Hamburg

HHLA-Chefin: Wie der Hafen sich wandelt und Gewinn macht

Angela Titzrath spricht über die wirtschaftliche Lage während der Pandemie, die geplante Hafenfusion und Proteste gegen ihren Kurs.

Lesedauer: 12 Minuten
Hamburger Hafen: Die HHLA-Vorstandsvorsitzende Angela Titzrath setzt auf mehr Effizienz.

Hamburger Hafen: Die HHLA-Vorstandsvorsitzende Angela Titzrath setzt auf mehr Effizienz.

Foto: Roland Magunia / FUNKE Foto Services

Hamburgs führender Hafenkonzern, die Hamburger Hafen und Logistik AG, steht vor einem ihrer größten Umbrüche in der Geschichte. Sich verändernde Warenströme, Digitalisierung und Automatisierung zwingen zu einer Neuausrichtung. HHLA-Vorstandschefin Angela Titzrath erklärt im Interview, was das Unternehmen vor hat und welche Konsequenzen sich daraus für die Arbeitsplätze ergeben.

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Frau Titzrath, für ein Hafenunternehmen ist der persönliche Kontakt zu den Reedereien besonders wichtig. Wann haben Sie denn das letzte Mal mit einem Ihrer Kunden gesprochen?

Angela Titzrath: Per Videokonferenz gerade erst gestern. Der letzte Vor-Ort-Besuch liegt allerdings schon etwas zurück. Im Herbst war ich in Triest zur Übernahme unseres Terminals im dortigen Hafen. Es wäre schöner, sich persönlich auszutauschen, aber wir bleiben auch in Pandemiezeiten im engen Austausch. Ich gehe davon aus, dass die digitale Form der Kommunikation auch nach Corona eine große Rolle spielen wird.

Wann gehen Sie denn davon aus, wieder Ihre Kunden treffen zu können?

Angela Titzrath: Das ist schwer zu sagen. Unsere asiatischen Kunden sind darauf bedacht, nur Personen ins Land zu lassen, die geimpft sind. Unsere Mitarbeiter vor Ort müssen sich an strenge Quarantäneregeln halten, wenn sie familiären Besuch erwarten. Geschäftsreisen werden hoffentlich im Spätsommer wieder möglich sein, wenn die Impfquote deutlich höher ist.

Wie ist die HHLA denn wirtschaftlich durch das Jahr 2020 gekommen?

Angela Titzrath: Ich möchte zunächst einmal ausdrücklich dem Bürgermeister und dem Senat für das gute Krisenmanagement danken. Die HHLA kommt bisher auch dank ihres eigenen wirksamen Corona-Schutzmanagements gut durch die Krise. Wir hatten an keinem Tag einen Corona-bedingten Betriebsausfall und waren somit für unsere Kunden verlässlich im Einsatz. Wir mussten auch keine Mitarbeiter entlassen oder in Kurzarbeit schicken oder den Lohn kürzen. Mit Blick auf andere europäische Häfen ist das eine große Leistung. Wir halten Wort und versorgen Deutschland. Dafür gebührt der gesamten HHLA-Mannschaft ein großes Dankeschön. Zum Geschäftsergebnis für das Jahr 2020 kann ich nur so viel sagen: Wir werden nicht an die Zahlen von 2019 anknüpfen, aber wir werden ein positives Ergebnis erzielen.

Ist diese Nachricht bei den Anlegern nicht angekommen? Die Börse erzielt schon wieder Rekordwerte, die Aktie der HHLA hinkt hinterher. Worauf führen Sie das zurück?

Angela Titzrath: Die Börse spiegelt die weiterhin hohe Unsicherheit im Markt wider. Der starke Rückgang der Umschlagmenge aufgrund ausgefallener Schiffsabfahrten sowie der Verlust eines Fernostdienstes waren Nachrichten, die an den Finanzmärkten stark wirkten. Auch wenn zwischenzeitlich erste für uns wichtige Volkswirtschaften wie Asien wieder auf dem Weg der Erholung sind und wir eine leichte Zunahme der Umschlagmenge sehen, so sorgen die anhaltend hohen Infektionszahlen in Europa und anderen Regionen jedoch weiterhin für Unsicherheit.

Die Stadt ist größter Anteilseigner. Werden Sie denn eine Dividende ausschütten?

Angela Titzrath: Wir halten trotz des Krisenjahres an unserer Dividendenpolitik unverändert fest und planen mit einer Ausschüttung von 50 bis 70 Prozent des Gewinns vom Teilkonzern Hafenlogistik. Das dürfte alle unsere Anteilseigner erfreuen. Wir sind eine Wachstums- und Wertanlage. Auch nach dem Krisenjahr 2020.

Aber man wird sich auf eine geringere Dividende einstellen müssen...

