Vertical farming

Hamburger erfinden Salat-Karussell für die Küche

Paul Mölders (li.) und David Burkhardt vor dem Prototyp des Greenloop im Restaurant Bullerei. Salat und Kräuter sprießen in einer Art Karussell. WIR, Foto:Andreas Laible / Funke Foto Services

Paul Mölders (li.) und David Burkhardt vor dem Prototyp des Greenloop im Restaurant Bullerei. Salat und Kräuter sprießen in einer Art Karussell. WIR, Foto:Andreas Laible / Funke Foto Services

Foto: Andreas Laible / Andreas Laible / FUNKE Foto Services

Gewächsstation vom Start-up Greenloop soll unter 1000 Euro kosten. In Tim Mälzers Restaurant hängt sie schon an der Wand.

Hamburg. Basilikum, Minze, Amarant, Romana – im Restaurant Bullerei im Schanzenviertel wachsen Kräuter und Salate seit Kurzem gleich hinter der Eingangstür. Kopfüber an der Wand. Und alle zwei Minuten dreht sich das Karussell, in dem die essbaren Grünpflanzen von künstlichem Licht angestrahlt werden, ein paar Zentimeter weiter. „Es unser siebter Prototyp“, sagt Paul Mölders über die in den vergangenen zwei Jahren entwickelte, runde Gewächsstation. Sie kommt dem Gerät schon sehr nahe, das möglicherweise, und wenn alles glatt geht, 2021 auf den Markt kommen soll. Das jedenfalls ist das Ziel des Hamburger Start-ups Greenloop. „Wir haben derzeit eine mittlere zweistellige Zahl von Vorbestellungen“, sagt Mölders.

Der Softwareentwickler ist Geschäftsführer und Mitgründer des Unternehmens, in dem und für das eine ganze Reihe von Hamburger Tech- und Software-Start-up-Gründern tätig ist. Für die Konstruktion zeichnet Steff Elsner (Absolute Software) verantwortlich, der einstige Protonet-Mitinhaber David Burkhardt kümmert sich ums Design, Jan Michaelis, der hinter der Bezahl-App Tabbt steht, gehört zum Team. Ideengeber und einer der Inhaber von Greenloop ist Jimdo-Mitgründer Fridtjof Detzner. Das gemeinsame Ziel: Den Anbau von Gemüse vom Freiland an die Küchenwand holen. „Mit Greenloop kann sich eine kleine Familie komplett selbst mit Salat aus eigenem Indoor-Anbau versorgen. Pro Woche sind etwa zwei bis drei Salatköpfe erntereif“, sagt Michaelis.

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Neue Kategorie von Küchengerät

Mit ihrer „völlig neuen Kategorie von Küchengerät“ treiben die Hamburger das sogenannte vertical farming, die Produktion von Pflanzen unter künstlichen Bedingungen in mehrstöckigen Gebäuden in der Stadt, auf die Spitze. In Hamburg baut die Firma Farmer’s Cut bereits seit Jahren in einer Halle unweit des Großmarktes Salate an. In manchen Hamburger Supermärkten wachsen Kräuter unter Kunstlicht in Mini-Gewächshäusern auf mehreren Etagen heran. Greenloop gehört zu den Pionieren, die es ermöglichen wollen, das Grünzeug sogar in Wohnungen ohne Garten und Balkon zu ziehen. Die 19 Zentimeter tiefe Aufzuchtstation wird entweder auf einem Ständer montiert oder an die Wand geschraubt.

Salat wächst kopfüber – kameraüberwacht

Man könnte auch sagen: Das Start-up stellt das vertical farming auf den Kopf. Denn in dem runden Kunststoffrahmen wachsen die Pflanzen teils kopfüber. Die insgesamt 24 Pflanzmodule rücken in regelmäßigen Abständen einige Zentimeter im Rahmen vor, nach zwei Stunden ist das Grünzeugkarussell einmal herum. Ist der Salat gerade unten, ragen die Wurzeln in ein Gemisch aus Wasser und Flüssigdünger. Steht die Minze kopf, rieselt trotzdem keine Erde, weil das Kraut in korkenartig gepressten Kokosfasern keimt. Und die in der Mitte des Rondels montierten und Kunstlicht spendenden LED-Leuchtkörper garantieren, dass die Pflanzen trotz allem waagerecht wachsen.

Green Loop

„Wir machen die nächste Technologiestufe des Lebensmittelanbaus für alle verfügbar“, sagt David Burkhardt. Dabei geizen die digital-affinen Greenloop-Macher nicht mit technischen Features. Mittels der Greenloop-App lässt sich etwa der Wasserstand kontrollieren, das Kunstlicht dimmen und für einzelne Pflanzen optimieren. Das Programm gibt Auskunft, wie lange die Petersilie bereits wächst und ob der Rucola schon erntereif ist. Mittels einer Kamera lässt sich gar aus der Ferne beobachten, wie die Eigengewächse gedeihen. Oder ob sich etwa eine Raupe eingeschlichen hat und vom Basilikum nascht.

In Tim Mälzers „Bullerei“ hängt das Salat-Rad bereits

Ein anderer Aspekt ist den Greenloop-Gründer mindestens ebenso wichtig. „Wenn das Gerät mit Ökostrom betrieben wird, ist die CO2-Bilanz etwa um die Hälfte günstiger als der Salatanbau im Freiland, weil unter anderem der Transport wegfällt und keine Kunststoffverpackung notwendig ist“, sagt Mölders. Die Gründer haben das selbst ermittelt, lassen ihr Ergebnis jetzt aber von Fachleuten überprüfen. Ist das Ganze ein nettes Spielzeug für Technikfreaks, die alles andere schon haben? Oder ist es ein Beitrag, die Welt ein bisschen besser zu machen? Die Antwort liegt wohl irgendwo dazwischen und im Ungefähren, wie manches andere. Wann der Greenloop auf den Markt kommt, wo und von wem er in großem Stil produziert werden kann, steht noch nicht fest. „Wir rechnen damit, dass der Verkauf an Endkunden im nächsten Jahr beginnt“, sagt Mölders, und betont: „Wir starten den Verkauf erst, wenn wir den Greenloop für weniger als 1000 Euro anbieten können.“ Die schon vorhandenen Vorbestellungen lassen eine Produktion zu diesem Preis noch nicht zu. Nachdem das Gerät weitgehend fertig entwickelt ist, sei man jetzt offen für Investoren und weitere Teilhaber, sagen die Gründer.

Sie wollen einstweilen eine Kleinserie des Greenloop-Modells auflegen, das in der Bullerei gleich links am Eingang hängt – und sie sind auf der Suche nach weiteren Standorten, an denen sich potenzielle Kunden von morgen tummeln. Die Erfahrungen in Tim Mälzers Restaurant machen den Erfindern Mut. „Seitdem der Greenloop dort hängt, ist die Zahl der Anfragen deutlich gestiegen, das Interesse ist groß“, sagt Burkhardt. Die Kräuter gedeihen auch bei Publikumsverkehr und bislang hat offensichtlich noch kein Gast heimlich ein Minzblatt aus dem Rad gezupft. Regelmäßig angefasst werden die Kräuter aber doch. „Die Leute wollen wissen, ob das echte Pflanzen sind“, sagt Mölders.