Test-Serie

Kühlkissen aus Eimsbüttel – mit ungewöhnlichem Inhalt

Breenbüdel-Macherin Linda Langer in ihrem Geschäft Nachmacher X in Hamburg.

Breenbüdel-Macherin Linda Langer in ihrem Geschäft Nachmacher X in Hamburg.

Foto: Roland Magunia/Funke Foto Services

Neue Produkte und Dienste aus der Region im Abendblatt-Test. Heute: Breenbüdel mit Secondhand-Spielzeug von Nachmacher X.

Hamburg. Die künftigen Trostspender liegen im Regal. Mehrere durchsichtige Stapelboxen stehen auf den Brettern. Alles ist nach Kategorien sortiert: Eine Kiste ist gefüllt mit Zootieren, eine mit Reptilien, eine mit Haustieren – natürlich keinen echten: Es sind kleine Spielfiguren für Kinder. In der nächsten Kiste sind Comicfiguren. Und so geht es im Regal weiter: Sportler, Musiker, Dinosaurier und und und. Sie alle haben eine zweite Chance erhalten. Ihre Besitzerin Linda Langer hat sie meist auf Flohmärkten erstanden. „Mein Ziel ist es, ungeliebten, alten Figuren ein neues Leben zu geben“, sagt die 39-Jährige. Und das erhalten sie als Kühlkissen.

Auf die Idee kam sie durch ihren Sohn

Auf die Idee kam die Eimsbüttelerin, als sich ihr Sohn Nil gestoßen hatte. „Die blauen Kühlkissen mochte er nicht“, erinnert sich Langer. Also überlegte sie, was eine Alternative zu den im Handel erhältlichen Kalt-Warm-Kompressen sein könnte, die zum Beispiel mit Glykol gefüllt sind. Zusammen mit einer Nachbarin, die Apothekerin ist, machte sie sich auf die Suche nach einem anderen Stoff als Alkohol. Der hält zwar kalt und friert nicht ein, sei aber für ein Produkt, das Kinder benutzen, auch nicht ideal.

Langer kam durch die Mitarbeit bei einem Filmprojekt auf ein Hydrogel, das auch in der Pflanzenzucht eingesetzt wird. Damit fertigte sie ihr erstes eigenes Kühlkissen. „Mir war das aber nicht kühl genug“, sagt Langer – und kam auf die Idee, ganz normales Speisesalz hinzuzugeben. „Das fand ich naheliegend, weil es ungiftig ist.“ Das Salz dient als zusätzlicher Kältespeicher.

Produktdesign-Studium an der HAW

Langer studierte damals nach ihrer Ausbildung als Textilkauffrau für Inneneinrichtungen an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) textiles Produktdesign. Eine Dozentin von ihr arbeitete experimentell und regte zur Nachhaltigkeit und zum Upcyling an, also der Wiederverwertung von Abfallprodukten. Das hinterließ bei Langer Spuren. Sie schrieb mit Janina Sticken zusammen sogar ein Buch über das Upcycling.

„Es ist nicht so schwer, Dinge neu zu gestalten, so dass sie wie ein designtes Produkt aussehen“, sagt Langer. Aus dem ausrangierten Friesennerz werden wasserfeste Gartenkissen, aus Konservendosen Design-Lampen und aus T-Shirts Lampenschirme. In ihren Kühlbeutel steckte sie noch einen Schlumpf hinein, schweißte ihn ein und fertig war der erste Breenbüdel. Der Name sei dabei mehr oder weniger vom Himmel gefallen. Logischerweise war Sohn Nil die erste Testperson. „Mein Sohn fand das total niedlich. Er hat gesagt: ,Es hilft mir, den Schmerz wegzublasen.’“

2000 Stück könnten 2019 verkauft werden

Die Entwicklungsarbeit liegt jetzt schon elf Jahre zurück, Sohn Nil ist mit 17 längst aus dem Alter dafür raus. Der Breenbüdel diente lange nur privaten Zwecken, große Stückzahlen machte sie nicht. Erst seit zwei, drei Jahren starte das Produkt durch, sagt Langer. „In diesem Jahr könnte ich rund 2000 Stück verkaufen. Das wäre ein sehr gutes Jahr.“ Rund 80 Prozent setze sie im Onlinehandel ab. Es gibt die Kühlpacks aber auch in knapp 20 Läden im Bundesgebiet.

Ein Exemplar kostet 8,95 Euro. Eine hohe Gewinnmarge werfe das Produkt aber nicht ab. In ihrem Geschäft am Schulweg bietet Langer daher noch viele andere Produkte aus eigener Herstellung unter ihrem Label Nachmacher X und von anderen kleinen Manufakturen an – wie T-Shirts und Taschen, die mit Blumenmustern, Flamingos oder Hamburg-Motiven wie der Köhlbrandbrücke bedruckt sind. Zudem gibt sie in ihrer Werkstatt Siebdruckkurse für Kinder und Erwachsene.

Kunden können eigene Figuren vorbeibringen

Das wirtschaftliche Problem bei den Breenbüdeln sei die sehr aufwändige Herstellung, sagt Langer: „Ich schaffe pro Tag nicht mehr als 120 Stück.“ Zuerst müssen die Figuren auf zeitintensiven Streifzügen über Flohmärkte oder Ebay-Kleinanzeigen gekauft werden. Im Schnitt dürfe sie nicht mehr als 35 Cent ausgeben, damit das Produkt für sie auskömmlich sei. Alle Figuren werden zunächst heiß abgewaschen, gebürstet und in die durchsichtigen Stapelboxen sortiert. Das Hydrogel wird erhitzt, in Folie gefüllt und dann kommen die Figuren hinein – alles per Hand. Bei normalen Figuren geht das relativ schnell, weil diese meist in einem Stück gegossen sind.

„Die großen Figuren sind häufiger zusammengesteckt. Ich muss die Luft herausmassieren, das ist mit großem Aufwand verbunden“, sagt Langer. Bleibt sie drin, bilden sich unschöne Blasen im Breenbüdel. Manchmal packt sie noch Glitzer, Sterne, Dreiecke oder Konfetti in die Kühlkissen hinein. Abschließend werden alle Breenbüdel fotografiert, erhalten eine Lagernummer und werden in Kästen einsortiert. Wer möchte, kann übrigens auch seine eigene Figur vorbeibringen, wie zum Beispiel den ausrangierten Schnuller des Nachwuchses. Die Figur sollte aber maximal vier mal sechs Zentimeter groß sein, sagt Langer: „Die Kunden können ihren Breenbüdel dann ein, zwei Tage später abholen.“