Angela Titzrath: Relativ betrachtet nicht, in absoluten Zahlen ausgedrückt ja.

Wenn wir jetzt den Blick nach vorne richten, was erwarten Sie für 2021?

Angela Titzrath: 2021 ist aus unserer Sicht ein Jahr der Zuversicht. Die USA sind rund zehn Prozent besser aus der Krise gekommen als ursprünglich angenommen. Auch die asiatische Wirtschaft, hier insbesondere die chinesische, verzeichnet inzwischen teilweise höhere Zuwachsraten als vor der Krise. Wir partizipieren an dieser Entwicklung. Ich rechne damit, dass es zu einem Aufholeffekt kommen wird. Dieser wird noch nicht dazu führen, dass die Wirtschaft wieder Vorkrisenniveau erreicht, aber eine Erholung wird es geben, von der die HHLA auch profitiert. Und es werden wieder die Themen Fahrt aufnehmen, die schon vor der Krise wichtig waren: Digitalisierung und Nachhaltigkeit.

Sie sprechen von Zuversicht. Andere Experten sagen, dass der Hamburger Hafen in Sachen Effizienz hinter den Wettbewerbshäfen im Westen zurückgefallen ist. Stimmt das?

Angela Titzrath: Es gibt einen Grundsatz: Die Zukunft wird in der Gegenwart entschieden, also heute. Deshalb setzen wir unser bereits im Jahr 2018 gestartetes Zukunftsprogramm entschlossen um. Wir investieren dabei eine Milliarde Euro über einen Zeitraum von fünf Jahren mit dem Ziel, die Effizienz unserer Anlagen zu steigern und unsere Leistungsfähigkeit gegenüber unseren Kunden zu erhöhen. Wir stehen im harten Wettbewerb mit Rotterdam und Antwerpen und zunehmend mit Häfen in der Ostseeregion. Es gibt derzeit in der europäischen Nordrange mehr Umschlagskapazitäten im Markt als benötigt werden. Zudem haben wir Kunden, die durch den Zusammenschluss in Allianzen, eine starke Verhandlungsmacht besitzen. Auf diese veränderten Rahmenbedingungen müssen wir Antworten finden.

Sie planen den Burchardkai stärker zu automatisieren. Wird es dort künftig weniger Jobs geben als bisher?

Angela Titzrath: Es geht nicht um Abbau, sondern um die Zukunftssicherung von Beschäftigung. Deshalb investieren wir kontinuierlich. Unsere Mitarbeiter nehmen wir auf diesem Weg mit. Allein am Burchardkai fanden in den letzten Monaten über 300 Info-Veranstaltungen des Managements statt. Wir geben den Mitarbeitern die Chance, sich in den notwendigen Veränderungsprozess einzubringen und diesen mitzugestalten. Eine Mehrheit ist zu Veränderungen bereit. Viele Mitarbeiter haben erkannt, dass wir mit einem „Weiter so“ im Wettbewerbsumfeld nicht bestehen können. Sie sollen an der Neugestaltung der strukturellen Prozesse aktiv mitwirken. Das fordern wir sogar ein.

Man hört aus der Belegschaft aber auch massive Kritik.

Angela Titzrath: Es geht um Sachlichkeit. Nicht die schnelle Emotion, das Schüren unrealistischer Erwartungen, das Wecken von Zweifeln am Kurs des Vorstands durch Falschinformation und Radikalisierung können der Weg sein. Dem werden wir uns entschlossen entgegenstellen. Unsere Eigentümer, auch unser Mehrheitseigentümer, werden uns hierbei unterstützen. Die HHLA hat solche Transformationsprozesse in der Vergangenheit immer gut bewältigt, weil wir sie gemeinsam mit den Mitarbeitern umgesetzt haben. Diese sozialpartnerschaftliche Tradition wollen wir fortsetzen. Wir wollen Kosten senken und effizienter werden, nicht um des Sparens Willen, sondern um uns zukunftsfähiger aufzustellen und um Beschäftigung zu sichern.

Einen Jobabbau schließen Sie nicht aus?

Angela Titzrath: Wenn wir das uns zur Verfügung stehende Instrumentarium sinnvoll und zielführend einsetzen, dann haben wir die Möglichkeit auf betriebsbedingte Kündigungen zu verzichten. Ich will aber auch Klarheit schaffen: Anders als in den vergangenen Jahren geht es weniger um die Bedingungen mit denen die heutige Arbeit im Hafenumschlag erbracht werden kann. Die Frage ist vielmehr, ob und wie viel wettbewerbsfähiger Hafenumschlag in Deutschland künftig noch möglich ist. Und da können wir alle gemeinsam einen Beitrag leisten.

Das heißt aber schon, dass es zu einem Arbeitsplatzabbau kommen wird?

