Löhne und Gehälter

Früher Betriebsrätin, heute Arbeitgebervertreterin

Lena Ströbele ist Personaldirektorin der Lürssen Gruppe in Bremen

Lena Ströbele ist Personaldirektorin der Lürssen Gruppe in Bremen

Foto: Andreas Laible / Andreas Laible / FUNKE Foto Services

Die 36-jährige Lena Ströbele wird 2020 für Nordmetall die Tarifverhandlungen mit der Gewerkschaft IG Metall verantworten.

Hamburg.  Es gab eine Zeit, da war Lena Ströbele Mitglied eines Betriebsrats. Anfang 20 war sie damals, angestellt beim deutschen Zweig des Schweizer Pharmakonzerns Roche. Sie absolvierte in ihrer baden-württembergischen Heimat ein duales Studium: Betriebswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Personal und Marketing. Dem Betriebsrat gehörte sie als Vertreterin der Jugendlichen und Auszubildenden im Unternehmen an.

Für die angehende Personalmanagerin war das „ein Blick auf die andere Seite“ und eine wichtige Erfahrung „Ich habe viel darüber gelernt, was einen Betriebsrat und die Gewerkschaften umtreibt, was die Bedürfnisse der Beschäftigten sind“, sagt sie.

Neue Aufgabe bei Nordmetall

Davon profitiert sie heute als Personaldirektorin der Bremer Werften-Gruppe Lürssen. Und künftig in ihrer neuen Aufgabe bei Nordmetall. Der Arbeitgeberverband der norddeutschen Metall- und Elektroindustrie, hat die 36-Jährige zur Vorsitzenden seines tarifpolitischen Ausschusses erkoren. Damit ist Ströbele die neue Chefunterhändlerin der Unternehmen in den Verhandlungen mit der Gewerkschaft IG Metall über Löhne und Gehälter, Zuschläge, Arbeitszeit- und Mitbestimmungsregelungen.

Während der jüngsten Tarifrunde um den Jahreswechsel 2017/18 hat Ströbele bereits mitverhandelt. Wenn sich die Arbeitgeber und die Interessenvertreter der Beschäftigten im Frühjahr 2020 zur nächsten Tarifrunde zusammensetzen, wird sie die Wortführerin der Firmen sein. Bisher war das der Job von Nordmetall-Präsident Thomas Lambusch (66).

Auch die IG Metall bekommt neuen Bezirksleiter

„Etwas gestalten, bewegen und eine Balance zwischen unterschiedlichen Interessen herstellen, das habe ich schon immer gerne gemacht“, sagt Ströbele. Als Klassensprecherin auf dem Gymnasium, in sozialen Projekten in dem Jahr zwischen Abitur und Studienbeginn. Bei Roche hörte sie auf, weil strikte Vorgaben aus der Konzernzentrale kaum Spielraum ließen, selbst zu gestalten.

Seit ihrem Wechsel zur familiengeführten Lürssen-Gruppe vor knapp fünf Jahren hat sie diesen Spielraum, nutzt ihn und macht Karriere. Von der Personalleiterin über Personaldirektorin bis zum Mitglied der Geschäftsführung seit Anfang 2019. Zuständig für Personal und Kommunikation und damit für 2700 Mitarbeiter an allen Lürssen-Standorten. In Hamburg gehören Blohm + Voss und die Norderwerft dazu.

Ströbele richtete eine Kinderkrippe ein

Das erste Projekt der jungen Personalleiterin in Bremen war die Einrichtung einer Betriebs-Kinderkrippe. „Das gehört zu einem sich modernisierenden Betrieb heute einfach dazu“, sagt Ströbele. Gute Betreuungsangebote machten ein Unternehmen attraktiv bei der Gewinnung junger Talente, Mitarbeiter könnten früher aus der Betreuungszeit in den Betrieb zurückkehren. „Es muss für alle Beteiligten passen“, lautet Ströbeles Maxime. Mehr Flexibilität für die Beschäftigten, Homeoffice, Work-Life-Balance, Arbeitszeiten je nach Lebenslage – das alles findet sie gut und richtig. Doch müssten die Bedingungen dafür so gestaltet sein, dass die Unternehmen sie auch umsetzen können, ohne ihre Konkurrenzfähigkeit zu verlieren.

„Wir als Mittelständler waren nicht immer nur glücklich mit dem, was in der Vergangenheit ausgehandelt wurde“, sagt die Lürssen-Managerin. Manche der bundesweit getroffenen Regelungen seien von Konzernen leichter umzusetzen als von mittelgroßen und kleineren Unternehmen, die im Norden dominieren. Auch das sei für sie ein Grund gewesen, sich stärker in der Verbandsarbeit zu engagieren. Ströbeles Idealvorstellung: „Ein schlanker Tarifvertrag, der die Mindeststandards regelt. Die Details werden individuell und auf den jeweiligen Betrieb zugeschnitten zwischen Geschäftsführung und Betriebsrat ausgehandelt.“ Es ist ein Modell, das viele Arbeitgeber fordern. Dass das für die Gewerkschaft nicht in Frage kommt, weiß Ströbele. Einen Beitrag leisten, dass sich etwas ändert, will sie trotzdem.

Daniel Friedrich sitzt ihr bald gegenüber

Der Generationswechsel an der Spitze des Nordmetall-Tarifausschusses fällt zusammen mit einem Generationswechsel bei der IG Metall Küste. Bezirksleiter Meinhard Geiken, seit Jahren der Verhandlungsführer der Gewerkschaft in den Küstenländern und Widerpart von Thomas Lambusch, verabschiedet sich Anfang Dezember in den Ruhestand. Sein designierter Nachfolger Daniel Friedrich (43) gilt wie Geiken als Pragmatiker. Beim Lübecker Medizin- und Sicherheitstechnikhersteller Dräger hat Friedrich gerade einen Kompromiss ausgehandelt. Das Unternehmen verspricht, in den nächsten Jahren kein Werk in Deutschland zu schließen und betriebsbedingte Kündigungen zu vermeiden, im Gegenzug verzichten die Beschäftigten drei Jahre lang auf Tariferhöhungen.

In der nächsten Metall-Tarifrunde im Küstenbezirk im Frühjahr 2020 werden sich Lena Ströbele und Daniel Friedrich gegenübersitzen. Ob die Verhandlungen angesichts der abflauenden Konjunktur härter und langwieriger werden als zuletzt, dazu wagt Ströbele keine eindeutige Prognose. „Es könnte tatsächlich wieder schwieriger werden, weil wir die Flexibilität wesentlich weiter denken müssen, um Digitalisierung und Transformation zu gestalten. Aber wir kennen die Forderungen der IG Metall ja noch nicht.“ Erste Hinweise, in welche Richtung sie gehen, werden vom IG-Metall-Gewerkschaftstag erwartet, der am Sonntag begonnen hat.

An das Präsidentenamt denkt sie nicht

„Gar kein Thema, über das ich derzeit nachdenke“, ist für Ströbele die Frage, ob es für sie im Arbeitgeberverband noch weiter nach oben geht. So wie vor Jahren für Thomas Lambusch. Er war zunächst Verhandlungsführer bevor er 2013 an die Nordmetall-Spitze aufrückte. Das Präsidentenamt will Lambusch Ende 2020 aufgeben. Wird er eine Nachfolgerin bekommen? Über die Nachfolgefrage wird der Verband ab Mitte nächsten Jahres diskutieren. „Ich habe mich bis dahin mit mehr als genügend andere Dingen zu beschäftigen“, sagt sie. Lena Ströbele hält sich alle Optionen offen.