Corona

Wie Bauern unter dem Absturz des Pommes-Geschäfts leiden

Landwirt Jan Erhorn aus Drestedt bei Buchholz muss ernten, obwohl die Kartoffel-Lager voll sind. 800 Tonnen hat er bereits als Tierfutter verkaufen müssen.

Landwirt Jan Erhorn aus Drestedt bei Buchholz muss ernten, obwohl die Kartoffel-Lager voll sind. 800 Tonnen hat er bereits als Tierfutter verkaufen müssen.

Foto: Roland Magunia/Funke Foto Services

Wegen Corona werden weniger Fritten gegessen. Millionen Knollen enden als Tierfutter. Vom Preisverfall profitieren Verbraucher nicht.

Hamburg.  Jan Erhorns Betrieb südlich von Hamburg ist in der ganzen Region bekannt – als Kartoffel-Willi. Seit Generationen baut die Familie Heidekartoffeln an. Mit einem eigenen Stand auf dem Hamburger Großmarkt vertreten, liefert der Landwirt aus Drestedt damit auch einen wichtigen Teil des Gemüses, das in der Hansestadt verzehrt wird.

Erhorn, der Sorten wie Linda, Belana und Annabelle anbaut, hat schon vieles erlebt: schlechte Ernten oder katastrophales Wetter, doch mit einer Saison wie in diesem Jahr während der Corona-Krise war er bisher noch nicht konfrontiert. Die Preise sind im Keller. Und teilweise müssen Kartoffeln als Tierfutter oder in Biogasanlagen „entsorgt“ werden, klagt Erhorn.

Der Grund: Das Geschäft mit Pommes frites ist abgestürzt, nach einer ordentlich ausgefallenen Ernte drücken zu viel produzierte Kartoffeln auf den Preis. „Der faktische Wegfall des Außer-Haus-Verzehrs bringt den Absatz in ganz Europa praktisch zum Erliegen“, sagt der Generalsekretär des Bauernverbands, Bernhard Krüsken, über die Pommes-Misere.

Europaweit werden weniger Pommes verkauft

Auch Thomas Harders vom Grillpavillon in Stellingen ist Leidtragender der Corona-Krise und ihrer Folgen. Praktisch keine HSV-Anhänger mehr, keine Konzertbesucher in den Arenen. „Ich kaufe nur noch einen Sack Pommes – in der Woche“, sagt der Betreiber des Fan-Treffs. 95 Prozent seines Umsatzes seien weggebrochen. Denn Zehntausende Gäste des Volksparkstadions bleiben weg.

Und selbst wenn mit den Lockerungen und dem Start der Bundesliga nach der Sommerpause jetzt wieder einige Hundert Tickets verkauft werden, die Mengen an Fritten, die der „Pommes-König“ genannte Imbiss an der Schnackenburgallee sonst absetzen konnte, werden wohl lange nicht mehr wieder erreicht.

Europaweit kaufen die Menschen weniger Pommes, weil wegen Corona Einschränkungen in der Gastronomie herrschen, zudem alle Events und Jahrmärkte abgesagt sind. Auch fallen viele Freibadbesuche weg, die meist mit Heißhunger auf die salzigen Stäbchen enden.

Überhang von zwei Millionen Tonnen Pommes-Kartoffeln

Zwar scheinen nun zu Hause mehr Pommes gegessen zu werden als vor der Krise, wie Nielsen-Handelsexpertin Silke Schmitt berichtet: „Bei Kartoffelprodukten aus der Tiefkühltruhe beobachten wir einen deutlichen Corona-Effekt.“ Viele Bundesbürger hätten sich in der Krise mit Pommes und Co. ähnlich wie mit Toilettenpapier bevorratet. Insgesamt gaben die Bundesbürger in den ersten sechs Monaten dieses Jahres den Marktforschern zufolge rund 247 Millionen Euro für Tiefkühl-Kartoffelprodukte aus. Das waren rund 26 Millionen Euro mehr als in der ersten Jahreshälfte 2019.

