Landwirtschaft

Neue Sorte: Wie der Apfel Fräulein zu seinem Namen kam

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Steffen Preißler
Marco Völkers ist einer von 140 Obstbauern an der Unterelbe, die die Sorte Fräulein ernten.

Marco Völkers ist einer von 140 Obstbauern an der Unterelbe, die die Sorte Fräulein ernten.

Foto: MARCELO HERNANDEZ

Im ersten Jahr werden im Alten Land nur etwa 60 Tonnen geerntet. Bald ist das Obst auf Wochen- und in Supermärkten zu haben.

Jork.  Fräulein hängt noch am Baum. Dunkelrot und an manchen Stellen auch noch grün. Etwas Herbstsonne kann den Äpfeln guttun – es ist eine ganz neue Sorte. Obstbauer Marco Völkers aus Jork läuft durch die Reihen der Bäume, auf denen er die neuen Äpfel mit dem ungewöhnlichen Namen anbaut. Er pflückt einen ab und beißt hinein. Obwohl noch nicht ganz reif, ist er schon saftig und knackig. Erste Verbrauchertests ergaben: Mit der Saftigkeit von Fräulein sind 91 Prozent der Kunden zufrieden, mit der Knackigkeit 86 Prozent.

Völker hat im Frühjahr vergangenen Jahres 3000 der neuen Bäume gepflanzt, der Obstbauer rechnet mit einem Ertrag von fünf bis sechs Kilo pro Baum. Nach vier bis fünf Jahren sollen es bereits 15 bis 20 Kilo sein. „Es wird eine der letzten Sorten sein, die wir in diesem Jahr ernten“, sagt Völkers, der das Kernobst auf einer Fläche von insgesamt 40 Hektar anbaut. In etwa zwei Wochen soll bei Fräulein die Ernte beginnen.

140 Obstbauern versuchen sich am Fräulein-Anbau

„Ich wollte mal etwas Neues ausprobieren, denn nur mit den bekannten Sorten zu arbeiten, bedeutet Stillstand“, sagt Völkers. „Die neue Sorte finde ich vielversprechend, weil sie auch pflegeleicht ist.“ Völkers ist einer von rund 140 Obstbauern im Alten Land, die sich erstmals am Fräulein-Anbau versuchen. Die neue Sorte wird voraussichtlich ab Mitte November auf dem Markt sein – sowohl in Supermärkten als auch an den Wochenmarktständen der Obstbauern.

„Bei der Namensfindung sind wir ganz neue Wege gegangen. Wir haben mit einer Werbeagentur zusammengearbeitet, die sonst nur für große Adressen der deutschen Wirtschaft arbeitet“, sagt Jens Anderson von der Erzeugerorganisation Elbe Obst, bei der auch Marco Völkers Mitglied ist. Aus verschiedenen Namensrichtungen hätten sich die Werbeexperten für „die regionale Schiene“ entschieden und darauf verzichtet ein Kunstwort zu kreieren.

Amerikanische Soldaten trugen das Wort Fräulein in die Welt

„Fräulein ist zwar urdeutsch, aber auch international bekannt. So wie der Accent aigu für Frankreich steht, weiß bei einem Umlaut jeder, dass der Begriff aus Deutschland kommt“, sagt Anderson. „Amerikanische Soldaten haben das Wort in die Welt getragen. Einerseits steht es für die Wirtschaftswunderzeit, aber auch jetzt erlebt der Begriff wieder eine Renaissance.“

Neben Fräulein wird in diesem Jahr auch erstmals ein Apfel namens Deichperle in die Geschäfte kommen. Dazu wurden die Sorten Topaz und Dalinbel gekreuzt. „Diese Sorte stammt von der Züchtungsinitiative Niederelbe. Das ist ein Zusammenschluss von über 100 norddeutschen Obstbauern, die sich zum Ziel gesetzt hat, neue Apfelsorten zu züchten“, sagt Martin Brüggenwirth, Sortenprüfer und Versuchsleiter bei der Obstbauversuchsanstalt in Jork. „Wir testen die Sorte bereits seit 2014. Sie ist resistent gegen Apfelschorf, einfach im Anbau und hat eine schöne Optik.“ Deichperle zeichne sich durch eine feine Säure aus und sei lange haltbar. Das Ziel der Züchtung war, einen Apfel zu schaffen, der gut mit Hitze und Trockenheit zurechtkommt. Geerntet wird die Sorte 2020 von 40.000 Bäumen.

