Luftfahrt

Wie Passagiere ihre CO2-Bilanz verbessern

Ein Flugzeug zieht einen Kondensstreifen hinter sich her.

Ein Flugzeug zieht einen Kondensstreifen hinter sich her.

Foto: Patrick Pleul / dpa

Fliegen schadet dem Klima. Wer trotzdem abhebt, kann sein Gewissen mit Kompensationen beruhigen. Die wichtigsten Fragen.

Das Fliegen steht in der heiß diskutierten Klimaschutzdebatte am Pranger. Dennoch werden in den Herbstferien wieder Millionen Deutsche in den Urlaub abheben. Bei einigen wird das schlechte Gewissen mit an Bord sein. Mancher wird sich die Frage stellen: Wie kann ich das wieder gutmachen? Europas größte Airline Lufthansa stellte vor Kurzem eine neue Kompensationsplattform dafür vor. Das Abendblatt beantwortet die wichtigsten Fragen zum Thema.


Wie groß ist der Umweltschaden durch das Fliegen?

Jeder Mensch hinterlässt einen Kohlendioxid(CO2)-Fußabdruck, hierzulande sind es im Schnitt gut elf Tonnen des Gases pro Jahr. Laut dem Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) ist die Luftfahrt weltweit für 2,8 Prozent aller vom Menschen verursachten CO2-Emissionen verantwortlich. Laut dem Umweltbundesamt steuerten die CO2-Emissionen des von Deutschland abgehenden Luftverkehrs im Jahr 2017 3,3 Prozent zu den gesamten deutschen Treibhausgasemissionen bei. Betrachtet man die gesamte Klimawirkung – bei der Verbrennung von Kerosin entstehen zahlreiche weiter Schadstoffe wie Stickoxide, Aerosole und Wasserdampf, die ebenfalls zur Veränderung der Erdatmosphäre beitragen – sei der Anteil mindestens doppelt so hoch.


Welchen Beitrag können Passagiere zur Verbesserung leisten?

Grundsätzlich sollten sich Urlauber aus Umweltschutzgründen stets überlegen, ob sie nur mit dem Flugzeug ans Ziel kommen. Wer das mit „ja“ beantwortet, kann dennoch etwas, um den Schaden auszugleichen. Es gibt verschiedene Anbieter wie Atmosfair, Klima-Kollekte, Primaklima und Myclimate für CO2-Kompensationsdienstleistungen. Die Flugreisenden zahlen dort einen zusätzlichen Betrag zum Ticketpreis. Kritiker sehen das als modernen Ablasshandel an. Das Geld wird für Klimaschutzprojekte in Entwicklungs- und Schwellenländern verwendet. Davon werden Biogasanlagen gebaut, effizientere Öfen montiert oder Bäume gepflanzt. Verbraucher sollten darauf achten, dass die Treibhausgasemissionen realistisch berechnet und die Klimaschutzprojekte von hoher Qualität sind, rät das Umweltbundesamt. Eine Orientierung bietet das Siegel Gold Standard. Prüfer bestätigen bei dem Siegel, dass das Projekt durch die Gelder zusätzlich entstanden ist. Zudem ermitteln sie den Umfang der ausgeglichenen Emissionen. Als Marktführer in Deutschland gilt Atmosfair.


Wie funktioniert Atmosfair?

Wer bei Atmosfair einen Flug kompensieren möchte, gibt auf der Homepage Start- und Zielflughafen ein sowie Details wie Sitzklasse und Flugzeugtyp. Für einen Flug von Hamburg nach Mallorca berechnet das Portal einen CO2-Ausstoß von 734 Kilogramm. Wer diesen Betrag zu 100 Prozent kompensieren möchte, müsste 17 Euro per EC-, Kreditkarte oder Paypal bezahlen. Später soll er eine Spendenquittung bekommen, der Klimaschutzbeitrag steuerlich absetzbar sein. Wer von Hamburg nach München fliegen will, kann bei Atmosfair nicht kompensieren. Ihm wird die Anreise mit dem ICE empfohlen, weil der CO2-Abdruck dabei deutlich besser sei. Denn grundsätzlich gelte der Grundsatz „Vermeiden und Reduzieren vor Kompensieren“.


Was bietet Lufthansa an?

Der Konzern stellte am 19. August eine eigene Onlineplattform für Kompensationszahlungen vor. Auf www.compensaid.de können Fluggäste ihren Flug eingeben. Für die einfache Strecke von Hamburg nach München fallen demnach für die 701 Kilometer 91 Kilogramm CO2-Emissionen an. Passagiere können sich auf der Webseite registrieren und anschließend auswählen, ob mit dem Geld synthetischer Kraftstoff (SAF) gekauft oder Wald in Nicaragua aufgeforstet werden soll. Zwischen beiden ist in Ein-Prozent-Schritten auch eine Aufteilung möglich. Für Hamburg-München fallen 36,75 Euro an, die per Kredit- oder EC-Karte bezahlt werden können. Bei einer jeweils hälftigen Aufteilung würden 0,32 Bäume gepflanzt und 22,29 Liter SAF gekauft werden. Lufthansa verspricht, dass die kompensierte Menge SAF innerhalb von sechs Monaten auf Flügen zum Einsatz kommt. Dafür werden monatlich die Daten von Compensaid an Lufthansa weitergeben. Das Treibstoffmanagement des Konzerns sorge für den Einkauf der entsprechenden Menge, sagt Christina Walke, Sprecherin des für Compensaid zuständigen Lufthansa Innovation Hub. Die Plattform soll zunächst bei den zur Lufthansa-Gruppe gehörenden Airlines Eurowings, Swiss, Austrian Airlines präsenter gemacht werden. Der übernächste Schritt sei eine Öffnung für andere Airlines. Schon jetzt können aber Flüge anderer Airlines hochgeladen werden, sodass zum Beispiel der Ryanair-Flug über Compensaid kompensiert werden kann.


