Comdirect-Übernahme

Commerzbank: „Wir werden zur Onlinebank mit Filialnetz"

| Lesedauer: 6 Minuten
Oliver Schade und Volker Mester
Frank Nierhaus, der neue Privatkundenchef der Commerzbank im Norden.

Frank Nierhaus, der neue Privatkundenchef der Commerzbank im Norden.

Foto: Andreas Laible

Frank Nierhaus, neuer Nord-Chef der Commerzbank, exklusiv über Negativzinsen, das Sparprogramm und Comdirect-Integration.

Hamburg. Als Nachfolger von Frank Haberzettel ist Frank Nierhaus seit Anfang Oktober der neue Bereichsvorstand Nord der Commerzbank für das Geschäft mit Privatkunden und kleineren Firmen. Das Abendblatt sprach mit dem in Gevelsberg am Rande des Ruhrgebiets geborenen Manager, der nun für mehr als 1,3 Millionen Kunden in Hamburg, Schleswig-Holstein, Bremen und Niedersachsen verantwortlich ist, über seine ersten Erfahrungen am neuen Dienstsitz Hamburg, die Filialstrategie der Bank und die Gründe für die sinkende Mitarbeiterzahl.

Herr Nierhaus, wie gut kennen Sie sich bis jetzt schon in Hamburg aus?

Frank Nierhaus: Ich habe gefühlt bestimmt schon jede der verschiedenen Fleetfahrten mitgemacht, ich war in der Elbphilharmonie, in einem Musical und im Miniatur-Wunderland ...

… und das alles seit Oktober? Erstaunlich.

Nein, nein. Ich habe schon einmal mehrere Jahre in der Nähe von Kiel gelebt und war in dieser Zeit auch häufig in Hamburg – nicht nur beruflich.

Haben Sie einen Lieblingsort in Hamburg?

Das ist wohl der Süllberg. Aber in den vergangenen Wochen habe ich nach Feierabend die Stadtteile Winterhude, Harvestehude und Pöseldorf zu Fuß erkundet. Da hat es mir sehr gut gefallen: sehr lebendig, viele nette Restaurants.

Wie unterscheiden sich die Hamburger Kunden von denen im Rhein-Main-Gebiet, wo Sie zuletzt tätig waren?

Der Anteil der vermögenden Kunden ist hier hoch, was auch mit der langen Tradition der Commerzbank in Hamburg zu tun haben könnte – schließlich ist sie im Jahr 1870 hier gegründet worden. Außerdem haben wir hier einen dynamisch wachsenden Markt.

Was heißt das konkret?

Allein in Hamburg haben wir in diesem Jahr bis Ende Oktober netto rund 9800 Kunden hinzugewonnen, darunter etwa 700 Geschäftskunden und 100 vermögende Kunden im Bereich Wealth Management.

Sie werben dabei aggressiv mit kostenlosem Girokonto und Wechselprämien. Bleibt da überhaupt noch Geld bei der Bank hängen?

Ohne die Neukunden der vergangenen Jahre hätten wir im Privatkundengeschäft ein Drittel weniger Erträge. Wer zu uns wechselt, nimmt ja in der Regel nicht nur das kostenlose Girokonto in Anspruch, sondern zum Beispiel auch Kredit- oder Anlageprodukte.

Sind nicht aber reine Internetbanken-Start-ups wie etwa N26 viel erfolgreicher, was die Neukundengewinnung angeht?

Nein. Wenn Sie sich die absoluten Zahlen ansehen, ist die Commerzbank die am stärksten wachsende Bank in Deutschland. Und wenn man dann noch Kriterien wie die Sicherheit vor Cyber-Betrug und die Vorsorge gegen Geldwäsche betrachtet, können wir sehr selbstbewusst sein.

Die Commerzbank will im Rahmen eines großangelegten Sparprogramms, das bis Ende 2023 läuft, bundesweit 200 der 1000 Filialen schließen. Warum? Und was bedeutet das für Hamburg?

