort Vertrieb und Service in einem der wichtigsten Länder für das Unternehmen. Die meisten Mitarbeiter arbeiten aus dem Homeoffice. Sie seien gesund und müssten sich nicht mit Lebensmittelengpässen auseinandersetzen, sagte Sprecher Ralph Esper.

Beim Dübel- und Schraubenspezialisten Reyher kennt man solche Probleme hingegen schon. Zwar hält man die Lebensmittelversorgung dort für verbessert und sieht die Mitarbeiter mittlerweile als gut versorgt an. 40 Beschäftigte verantworten das Asien-Pazifik-Geschäft aus Shanghai. Vor vier Wochen habe ihnen eine Tochtergesellschaft aber ein „Care-Paket“ zur Verfügung gestellt, weil die Versorgung damals eine deutlich größere Herausforderung darstellte, wie Thomas Haug, General Manager der Tochtergesellschaft F. Reyher Asia-Pacific, und Einkaufsleiter und Prokurist Hergen Oetjen berichten.

Verschiffungen nur mit Verzögerungen möglich

Einfach sei die Bestellung von Lebensmitteln aber immer noch nicht. Aus den Wohnanlagen gebe es nur Großbestellungen, also müssten sich die Bewohner untereinander aufwendig abstimmen. Und man müsse erwähnen, „dass die Auswahl an Produkten eingeschränkt ist und man nehmen muss, was derzeit angeboten wird“, so Haug und Oetjen.

Generell funktioniere die Arbeit aus dem Homeoffice dank vieler Videokonferenzen gut. Einziges Manko seien teilweise überlastete Netze mit langsamem Internet und öfters gestörte Telefonleitungen, vor allem bei internationalen Verbindungen. Reyhers Lieferanten seien größtenteils gar nicht direkt oder nur für ein bis zwei Wochen von Lockdowns betroffen gewesen. Lieferprobleme gebe es nur vereinzelt wie zum Beispiel bei einem speziellen Stahl. Die Transportwege seien allerdings immer noch stark eingeschränkt, und Verschiffungen aus dem Hafen von Shanghai seien kaum oder nur mit großen Verzögerungen möglich, so Haug und Oetjen. Reyher sei daher auf den nahen Hafen von Ningbo ausgewichen, was ohne größere Einschränkungen funktioniere.

Hapag-Lloyd: „Shanghais Hafen läuft zuverlässig"

Bei Hapag-Lloyd machte man die Erfahrung, dass teilweise zwar bis zu 50 Prozent weniger Ware für den Export aus der Stadt zur Verfügung stand, weil wegen teilweise geschlossener Werke weniger produziert wurde. Auch Kühlcontainer für den Import standen länger, weil es zu wenig Lkw-Fahrer gab, die sie wegen des Lockdowns und komplizierter Reiseregelungen zwischen den einzelnen Regionen abholen konnten.

Aber mittlerweile habe sich die Lage deutlich verbessert, sagt die Reederei-Sprecherin Hanja Maria Richter: „Der Hafen läuft zuverlässig. Unsere Schiffe warten vor Shanghai maximal 48 Stunden, bevor sie ent- und beladen werden.“ Der Grund: Seit Lockdown-Beginn nächtigen die Hafenarbeiter vor Ort und bleiben auf dem Gelände, um sich nicht das Virus einzufangen. Zwar seien die globalen Lieferketten immer noch angespannt, aber der Lockdown sei nur eins von vielen Pro­blemen wie die seit Beginn der Pandemie sich angehäuften Verspätungen, die Folgen des Staus im Suezkanal und dem Krieg in der Ukraine.

Schiffe kommen mit großer Verspätung an

Bei der HHLA führt man auch noch die Wetterlage zu Jahresbeginn mit vielen Stürmen an, die zu massiven Schiffsverspätungen führen. „Insbesondere die zu frühe Anlieferung von Containern für verspätete Schiffe verschärft die Lage und führt zu Rückstaus – somit stoßen die Terminals und Lager an ihre Kapazitätsgrenzen“, sagte HHLA-Sprecherin Karolin Hamann. Derzeit kämen die Schiffe mit einer Verspätung von drei bis fünf Wochen an den Terminals an.

Ende März waren es noch zwei bis vier Wochen. Auf den Anlagen werde rund um die Uhr an sieben Tagen die Woche gearbeitet, um die Versorgung von Unternehmen und Verbrauchern zu sichern. Zusätzliche Flächen für Container wurden angemietet, es gibt Sonderschichten der Belegschaft und Anlieferrestriktionen für Exportcontainer. Spezielle Auswirkungen des Shanghai-Lockdowns spüre man bei der Hamburger Hafen und Logistik AG aber nicht – noch nicht.

Corona: Folgen des Lockdowns werden Hamburg erreichen

Nach Informationen der Shanghaier Repräsentanz von Hafen Hamburg Marketing liegen die Schiffe im Durchschnitt noch immer drei Tage dort. Somit verzögere sich vor Ort noch die Abfertigung, sagt der Sprecher der Marketingorganisation des Hafens, Ralf Johanning: „In den kommenden Wochen ist damit zu rechnen, dass die Folgen des Lockdowns in Shanghai auch Hamburg erreichen.“

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