Was machen andere Airlines?

Fluglinien wie Delta (USA) oder Qantas (Australien) bieten auf ihrer Homepage an, die für eine Strecke anfallenden CO2-Emissionen zu berechnen und den entsprechenden Betrag für Klimaschutzprojekte zu spenden. Delta berechnet für Frankfurt-New York aber nur 9,11 Dollar. Bei Ryanair können Kunden am Ende der Buchung einen Euro spenden, um den Umweltschutz „zu unterstützen“.


Warum setzt Lufthansa auf synthetischen Kraftstoff? Wie entsteht er?
Als langfristiges Ziel gibt der BDL an, die CO2-Emissionen auf null zu senken. Das sei nur erreichbar, wenn fossiles Kerosin durch regenerative Kraftstoffe ersetzt werden. Benzin besteht aus Kohlenstoff-Wasserstoff-Verbindungen. Synthetische Kraftstoffe werden aus regenerativ erzeugtem Strom, Wasser und Kohlendioxid (CO2) gewonnen. Dieses Verfahren heißt Power-to-liquid (Ptl). In einer Ptl-Anlage wird der Atmosphäre während der Herstellung CO2 entzogen und zusammen mit Wasserstoff zu einem synthetischen Rohöl verarbeitet. In einer Raffinerie erfolgt abschließend die Veredelung zu Kerosin, das als Sprit in den Flugzeugen eingesetzt wird. Fliegt ein Jet mit diesem Kraftstoff, emittiert es dieselbe Menge CO2 in die Atmosphäre und bewegt sich unter dem Strich CO2-neutral, argumentiert der BDL.


Was halten Umweltexperten von Power-to-liquid?

Beim Umweltbundesamt steht die Technik hoch im Kurs. „Wir halten sehr viel von dem Power-to-liquid-Verfahren – unter der Voraussetzung, dass regenerative Energien bei der Erzeugung eingesetzt werden“, sagt Martin Schmied, Abteilungsleiter Verkehr, Lärm und Raumentwicklung. „Denn es ist der einzige Kraftstoff, der kaum andere ökologische Nachteile hat und gleichzeitig Treibhausgasneutralität ermöglicht.“ Generell wünschenswert wäre eine direkte Stromnutzung wie sie beim Elektroauto stattfindet. Power-to-liquid sollte nur eingesetzt werden, wenn es keine anderen Möglichkeiten gibt – wie bei Flugzeugen. Batterien für große Jets wären nach derzeitigem Technikstand zu schwer, die Flieger könnten mit ihnen nicht starten.


Warum fliegt Lufthansa nicht immer mit synthetischem Kraftstoff?

Zum einen sind die Kosten um ein Vielfaches höher als bei fossilem Benzin. Laut BDL liegt der Marktpreis für fossiles Kerosin bei 45 Cent pro Liter, Power-to-liquid-Sprit kostet unter heutigen Bedingungen 2,45 Euro pro Liter. Zum anderen sind regenerativ erzeugte, synthetische Kraftstoffe nicht in ausreichender Menge vorhanden. „Es geht nicht morgen“, sagt Schmied über den Zeitplan auf eine komplette Umstellung auf synthetisches Kerosin. „Aber die Anlagen dafür müssen heute gebaut werden.“ In Deutschland müssten die Pilotanlagen gebaut werden, um zu zeigen, dass die Technik funktioniert. Als späterer Standort sei die Bundesrepublik aber weniger geeignet. Erstens weil der Strombedarf ohnehin hoch ist. Zweitens weil sich die Anlage nicht rechnen würde, wenn sie nur bei überschüssigem Strom betrieben werde. Geeigneter als Standorte für Power-to-liquid-Verfahren wären Länder wie Marokko mit hohem Potenzial für Wind- und Solarstrom. „Bis 2030 könnten im Idealfall etwa zehn Prozent des gesamten in Deutschland getankten Kerosinbedarfs aus Power-to-liquid-Verfahren stammen“, sagt Schmied: „2040 sollten es schon bis zu 100 Prozent sein, um die globalen Klimaschutzziele zu erreichen.“


Wie viel kompensieren die Deutschen?

Atmosfair sammelte im vergangenen Jahr 9,5 Millionen Euro Ausgleichszahlungen ein – 40 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Compensaid-Gemeinschaft gab seit dem Launch des Produkts am 19. August 6,1 Millionen Kilometer ins System ein. 743 Tonnen CO2 seien auf 2395 Flügen ausgestoßen worden. Mehr als 16.000 Euro seien eingenommen worden, davon sollen 897 Bäume gepflanzt und 8614 Liter SAF gekauft werden.