Fräulein die Zufallszüchtung eines Obstbauern

Während man bei Deichperle den Züchtungsvorgang nachverfolgen kann, ist Fräulein die Zufallszüchtung eines Obstbauern aus der Hildesheimer Börde. Gerd Sundermeyer hatte unzählige Kerne von neueren und älteren Sorten keimen und wachsen lassen und die Triebe veredelt – bis er endlich den Apfel hatte, mit dessen Geschmackserlebnis er zufrieden war. Das Deutsche Obstsorten Konsortium (DOSK), bei dem auch Elbe Obst Mitglied ist, fördert solche Innovationen und hat die Rechte an der neuen Apfelsorte übernommen. „Erstmals ist es uns gelungen, eine Neuentwicklung auf den Markt zu bringen, an der der gesamte deutsche Erwerbsobstbau vom Alten Land bis zum Bodensee beteiligt ist“, sagt Anderson.

Bei Elbe Obst beteilige sich etwa jeder dritte Obstbauer am Fräulein-Anbau. Im ersten Jahr ist die Erntemenge von den jungen Bäumen noch sehr überschaubar, bundesweit wird mit nur etwa 300 Tonnen gerechnet, davon 60 Tonnen aus dem Norden. Doch schon im nächsten Jahr soll die Erntemenge auf 3000 Tonnen steigen, 2024 könnten es dann bereits 15.000 Tonnen sein. Obstbauer Völkers hat bereits 3000 weitere Fräulein-Bäume gepflanzt, die in diesem Jahr aber noch nicht tragen. „Wir wollen, dass Fräulein eine der beliebtesten Sorten wird“, sagt Anderson. „Der Apfel ist sehr saftig und knackig und verspricht aufgrund seiner größeren Zellstruktur ein neues Geschmackserlebnis.“

In der Obstbauversuchsanstalt in Jork werden 400 Sorten getestet

In der Obstbauversuchsanstalt in Jork werden insgesamt rund 400 Apfelsorten getestet, die noch nicht auf dem Markt sind. „Das Sortenkarussell dreht sich immer schneller, weil die Nachfrage nach neuen Sorten sehr groß ist“, sagt Versuchsleiter Brüggenwirth. In Jork wird geprüft, wie sich die Sorten in Verkostungen bewähren, welche Anbau- und Lagerbedingungen sie brauchen und wie resistent sie gegen Schädlinge sind. Dabei werden zwei Strategien verfolgt. Zum einen den konventionellen, inte­grierten Anbau, der versucht, mit so wenig Schädlingsbekämpfungsmitteln wie möglich auszukommen. Zum anderen den reinen Bioanbau. Dabei dürfen keine chemischen Pflanzenschutzmittel, keine Herbizide zur Unkrautbekämpfung und kein synthetischer Dünger verwendet werden. Der Anbau ist daher um etwa 50 Prozent arbeitsintensiver als in inte­grierten Plantagen.

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Selbst gezüchtet werden neue Apfelsorten in Jork aber nicht. „Wir bekommen die Bäume von Züchtern“, sagt Brüggenwirth. Zehn bis 20 Jahre dauert es, bis eine neue Sorte auf den Markt kommen kann. „Das liegt vor allem an der aufwendigen Züchtung ohne Gentechnik, die wie vor 100 Jahren abläuft“, sagt der Obstexperte. An die eigentliche Züchtung schließt sich dann noch die Prüfung an. „Während früher dafür noch zehn Jahre Zeit blieben, müssen wir das jetzt in fünf Jahren absolvieren“, sagt Brüggenwirth. „Es gibt über 70 Markensorten, die alle das Premiumsegment besetzen wollen, aber wie viele davon übrig bleiben, ist völlig offen.“

Pro-Kopf-Verbrauch von Äpfeln liegt bei 25,5 Kilogramm

Dennoch gelingt es, neue Sorten in den Handel zu bringen, die auch im Alten Land angebaut werden. Zuletzt waren das etwa Kanzi, die Frühsorte Swee Tango, der kleine Snackapfel Rockit, dessen Kerngehäuse mitgegessen werden kann und der rotfleischige Kissabel. Einerseits ist es für die Erzeuger schwer, in die Obstregale der Handelsketten zu kommen, weil der Platz dort begrenzt ist. Andererseits ist der Handel an neuen Sorten interessiert, um den Kunden Abwechslung zu bieten.

Der Pro-Kopf-Verbrauch von Äpfeln in Deutschland steigt und lag 2019 bei 25,5 Kilogramm. Doch vor allem jüngere Konsumenten sind mit Elstar und Boskoop nicht mehr zu begeistern. Den Obstbauern sollen die neuen Sorten höhere Verkaufserlöse bringen. Sie müssen sich aber finanziell am Marketing beteiligen oder eine Lizenzgebühr zahlen. Doch durch eine Lizenz kann die Anbaumenge gesteuert werden – für ältere Sorten gibt es keine Anbaubeschränkungen.

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