Angela Titzrath: Das heißt, dass es zu einer anderen Form der Beschäftigung kommt. Und das ist nur eine Seite der Medaille. Die HHLA wächst schließlich, wir haben seit Jahren einen Beschäftigungszuwachs. Die HHLA wird, indem sie ihre strategischen Wachstumsziele verfolgt, neue Berufsbilder anbieten, die in Folge des digitalen Wandels entstehen.

Sie bieten also ihren Mitarbeitern durch Qualifizierung neue Jobs an, schließen aber weniger Beschäftigung nicht aus?

Angela Titzrath: Es wird andere Beschäftigung geben.

Wer betreibt denn die Radikalisierung, die die Weiterentwicklung behindert? Von Gewerkschaftsseite wird ja schon der Begriff „Arbeitskampf“ in den Mund genommen.

Angela Titzrath: Wenn Sie so wollen, ist die HHLA ein Spiegelbild der Gesellschaft. Wir sind gemeinsam gefordert, verantwortungsvoll Einfluss zu nehmen. Wir sollten nicht die Möglichkeit geben, zu polarisieren und lautstark zu spalten. Lösungen lassen sich am Verhandlungstisch und im Dialog finden. Ich habe Verständnis dafür, dass das Wort „Veränderung“ Ängste auslösen kann. Darum sagen wir: Macht mit! Bringt Euch ein und wirkt bei der Zukunftsgestaltung der HHLA mit und nicht an der Zementierung der Vergangenheit! Hier zähle ich auch und besonders auf die Gewerkschaften.

Wie wollen sie den radikalen Kräften denn entgegentreten?

Angela Titzrath: Das tun wir, indem wir die Diskussion versachlichen, den Dialog vor Ort führen und uns gegen jegliche Form von Aggression wenden.

Sie sind in Gespräche über eine Kooperation mit Eurogate eingetreten. Wie sieht es aus?

Angela Titzrath: Es gibt in der Sache zunächst nichts Neues zu sagen. Es ist aber verkürzt von HHLA und Eurogate zu sprechen. Es geht um eine mögliche Zusammenarbeit der norddeutschen Häfen. Da spreche ich die Bremer Logistik Group und Eurokai als Anteilseigner von Eurogate an. Zudem geht es nicht um die gesamte HHLA, sondern nur um ein Segment, den deutschen Containerumschlag. Ich halte diese Kooperation grundsätzlich unternehmerisch für sinnvoll, weil sie weit in die Zukunft weist und den Standort Deutschland stärken könnte. Die Gespräche laufen schon eine Weile, aber sie sollten sich aufgrund des Wettbewerbsdrucks nicht ewig hinziehen. Wir haben deshalb im Dezember einen Vorschlag für einen angemessenen Verhandlungsprozess unterbreitet. Klar ist: kommt es zum Ergebnis, bedarf es auch der Unterstützung durch die Politik.

Verzögert die Pandemie die Verhandlungen?

Angela Titzrath: Wir alle sind damit beschäftigt, die Folgen der Krise zu bewältigen. Dass man sich nicht persönlich treffen kann, erschwert die Gespräche zusätzlich.

Was sieht denn Ihr Vorschlag vor?

Angela Titzrath: Die Gespräche sind vertraulich. Nur so viel: Wir würden es begrüßen, wenn man sich bis Jahresende in wesentlichen Fragen verständigt hat.

Welche Grundbedingung muss denn aus ihrer Sicht erfüllt sein, damit Sie eine solche Kooperation unterschreiben können?

Angela Titzrath: Wir müssen ein starkes Unternehmen aufbauen. Dazu gehört die Wahrnehmung der langfristigen Verantwortung an den jeweiligen Standorten etwa bei der Investitionssteuerung. Es geht auch um Klarheit im Austausch mit unseren Kunden und um Wettbewerbs- und Zukunftsfähigkeit, zum Beispiel mit Blick auf die Beschäftigung im Hafen.

Beanspruchen Sie bei einem Zusammenschluss die unternehmerische Führung?

Angela Titzrath: Wer das Gemeinschaftsunternehmen leitet, wird erst am Ende der Verhandlungen entschieden. Voraussetzung ist, dass wir ein leistungsfähiges Unternehmen entwickeln. Leistungsfähig für den Standort Deutschland, die Eigentümer und die Beschäftigten.

Ist es denkbar, dass die unternehmerische Führung alle zwei Jahre wechselt?

Angela Titzrath: Nein. Wir wollen keinen Interessenverband entwickeln, sondern ein langfristig profitables Unternehmen. Dafür brauchen wir transparente und nachvollziehbare Entscheidungs- und Führungsstrukturen. Und gerade in unserem Geschäft geht es darum, langfristige Investitionsentscheidungen zu treffen und nicht um Fähnchen im Winde der Zeit.

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