Finanzbildungs-Workshops

Wenn Banker Jugendliche vor Krediten warnen

Die Wünsche junger Menschen sind oft größer als ihr Geld.

Die Wünsche junger Menschen sind oft größer als ihr Geld.

Foto: G / Getty Images

Im Hamburger Berufsvorbereitungsprojekt Joblinge beschäftigen sich junge Leute auch mit Finanzfragen. Ehrenamtliche helfen ihnen.

Hamburg.  Ihr Beispiel dafür, wie sich scheinbar moderate Monatsrechnungen über längere Zeiträume zu beträchtlichen Geldbeträgen aufsummieren, hat Anna-Magdalena Hartung aus der Lebenswelt ihres jugendlichen Publikums gewählt: Es geht um die Abonnements der Streaming-Dienste Spotify, Netflix und DAZN, die zusammengenommen mehr im Monat kosten, als mancher als Taschengeld erhält. Unter den 15 Teilnehmern des Finanzbildungs-Workshops, der im Rahmen der Initiative Joblinge für junge Menschen mit schwierigen Berufsstartbedingungen stattfindet, entwickelt sich allerdings schnell eine lebhafte Diskussion darüber, wie sich die Kosten für die Onlinedienste im Familien- oder Freundeskreis teilen lassen.

Ein türkischstämmiger Jugendlicher sieht nach eigenen Worten das Thema Finanzen noch recht entspannt: „Ich bin gerade 18 Jahre alt geworden und wohne noch bei Mama und Papa. Das ist das Beste, dann hast du kein Problem mit dem Geld.“ Bei den anderen Workshop-Teilnehmern sorgt diese Einstellung allerdings eher für Erheiterung.

Kleiner Test zum Finanzwissen

Zu Beginn des ersten von zwei Nachmittagen teilt Anna-Magdalena Hartung, die für gewöhnlich als Firmenkundenbetreuerin bei der HypoVereinsbank (HVB) in Hamburg arbeitet und die Kursleitung ehrenamtlich übernommen hat, einen kleinen Test zum Finanzwissen aus. Einige der Fragen, zu denen es je drei Antwortmöglichkeiten gibt: Was bedeutet der Begriff Bonität? Was ist ein Ratenkredit? Was sind eigentlich Zinsen?

Danach erklärt Hartung unter anderem, wie die Eröffnung eines Girokontos funktioniert und was man dazu benötigt. Sie betont, dass ein Dispokredit wegen des hohen Zinssatzes von mehr als zehn Prozent möglichst nur für wenige Tage in Anspruch genommen werden sollte und dass es unbedingt ratsam ist, den eigenen Kontostand regelmäßig zu prüfen, um bei den Abbuchungen nicht ins Minus zu rutschen. Ja, von einer Pfändung gegen die Eltern könne auch ein auf die Kinder ausgestelltes Sparkonto betroffen sein, sagt Hartung auf eine Frage aus dem Teilnehmerkreis.

Tipps gegen Online-Betrug

Schließlich gibt es noch Tipps gegen Online-Betrug: „Eine Bank wird ihre Kunden nie per E-Mail nach der PIN fragen.“ Der Workshop endet mit lautem Applaus für die Referentin. Hadi Hamron, 23, der in diesem Jahr eine Ausbildung zum Kaufmann im Groß- und Außenhandel beginnen möchte, ist dankbar für die Informationen: „Das alles muss man wissen, aber die meisten der Dinge sind neu für mich“, sagt er. Es bereite ihm „ein bisschen Sorge“, ob er mit der Ausbildungsvergütung zurechtkommen wird.

Bankerin Anna-Magdalena Hartung ist angenehm überrascht darüber, wie engagiert die Kursteilnehmer mitgemacht haben. Simon Busch, der Hamburger Regionalleiter der Initiative Job­linge, hat eine einfache Erklärung dafür: „In der Regel sind die jungen Menschen hier bei uns, weil sie wirklich etwas ändern wollen.“

Positive Rückmeldungen

Die gemeinnützige Gesellschaft Job­linge, zu deren Unterstützern bundesweit 2400 Unternehmen vom DAX-Konzern bis zum Handwerksbetrieb und 50 öffentliche Institutionen wie etwa die Jugendberufsagentur Hamburg gehören, hat sich zum Ziel gesetzt, benachteiligte Jugendliche in einem sechsmonatigen Intensivprogramm für einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz fit zu machen. Seit dem Start im Jahr 2008 haben es nach Angaben der Initiative 73 Prozent der bisher mehr als 9500 Teilnehmer in eine Ausbildung geschafft.

„Nicht wenige der jungen Menschen hier kommen aus einem instabilen Elternhaus, der Anteil der Migranten liegt an diesem Standort bei 60 bis 70 Prozent“, sagt Busch. Bis vor Kurzem hat er selbst Joblinge-Work­shops geleitet. Daher weiß er genau, worauf es ankommt. Ein Beispiel: „Man sollte keine der sonst üblichen Anglizismen verwenden, sondern auf eine Sprache achten, die jeder verstehen kann.“ Busch bekommt zu den Finanzbildungskursen durchweg positive Rückmeldungen, er sagt aber auch: „All das sind Inhalte, die sich die Jugendlichen schon von der Schule wünschen würden.“

Teilzahlungen sind ein finanzielles Risiko

Zum Kursprogramm gehört es, die Teilnehmer mit dem Konzept eines Haushaltsplans, der alle Einnahmen und Ausgaben gegenüberstellt, vertraut zu machen. Denn nach der Beobachtung von Regionalleiter Busch neigen manche der jungen Erwachsenen zu unüberlegten Käufen: „Sie kommen morgens mit Starbucks-Kaffeebechern hier herein, obwohl es bei uns Kaffee gratis gibt und sie in der Regel nicht über viel Geld verfügen.“

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Ebenfalls unüberlegt und teuer ist eine andere Verhaltensweise, die Busch schon verschiedentlich mitbekommen hat: „Man verkauft nach sechs Monaten das Vertrags-Smartphone und schließt gleich einen weiteren Telefonvertrag ab, während der alte ja noch eineinhalb Jahre weiterläuft.“ Teilzahlungen sind generell ein finanzielles Risiko: „Eine Teilnehmerin hat sich sogar auf Raten die Lippen aufspritzen lassen.“

Gesellschaftliches Engagement

Für Anna-Magdalena Hartung war der Finanzbildungs-Workshop eine Erweiterung ihres Engagements bei den Job­lingen. Schon länger ist sie im ehrenamtlichen HypoVereinsbank-Jugendmentoring-Programm tätig und betreut Joblinge-Teilnehmer in Einzelgesprächen. „Als ich im vergangenen Jahr von den Finanz-Workshops hörte, habe ich mich gleich dafür gemeldet“, sagt sie. Denn sie findet: „Es muss die Aufgabe der Bank und der Mitarbeiter sein, unser Wissen auch weiterzugeben.“

Bundesweit unterstützt die HVB solche Finanzbildungsinitiativen in Zusammenarbeit mit gemeinnützigen Organisationen, indem die ehrenamtlich tätigen Mitarbeiter Sonderurlaub dafür erhalten. Seit 2019 ist das Programm ein Bestandteil des gesellschaftlichen Engagements („Social Impact Banking“) des Finanzkonzerns. Dessen Mitarbeiter waren im vergangenen Jahr knapp 32.000 Stunden ehrenamtlich für gemeinnützige Aktionen aktiv.