Gastbeitrag

Sie fliegen nach Mallorca? Kein schlechtes Gewissen!

Die Wahrheit ist: Selbst wenn Sie und alle anderen Passagiere zu Hause blieben, würde kein Gramm CO2 weniger freigesetzt.

Wie vorbildlich! Eine schwedische Jugendliche beschließt, für die Verkündung ihrer Klimaschutz-Botschaften in allen Ecken Europas nicht mehr zu fliegen, sondern nur noch Zug zu fahren. Prompt stoßen hierzulande ihre Jünger in dasselbe Horn: Flugverkehr sei höchst schädlich. Die Deutschen müssten daher ihr Reiseverhalten drastisch ändern, um das Klima zu retten. Diagramme sollen zeigen, wie klimaschädlich das Fliegen im Vergleich mit Bahn oder Bus sei. Politiker empfehlen uns Bürgern, nicht mehr nach Mallorca oder Rhodos in den Urlaub zu fliegen.

Wer dergleichen fordert, hat die Klimaschutzpolitik der EU nicht verstanden: Wenn Sie auf Ihre Flugreise nach Spanien oder Griechenland verzichten und dadurch Ihr Flug gestrichen wird, reduzieren Sie die Kohlendioxid-Emissionen um kein Gramm. Selbst die Streichung aller Flüge von Deutschland nach Spanien und Griechenland hätte einen Reduktionseffekt von null.

Grund ist das Emissionsrechtehandelssystem EU-ETS. In ihm wird die zulässige CO2-Emissionsmenge gedeckelt und stetig gesenkt. Wer CO2 emittieren will, muss Emissionsrechte erwerben. Die Höchstbietenden erhalten sie.

Das EU-ETS hat zwei Vorteile: Erstens wird die politisch beschlossene CO2-Reduktion sicher erreicht. Zweitens dürfen diejenigen emittieren, für die es am teuersten wäre, auf CO2-arme Technologie umzurüsten – denn die bieten den höchsten Preis.

Fluggesellschaften müssen Emissionsrechte besitzen

Dem EU-ETS unterliegt – neben den meisten Industriebranchen und den Stromkraftwerken – auch der Luftverkehr: Fluggesellschaften müssen für Flüge von und nach europäischen Flughäfen grundsätzlich Emissionsrechte besitzen. Für sie ist das System „halb-offen“: Ihnen werden Emis­sionsrechte zugeteilt, was für zwei Drittel der Flüge reicht. Für das dritte Drittel müssen sie zusätzliche Rechte am Markt erwerben. Nicht benötigte zugeteilte Rechte können sie nicht an beliebige Emittenten, sondern nur an andere Fluglinien verkaufen.

Würden nun mangels Nachfrage alle Flüge von Deutschland nach Spanien und Griechenland gestrichen, hätte dies den Effekt, dass die Fluglinien entsprechend weniger zusätzliche Emissionsrechte am Markt nachfragen. Wenn die Nachfrage zurückgeht, sinkt der Preis. Dadurch wird es etwa für die Stahlindustrie billiger, Emissionsrechte zu kaufen und mit ihnen mehr CO2 zu emittieren. Die Gesamtemissionen bleiben konstant auf dem EU-weit gedeckelten Niveau.

Selbst wenn die Nachfrage so stark einbräche, dass die deutschen Fluglinien nicht einmal alle zugeteilten Rechte benötigten, würden andere Fluglinien diese kaufen, um zusätzliche Flüge zu betreiben, etwa von Polen nach Bulgarien. Was durch deutsche Flüge nicht ausgestoßen wird, wird also woanders ausgestoßen. Gesamteffekt: null. Nur in dem utopischen Fall, dass europaweit (!) die Nachfrage nach Flügen um ein Drittel einbräche, würde weniger CO2 emittiert.

Lieber auf einen Urlaub in der Karibik verzichten

Grundsätzlich gilt das EU-ETS auch für Interkontinentalflüge von und nach europäischen Flughäfen. Dies wurde jedoch bis 2023 ausgesetzt, um die europäische Luftverkehrswirtschaft im globalen Wettbewerb zu schützen. Es geht um die großen internationalen Flughafen-Drehkreuze wie Frankfurt: Ein Großteil der Passagiere landet in Europa nur zwischen, etwa von den USA nach Asien. Allein am Flughafen Frankfurt arbeiten 80.000 Menschen, die Zulieferbetriebe nicht mitgerechnet. Und seit Jahren machen gerade die Fluglinien und Drehkreuze am Arabischen Golf wie Dubai den Europäern heftige Konkurrenz.

Wenn bei Starts und Landungen in der EU Emissionsrechte erworben werden müssen, werden amerikanische und asiatische Passagiere die – dadurch teureren – europäischen Fluglinien und Drehkreuze zum Umsteigen meiden. Das bedroht Arbeitsplätze in Europa. Und dies sogar ohne klimapolitische Wirkung. Denn dann wird das CO2 eben auf Flügen mit Zwischenlandung in Dubai statt in Frankfurt emittiert.

Noch einmal zu Ihnen, liebe Urlauber: Indem Sie auf einen Urlaub in der Karibik verzichten, können Sie zur Emissionsreduktion beitragen. Fliegen Sie aber nach Herzenslust weiter in den Urlaub nach Spanien oder Griechenland! Und lassen Sie sich dabei vor allem kein schlechtes Gewissen einreden!