Hamburg

Norbert Aust wird Handelskammer-Präses bei chaotischer Wahl

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Martin Kopp
Das gewählte Handelskammer-Präsidium (v. l. n. r.): Niels Pirck, Martina Warning, Wilhelm van der Schalk, Astrid Nissen-Schmidt, Bettina Hees , der neue Präses Norbert Aust sowie Wilfried Bauer.

Das gewählte Handelskammer-Präsidium (v. l. n. r.): Niels Pirck, Martina Warning, Wilhelm van der Schalk, Astrid Nissen-Schmidt, Bettina Hees , der neue Präses Norbert Aust sowie Wilfried Bauer.

Foto: Michael Rauhe / Funke Foto Sevices

Wütende Zwischenrufe und technische Schwierigkeiten sorgten für eine schwierige Sitzung. Dann platzte Aust der Kragen.

Hamburg. Die Handelskammer Hamburg hat eine neue Führung. Das im Februar gewählte Parlament hat in seiner konstituierenden Sitzung am Freitag den Hamburger Kulturmanager Norbert Aust zum neuen Präses gewählt. Aust, der als Einziger für dieses Amt kandidierte, erhielt 51 der insgesamt 57 abgegebenen Stimmen. Er soll nun die Geschicke der Handelskammer für vier Jahre lenken.

„Alle Mann an Deck. Wir müssen an die Arbeit“, sagte er nach der Wahl. „Sie haben mir eine hohe Verantwortung und Bürde aufgeladen. Die Arbeit werde ich nicht allein schaffen.“ Er betonte, dass er sich das Amt mit der Unternehmensberaterin Astrid Nissen-Schmidt teilen wolle. Zudem rief Aust das gesamte Plenum, die Ausschüsse und „jeden Einzelnen aus dem Hauptamt“ dazu auf, konstruktiv mitzuarbeiten.

Sitzung zur Wahl des Handelskammer-Präses war chaotisch

Der Start war allerdings alles andere als einfach, weil die Sitzung wegen Übertragungsproblemen und Tonstörungen teilweise chaotisch verlief. Lediglich 41 der stimmberechtigten Plenumsmitglieder waren in den Börsensaal der Handelskammer gekommen. Der Rest der frisch gewählten Plenumsmitglieder ließ sich zur Minimierung der Ansteckungsgefahr mit dem Coronavirus per Telefon zuschalten. Sie hatten ihre Stimme zuvor per Briefwahl abgeben können.

Immer wieder kämpfte Aust mit Verständigungsproblemen zwischen den Plenumsmitgliedern im Saal und an den Telefonen. „Bitte haben Sie Geduld, Sie werden gleich verbunden“, dröhnte es auf einmal aus den Lautsprechern im Saal, weil ein Teilnehmer aus der Leitung geflogen war. „Das ist eine Vollkatastrophe“, sagte ein zugeschalteter Unternehmer.

Wütende Zwischenrufe – Aust platzt der Kragen

Zudem wurde die Sitzung immer wieder von Zwischenrufen und Anträgen durch die Prokuristin einer Solarfirma, Ursel Beckmann, unterbrochen, die früher zu den Kammerrebellen gehörte, und keinen Hehl aus ihrer Ablehnung der neuen Kammerführung machte. Zusammen mit der Einzelhändlerin Martina Harbs erklärte sie, dass die Wahl aus ihrer Sicht nicht satzungsgemäß verlaufen sei.

Beide monierten, dass die Abstimmung auch per Briefwahl ermöglicht worden war, was die Satzung eigentlich nicht vorsehe. Beckmann verlangte zudem überraschend, dass die Bestellung des Außenwirtschaftsbeauftragten der Kammer in geheimer Wahl erfolgen solle. Weil zahlreiche Plenumsmitglieder nicht anwesend sein konnten, hätte die Wahl aber nicht stattfinden können. Das Plenum wies den Antrag zurück. Beckmann insistierte.

Irgendwann platzte Aust der Kragen. „Lassen Sie uns mit diesen kleinlichen Geschäftsordnungsdebatten aufhören, Frau Beckmann! Wir haben angesichts der größten Krise unseres Landes wirklich andere Probleme.“ Der Haspa- Direktor Niels Pirck fügte hinzu: „Wenn es brennt, rennen die einen los und holen Wasser, die anderen zitieren aus der Brandschutzverordnung.“

Warum einige Plenumsmitglieder keine Chance hatten

Die Wahl eingeleitet hatte Plenumsmitglied Robert Lorenz-Meyer. Nicht weil er der Dienstälteste ist, sondern weil er mit 58 Jahren das älteste Mitglied des Plenums ist, das nicht für einen Platz im Präsidium kandidierte. Normalerweise leitet das alte Präsidium die konstituierende Sitzung, bis das Nachfolgegremium gewählt ist. Doch die bisherige Führung um Vizepräses André Mücke blieb der Versammlung aus Protest fern.

Wie berichtet, hatte das Alt-Präsidium wegen der Coronakrise dafür plädiert, die Sitzung zu verschieben. Lediglich Vizepräses Kai Elmendorf war anwesend. Er eröffnete die Sitzung mit einer Gedenkminute an den kürzlich verstorbenen Alt-Präses Jens Peter Möhrle Auffällig war, dass die Anträge von Plenumsmitgliedern, die aus der Wahlgruppe des ehemaligen Vizepräses Mücke stammen, keine Chance in der Abstimmung hatten.

Ebenso chancenlos waren diejenigen Plenumsmitglieder, die nicht der ehemaligen Wahlgruppe von Aust angehören, als es um die Wahl der Vizeprä­sides ging. Gewählt wurden Nissen-Schmidt, der Prokurist des Gabelstaplerherstellers Jungheinrich, Wilfried Baur, die Geschäftsführerin eines Handelsunternehmens, Bettina Hees, Haspa- Geschäftsführer Pirck, die Geschäftsführerin eines Marketingunternehmens, Martina Warning, und der Spediteur und Hafenexperte, Willem van der Schalck.

Die Sitzung dauerte fast drei Stunden

Ursel Beckmann, deren Verhalten zuvor für Irritationen gesorgt hatte, wurde nicht gewählt. Auch der ehemalige Präsident der HafenCity Universität, Walter Pelka, und die geschäftsführende Gesellschafterin des Theaters im Zimmer, Martha Kunicki, fielen durch. Die drei kommen aus der Wahlgruppe von Mücke. Ohne Chancen waren zudem der unabhängige Kandidat Cord Wöhlke, Gesellschafter der Drogeriemarktkette, Budnikowsky, und der Hafenmanager Johann Killinger vom harten Kern der alten Kammerrebellen.

Als schwierig gestaltete sich zudem die Abstimmung über mehrere Anträge. Dabei geschah es, dass Aust bei der telefonischen Abfrage zweimal den zugeschalteten Chef der Eugen Block Holding, Stephan von Bülow, überging. „Jetzt muss ich mich beim Plenarier Bülow entschuldigen“, sagte Aust. „Von Bülow. So viel Zeit muss sein, Herr Professor Aust“, antwortete dieser trocken. „Ach Stephan, ich mache heute wohl alles falsch“, sagte Aust. „Nee Norbert, du machst das schon richtig“, sagte von Bülow. So gewann eine schwere Sitzung doch noch etwas an Leichtigkeit.

Eine schlechte Angewohnheit der alten Kammerrebellen sollte das neue Plenum aber schleunigst ablegen: Die Sitzung dauerte fast drei Stunden. Eineinhalb Stunden länger als geplant.

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