Reederei

Jobabbau: Wie Maersk die Hamburg Süd zu mehr Rendite drängt

Der Chef der Reederei Hamburg Süd, Arnt Vespermann, in der Vorstandsetage der Reederei. Er muss nun weitere Stellen in der Hamburger Zentrale streichen.

Der Chef der Reederei Hamburg Süd, Arnt Vespermann, in der Vorstandsetage der Reederei. Er muss nun weitere Stellen in der Hamburger Zentrale streichen.

Foto: Roland Magunia

Exklusiv: Mehr als 100 Arbeitsplätze sollen in Hamburg gestrichen werden. Der Betriebsrat reagiert mit Unverständnis.

Hamburg. Hamburg Süd bleibt Hamburg Süd“, versprach der dänische Branchenprimus Maersk, als er 2017 die Hamburger Reederei schluckte – und strich schon damals 130 Stellen bei den Hamburgern. Doch das reicht dem größten Schifffahrtsunternehmen der Welt offensichtlich nicht. Jetzt sollen laut Geschäftsführung weitere 100 der rund 850 Vollzeitstellen gestrichen werden, die Hamburg Süd in Hamburg und zu einem kleinen Teil in Bremen in der Verwaltung hat. Darüber informierte die Geschäftsführung die Belegschaft in einer Mitteilung und kündigte an, Gespräche mit dem Betriebsrat aufzunehmen.

Die Arbeitnehmervertreter reagierten überrascht. „Wir sind entsetzt und werden jede einzelne betroffene Stelle sehr genau prüfen“, sagte die Betriebsratsvorsitzende von Hamburg Süd, Sabine Fischbach, dem Abendblatt. „Da hier mehr als zehn Prozent der Arbeitsplätze wegfallen sollen, erwarten wir die Aufstellung eines Sozialplans.“ Im Betriebsrat wird sogar befürchtet, dass eher 120 als die angekündigten 100 Stellen betroffen sind. Denn in der Mitteilung heißt es weiter: „Einen ähnlichen Prozess planen wir nach Hamburg und Deutschland auch in den Regionen.“ Laut einer Mitteilung der Geschäftsführung sollen betriebsbedingte Kündigungen „soweit möglich“ vermieden werden.

Digitalisierung der Abrechnungsvorgänge

Offiziell handelt es sich um eine rein auf Hamburg Süd konzentrierte Umstrukturierung. Bereits im Juni hatte das Unternehmen seine Mitarbeiter informiert, dass im Rechnungswesen eine Reihe von Stellen wegen der Einführung von SAP wegfallen sollen. Durch die Digitalisierung der Abrechnungsvorgänge werden die Mitarbeiter nicht mehr gebraucht, die die Rechnungen noch per Hand ins System eingeben. Das würde aber nur wenige Beschäftigte betreffen. Jetzt geht es um deutlich mehr. Noch ist völlig unklar, welche Abteilungen neben dem Rechnungswesen betroffen sind. So verlautete in der Mitteilung der Geschäftsführer, dass „in allen Headquarter-Funktionen“ Stellen wegfallen sollen. Unterschrieben wurde die Mitteilung von allen drei Geschäftsführern unter der Leitung von Arnt Vespermann.

Hamburg-Süd-Sprecher Rainer Horn bestätigte den Vorgang: „Es handelt sich um ein Programm, um in den Verwaltungsfunktionen effizienter zu werden. Zugleich investiert Hamburg Süd hohe Beträge in die Erneuerung ihrer IT-Systeme.“ Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit: Klar ist, dass der Mutterkonzern auf mehr Kosteneffizienz bei seiner Hamburger Tochter drängt. ­„Maersk benötigt Geld. Und da die Frachtraten das im Moment nicht hergeben, müssen die Kosten im Konzern gesenkt werden“, sagt dazu Betriebsrätin Fischbach. Die Geschäftsleitung drückt es in ihrer Mitteilung anders aus: Man habe nach „weiteren Synergien durch die Bündelung von Aufgaben innerhalb der Maersk-Gruppe gesucht“.

