Hamburg

Eat & Style: Marmelade aus der Tube und Tomaten-Popcorn

Schmeckt nach Kino und viel mehr: Waldemar Wegelin aus dem Stadtteil St. Georg („Tastillery“) präsentiert bei Eat & Style seinen selbst destillierten Popcorn-Rum.

Schmeckt nach Kino und viel mehr: Waldemar Wegelin aus dem Stadtteil St. Georg („Tastillery“) präsentiert bei Eat & Style seinen selbst destillierten Popcorn-Rum.

Foto: Roland Magunia / Roland Magunia/Funke Foto Services

Auf dem Food Festival im Schuppen 52 gab es viel Neues zu entdecken: So schmecken Popcorn-Rum und Balsamico Eis.

Hamburg.  Zehn Jahre arbeitete sie in der Mensa des Carl-von- Ossietzky-Gymnasiums in Poppenbüttel, dann entschied sich Christina Kierse für den eigenen Herd. In ihrer Manufaktur in Norderstedt brüht sie seitdem aus Earl Grey, Darjeeling, Minze, Zitrone und Rohrzucker ein Getränk, das ihren Namen trägt: „Frau Kierses hausgemachter Eistee“. Wer auf den Geschmack gekommen ist, kann zur Flasche greifen – oder zum Fünfliterfass. Motto: So schmeckt unser Norden.

Und damit Produkte wie diese in möglichst vieler Munde sind, so und so, wurde das Food-Festival Eat & Style ins Leben gerufen. Wer gerne gut und fantasievoll isst, kultivierte Getränke wertschätzt und kulinarischen Trends mit offenem Visier begegnet, kam am Wochenende im Schuppen 52 auf seine Kosten.

10.000 Besucher probierten teilweise für lau

Auf vielfältige, kreative, oft unorthodoxe Art. An zwei Tagen nutzten rund 10.000 neugierige Genießer die Gelegenheit, aus erster Hand zu testen. An 150 Ständen ging Probieren über Studieren. Miniportionen gab’s gratis, größere Rationen gegen Bares. In der Regel gingen die Tarife in Ordnung. Mit leerem Bauch musste niemand durch die stilvoll restaurierte Hafenhalle bummeln.

An der ersten Station des willkür­lichen Rundgangs ist nicht nur das Produkt knackig – sondern auch die Idee dahinter. „Wir machen die zweite Wahl salonfähig“, sagt Eva Hülbüsch. Gemeinsam mit ihrer Geschäftspartnerin Anne Meier machte die Jungunternehmerin aus Hamburg eine landwirtschaftliche Not zur Tugend. Nach einem kräftigen Hagelschauer im Juni dieses Jahres keimte der Gedanke, leicht lädiertes, indes unverändert geschmackvolles Obst als „Klimaäpfel“ zu verkaufen. Das Prinzip: Angeschlagen, nicht k. o. Auf die inneren Werte kommt es an.

Klimaäpfel aus der Papiertüte

Davon profitieren alle Seiten. Obstbauern im Alten Land, Frau Hülbüschs Heimat, verbuchen Einnahmen, Verbraucher zahlen weniger für prima Ware, es kommt weniger in den Abfall – und letztlich verdienen die Initiatorinnen. Die Klimaäpfel werden in Papiertüten oder frisch gepresst feilgeboten.

Und jetzt geht’s ins Eingemachte. Denn ein paar Meter weiter stellt Firmenchef Max Ehmig Obst in Tuben vor. Als der kleine Sohn eines Kumpels daheim ein Marmeladenglas auf dem Fußboden zersplittern ließ, machte es klick. Neuerdings wird der süße Belag mit 66 Prozent Fruchtanteil in Tubenform offeriert. „Jetzt ist auch Schluss mit Butterschnipseln im Marmeladenglas“, weiß Ehmig. Seite an Seite mit einem Partner und sechs Mitarbeitern verkauft er in diesem Jahr rund 700.000 Artikel der Marke „Marmetube“. Trend zunehmend.

Lottas Eierlikör und echte Kalorienbomben

Probieren bereitet Spaß. Da im traditionsreichen Kaischuppen viele kleine Unternehmungen aus der Region vertreten sind, präsentieren hoch motivierte Macher Neuartiges – oder Klassiker im ungewohnten Gewand. Der rohe Keksteig in Pappbechern, Kalorienbomben vom Feinsten, nascht sich sündhaft gut. Lottas Eierlikör aus der Lüneburger Heide, zum Beispiel veredelt mit Orange oder Kokos, lässt die Geschmacksknospen frohlocken.

Alle möglichen Drinks mit Ingwer sind im Kommen. Kaffeespezialitäten mit dem Namen Hagenbeck aus Kaltenkirchen, vor Jahrzehnten noch im Besitz der Tierpark-Dynastie, mundet nach mehr. Eine fröhliche Frau offeriert „Bimi“, eine neue Art Brokkoli. Schmeckt ein bisschen nussiger, mehr nach Spargel. Einen Versuch ist er wert. Das gilt nicht minder für Popcorn in gewagten Nuancen: Dill & Zitronengras, Tomate & Chili oder Curcuma & Zitrone. Müssen nicht nur Hipster mögen.

Apropos: Das Publikum wirkt entspannt, aufgeschlossen, ereignishungrig. Der Ticketpreis ab 14 Euro beschert den Gästen eine bunte, informative, exotisch inspirierende Gastrowelt. „Erleben, Genießen und Shoppen stehen im Einklang“, sagt Lena Semmler von der Veranstaltungsagentur Fleet Food Events. Die Hamburger Firma mit Sitz am Nobistor beschäftigt 30 Mitarbeiter. Das von ihr entwickelte Food-Festival Eat & Style wurde in Hamburg zum elften Mal organisiert. Nächster Termin: 17. und 18. Oktober 2020.

Austern und Eis mit Balsamico

Zum Programm in Schuppen 52 gehören Workshops des Deutschen Weininstituts, Shows von Küchengeräteherstellern, Kochgruppen zum Mitmachen, eine „Kaffeereise um die Welt“ sowie ein Pesto-Workshop. Es gibt Eis mit Balsamico, Kurse für Barkeeper, Imbissstände stadtbekannter Gourmetrestaurants zu relativ günstigen Konditionen.

Nicht nur bei „Auster Region“ ist das Geschäftsmotto Programm. Die Hanse­aten Joost Becken und Marco Scheuermann haben wilde Austern aus der Nordsee im Programm. Der Unterschied zu den gezüchteten Meeresfrüchten: immens. In Hamburg und Bremen greifen Gastronomen wie Privatkunden gerne zu – im 100/200, im Café Paris und auch auf dem Isemarkt.

Popcorn-Rum schmeckt nach Kino

Zum Ausklang eines geschmacksintensiven, nahrhaften Sonntags gönnen wir uns einen Absacker besonderer Art: „Cinecane“, einen Popcorn-Rum. Derweil Entdecker Waldemar Wegelin aus St. Georg den Destillationsprozess erläutert, läuft dem Zuhörer das Wasser im Munde zusammen. „Schmeckt nach Kino“, weiß Waldemar. Stimmt absolut.

Auf dem Weg zum Ausgang lockt ein plietscher junger Mann mit seinem
„Insnack“ der Stunde. Sein Vorschlag, in einem kernigen Satz manifestiert: „Schließ dich der sechsbeinigen Revolution an.“ Diesmal lassen wir die gehackten Grillen im Proteinriegel lieber links liegen. Nächstes Mal wird beherzt zugebissen. Versprochen.