Tatsächlich fühlen wir uns gar nicht wie in einem Sparprogramm. Es geht hier um eine neue Strategie, um einen kompletten Umbau der Bank. Unser Motto lautet: Mobile first. Im Zuge der neuen Strategie werden wir eine Onlinebank mit Filialnetz. Was das konkret für die Filialen in Hamburg heißt, steht noch nicht fest.

Zuerst reden wir mit den Arbeitnehmervertretern. Entscheidend sind die flächendeckende Präsenz und der richtige Standort. Es geht im Kern darum, welche Leistungen wir an welchem Standort anbieten. Unser neues Filialkonzept erleichtert aber auch Neueröffnungen in wachsenden Stadtteilen an Stellen, an denen wir bisher nicht präsent sind.

Welche Bedeutung haben die Filialen überhaupt noch? Gerade jüngere Menschen nutzen sie doch meist gar nicht mehr.

Mehr als die Hälfte des Kundenwachstums kommt noch immer aus der Filialbank. Darum ist für uns klar: Wir ziehen uns nicht aus der Fläche zurück.

Wann wird der langwierige Umbau des Standorts am Jungfernstieg abgeschlossen?

Wir planen, im ersten Quartal 2021 wieder einzuziehen. Die Filiale wird dann für die Kunden ebenerdig und damit komfortabler als früher zugänglich sein.

Sie sagen, bei der Commerzbank fühle man sich nicht wie in einem Sparprogramm. Aber in diesem Jahr sinkt die Stellenzahl in Hamburg um 150 auf 2350, und es wird weitere Einschnitte geben. Warum, wenn nicht aus Gründen der Kostensenkung?

Als ich vor 37 Jahren zur Commerzbank kam, dauerte die Bearbeitung eines Ratenkredits vom Antrag bis zur Auszahlung ungefähr fünf Tage. Heute schaffen wir das mit unserem digitalen Ratenkredit in 10 Minuten. Wenn man immer mehr Prozesse digitalisiert, benötigt man dafür weniger Mitarbeiter.

Die Commerzbank will ihre Quickborner Direktbanktochter Comdirect eingliedern und die Zwei-Marken-Strategie aufgeben. Ist es sinnvoll, eine so erfolgreiche Marke wie die der Comdirect einzustampfen?

Es stimmt, dass die Comdirect schnell, innovativ und am Markt sehr erfolgreich unterwegs ist. Aber wenn die Muttergesellschaft genauso digital wird wie die Tochter und sich beide Geschäftsmodelle immer mehr angleichen, macht die Trennung keinen Sinn mehr, schon weil sie auch mit erheblichen Kosten verbunden ist.

Die Gewerkschaft Ver.di klagt darüber, dass im Privatkundengeschäft der Commerzbank schon wegen des bisherigen Sparkurses „personelle Engpässe, ständige Vertretungen und kurzfristige Filialschließzeiten“ üblich sind. Was sagen Sie dazu?

Wir nehmen solche Erfahrungen sehr ernst. Wenn ein Mitarbeiter im Krankheitsfall für einen Kollegen in einer weiter entfernten Filiale einspringen muss, kann es im Einzelfall zu Engpässen kommen.

Wir werden uns bei unseren Überlegungen zum Filialnetz den Zuschnitt der Marktbereiche genau ansehen, um eine höhere Stabilität des Betriebs zu erreichen.

Die Commerzbank hat Negativzinsen für Privatkunden angekündigt. Ab welcher Einlagenhöhe müssen Kunden damit rechnen, ein Verwahrgeld zahlen zu müssen?

Wir haben aktuell nicht vor, Negativzinsen an unsere Millionen Privatkunden weiterzugeben. Mit unseren sehr vermögenden Kunden sprechen wir aber über eine mögliche Umschichtung des Geldes in andere Anlageformen. In diesen Fällen geht es um Einlagen von mehreren Hunderttausend Euro. Es handelt sich immer um individuelle Vereinbarungen.

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