Maersk hat Gewinn gesteigert

Fündig geworden ist man offenbar bei Hamburg Süd: „Unsere Kapitalkosten liegen noch immer über unseren Ergebnissen“, schreiben Vespermann und seine beiden Co-Geschäftsführer. Das dürfte man in Kopenhagen nicht gerne hören. Schließlich hatte Maersk-Chef Søren Skou 2017 erklärt, er erwarte durch die Übernahme von Hamburg Süd Synergien zwischen 316 und 360 Millionen Euro jährlich.

Doch die Notwendigkeit für weitere Einsparungen erschließt sich den Arbeitnehmervertretern nicht. „Der Konzern macht doch Gewinne“, so Betriebsrätin Fischbach. Allein im dritten Quartal dieses Jahres hat Maersk seinen Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen um 13,7 Prozent auf annähernd 1,7 Milliarden Euro steigern können – das ganze trotz sinkender Frachtraten. Das zeigt, dass die Effizienz besonders hoch und die Betriebskosten geringer sind. Die Geschäfte laufen also nicht schlecht. Schließlich hat Skou erst vor wenigen Tagen die Gewinnprognose für das Gesamtjahr auf bis zu 5,8 Milliarden Dollar angehoben – trotz Handelskonflikten und konjunktureller Abkühlungen.

Neue Geschäftsstrategie

Dass der Konzern von seiner Reedereitochter dennoch mehr Geld erwartet, lässt sich anders erklären, nämlich mit der neuen Geschäftsstrategie von ­Maersk und dem Hunger der Aktionäre. Um diesen zu stillen, erwartet Maersk eine bestimmte Kapitalrendite, also ein Return of Investment, in Höhe von 7,5 Prozent. Die erreicht das Unternehmen aber noch nicht. Maersk benötigt frische Finanzmittel, um seine Geschäftsentwicklung voranzutreiben – weg vom einfachen Containertransporteur auf den Weltmeeren hin zu einem umfassenden Logistikdienstleister.

„Global Integrator of Container Logistics“ heißt das in der Unternehmenssprache. Dazu muss ­Maersk in Geschäftsfelder investieren und Unternehmen zukaufen, die sich abseits des reinen Schifffahrtsgeschäfts entwickeln. „Wir sind uns bewusst, dass diese Entscheidung unsere Organisation verändern wird“, schreibt das Hamburger Management zu der nun geplanten Sparmaßnahme. „Diese Schritte sind jedoch notwendig, um das strategische Ziel unserer Gruppe zu erreichen.“

Vor ziemlich genau drei Jahren hatte die Bielefelder Unternehmerfamilie Oetker den Verkauf von Hamburg Süd an Maersk angekündigt. Damals steckte die Handelsschifffahrt in der Krise und durchlief einen Konsolidierungsprozess. Hamburg Süd hätte nur schwer allein überleben können, und weitere Zukäufe wollten die Oetkers nicht stemmen. Eine Fusion mit Hapag-Lloyd, der anderen großen Linienreederei in Hamburg, war zuvor gescheitert.

Die Integration in den Maersk-Konzern war unterm Strich aber eine teure Alternative. Die Flotte und das Schiffsmanagement wurden Hamburg Süd sofort entzogen und in Kopenhagen konzentriert – auch wenn an den Schiffen mit der signalroten Farbe immer noch Hamburg Süd prangt, die deutsche Flagge weht dort nicht mehr. Das firmeneigene Reisebüro soll demnächst verkauft werden. Bleibt die Frage, was aus dem bekannten Glasturm an der Willy-Brandt-Straße wird, in dem Hamburg Süd seinen Sitz hat. Der Mietvertrag mit Maersk läuft nur noch drei Jahre.