Doch dieser Effekt im Privatverbrauch wird von dem Einbruch in Restaurants und an Kiosken deutlich überkompensiert. Schließlich musste die Gastronomie ab Mitte März zunächst in die Zwangspause gehen. Und bis heute bleiben viele Kunden weg oder müssen vertröstet werden, weil Tische wegen der Abstandsregelungen unbesetzt bleiben.

Marktexperten schätzten als Folge dieser Effekte einen „Überhang“ an Fritten-Kartoffeln von zwei Millionen Tonnen in Nordwesteuropa. Zum Vergleich: Die ganze Kartoffelernte Deutschlands beträgt zehn Millionen Tonnen. Das Problem: Es gibt spezielle Veredelungskartoffeln, sie sind besonders groß, weiß und mehlig und damit perfekt für die Herstellung von Pommes.

Preis für Industriekartoffeln bricht ein

Doch ewig lagern lassen sich die im Herbst geernteten Veredelungskartoffeln auch nicht, schnell fangen sie an zu keimen und müssen dann vernichtet werden. Für Industriekartoffeln ist der Preis wegen des Überangebots für zehn Kilo von 18 auf 3 Euro gefallen. Verarbeiter wie McCain, Aviko oder Farm Frites (Niederlande) können also billig einkaufen. Ihre Lager mit den Snacks, die erst am Ende des 19. Jahrhunderts aus Belgien ihren Weg nach Deutschland fanden, sind voll.

Podcast "Schmeckt's" mit Kartoffelbauer Timo Posewang:

Auch bei Jan Erhorn wirkt sich die Krise bei den Pommes aus, obgleich er selber keine Kartoffeln für die Industrie produziert. Dass die Erzeuger ihre überschüssigen Pommes-Kartoffeln für wenig Geld in den Markt drückten, in der Notsituation auch als mehlig kochende Speisekartoffeln für die Verbraucher, belaste die Preise auch für andere Sorten.

„Im vergangenen Jahr habe ich 20 Euro für 100 Kilo bekommen“, rechnet der Landwirt vor „Jetzt sind es nur noch acht bis zehn Euro.“ Er müsse rund zwei Euro für den Doppelzentner drauflegen. Die schlimme Folge: 800 Tonnen hochwertiger Speisekartoffeln hat Erhorn bereits als Tierfutter verkaufen müssen.

Preise für Kartoffeln sinken: Verbraucher profitieren nicht

Allerdings wirke sich die Kartoffelschwemme kaum auf die Preise im Supermarkt aus. Für den Verbraucher sei das Gemüse nur wenig günstiger, sagt Erhorn. Der Grund: Die Großhändler stehen bei den mächtigen Ketten zwar unter erheblichem Verhandlungsdruck, doch die Geschäfte geben die geringeren Einkaufspreise derzeit nur selten an die Kunden weiter.

Kioske, viele Restaurants und die Landwirte leiden unter dem Corona-Effekt in Sachen Pommes. Als langfristige Gewinner könnten allerdings große Anbieter wie McDonald’s aus der Krise hervorgehen. Die Aktie des US-Konzerns gehört trotz der Pandemie zu den Gewinnern am Markt. Börsianer sehen eine glänzende Zukunft für die Fastfoodkette. Die Amerikaner dürften nach Corona noch weiter wachsen, denn die Leute wollen ja weiter ihren Burger und ihre Pommes essen.

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Die Großen der Branche werden die Lücken füllen, die durch die zahlreichen Pleiten bei Einzelkämpfern in der Gastronomie entstehen, davon sind Marktbeobachter überzeugt. Auch der Pommes-König in Stellingen sieht skeptisch in die Zukunft: „Eigentlich wollte ich mir jetzt, mit Ende 50, etwas für die Rente beiseitelegen“, sagt Harders. „Doch das wird jetzt nichts.“