Tourismus

So sehr schadet die Urlaubsreise dem Klima

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Volker Mester
Der Sommerurlaub ist auch für viele Hamburger üblicherweise eine Flugreise. Dabei gilt das Flugzeug als besonders klimaschädlich.

Der Sommerurlaub ist auch für viele Hamburger üblicherweise eine Flugreise. Dabei gilt das Flugzeug als besonders klimaschädlich.

Foto: Frank Rumpenhorst / dpa

Abendblatt-Umwelt-Check: Mit dem Flugzeug in die USA, per Kreuzfahrtschiff nach Norwegen oder im Auto Richtung Dänemark.

Hamburg.  Die nächsten Wochen sind für viele Hamburger die schönsten des Jahres: Mit dem Ferienstart steht der Sommerurlaub bevor. In vielen Familien ist das üblicherweise eine Flugreise – schließlich ist der Juli am Hamburger Flughafen der Monat mit den höchsten Passagierzahlen. Dabei gilt der Jet als das wohl klimaschädlichste Verkehrsmittel.

Aus Anlass des Ferienbeginns hat das Abendblatt für fünf unterschiedliche Urlaubsmodelle den jeweiligen Ausstoß des Klimagases CO2 durchgerechnet. Es geht dabei immer um eine Reise von 14 Tagen für zwei Erwachsene und ein Kind. Die von den Online-Klimarechnern ermittelten Emissionswerte beziehen sich jedoch stets auf den CO2-Ausstoß pro Kopf, weil nur so eine Vergleichbarkeit gegeben ist. Eine Grafik zeigt die Resultate.

Hier die wichtigsten Fragen und Antworten rund um die Klimaauswirkungen von Urlaubsreisen:

Wie stark trägt der Tourismus zu den CO2-Emissionen bei?

Ein Wissenschaftlerteam der University of Sydney (Australien) veranschlagte im vorigen Jahr den Anteil der Touristen an den weltweiten Treibhausgas-Emissionen auf acht Prozent. Die Forscher berücksichtigten dabei nicht nur die Transportmittel und Hotels, sondern auch die klimaschädlichen Auswirkungen der mit dem Tourismus zusammenhängenden Gastronomie- und Konsumangebote.

Wie umweltbewusst sind denn die Deutschen, was den Urlaub angeht?

„Wenn es um die magischen zwei Wochen des Sommerurlaubs geht, ist die Kompromissbereitschaft eher gering“, sagt der Tourismus-Experte Ulrich Reinhardt, Wissenschaftlicher Leiter der vom Tabakhersteller British American Tobacco finanzierten „Stiftung für Zukunftsfragen“ in Hamburg. Zwar sei den Deutschen in den vergangenen Jahren immer bewusster geworden, dass sie sich am Ferienort umweltschädlicher verhalten als sonst, etwa weil das Hotel klimatisiert sei, weil dort überdurchschnittlich viel Nahrung weggeworfen werde oder weil man häufiger dusche als daheim. „Aber für den Urlaub wird das Gewissen ausgeschaltet“, so Reinhardt. Das zeige sich schon daran, dass die durchschnittliche Reiseentfernung stetig zunehme: „Da zeichnet sich kein Abschwung ab.“

Wie steht die Reisebranche selbst zum Umwelt- und Klimaschutz?

„Der Erhalt der Destinationen und Weltmeere liegt im ureigenen Interesse der Reisewirtschaft“, sagt dazu Ellen Madeker, Sprecherin des Deutschen ReiseVerbands (DRV). Sie schätzt die Situation ähnlich ein wie Reinhardt: „Schon seit einigen Jahren gibt ein hoher Anteil der Gäste bei Befragungen an, dass Umwelt- und Klimaschutz auch im Urlaub wichtig ist. Dennoch hält sich die konkrete Bereitschaft, etwa den CO2-Fußabdruck entsprechend zu kompensieren, noch in Grenzen.“ Dennoch bemühten sich zum Beispiel immer mehr Hotels um die Verleihung von Umweltsiegeln oder Nachhaltigkeitszertifikaten.“ Schon seit mehreren Jahren biete der DRV eine Schulung von für Reisebüromitarbeitern an, damit sie die Kunden qualifiziert zu nachhaltigen Hotels und Reiseangeboten beraten können. Damit reagiere man auf steigende Nachfragen von Kunden.

Welche Verkehrsmittel sind generell besonders klimaschädlich?

Bei allen Verkehrsmitteln, die von Verbrennungs- oder Elektromotoren angetrieben werden, hängen die Klimaauswirkungen von einer Reihe von Faktoren ab, unter anderem dem bei der Stromerzeugung eingesetzten Energiemix. Je nach diesen Faktoren kann sich die Rangordnung der Verkehrsmittel verschieben. So wird im Klimarechner des Heidelberger Instituts für Energie- und Umweltforschung (Ifeu) für den Bahnverkehr der durchschnittliche deutsche Strommix des Jahres 2016 zugrundegelegt. Bei einem zunehmenden Anteil erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung wird der Klimavorteil der Züge somit noch deutlich größer.

Außerdem spielt für die Berechnung des CO2-Ausstoßes pro Kopf die Auslastung eine Rolle: Auf einer Strecke von 250 Kilometern kann die Fahrt mit einem alten, großen Pkw mit Benzinmotor, besetzt mit nur einer Person, im CO2-Vergleich schlechter abschneiden als eine Flugreise über die gleiche Distanz (64 Kilo CO2 für das Auto, 52 Kilo für den Jet). Der Grund: Flugzeuge sind in der Regel gut ausgelastet, also relativ voll besetzt. Würden mit dem Auto in diesem Beispiel aber vier Personen reisen, ergäbe sich pro Kopf nur ein CO2-Ausstoß von 16 Kilogramm.

Wie sieht ein Luftverkehrs-Kritiker den bevorstehenden Ferienbeginn?

„In den kommenden Tagen werden rund 145.000 Menschen die Stadt mit dem Flugzeug verlassen“, sagt Martin Mosel vom Initiativkreis Klima- und Fluglärmschutz im Luftverkehr. Zum Einsatz kämen dabei mehr als 1000 Flugzeuge, was für „unerträgliche Belastungen durch Lärm und Luftschadstoffe“ in den überflogenen Stadtteilen sorge. Jeder Hamburger reise im Schnitt 5,6 Mal pro Jahr eine Distanz von je rund 1000 Kilometer mit dem Flugzeug – und mit einem Anteil von rund 70 Prozent sind in Hamburg nach Angaben von Mosel „private Urlaubs- und andere Spaßreisen“ der Hauptgrund dafür.

Was sagt die Luftverkehrsbranche zum Thema Klimaschutz?

„Keine andere Branche hat ihren Treibstoffverbrauch pro Passagier in den vergangenen Jahren so verbessert wie die Luftfahrt“, heißt es dazu vom Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL). Deutschlands „moderne Luftflotte“ habe den Verbrauch seit 1990 von 6,30 Liter Kerosin pro 100 Kilometer und Passagier auf zuletzt 3,58 Liter gesenkt. Das ist eine Minderung um rund zwei Prozent pro Jahr.

Der BDL räumt aber selbst ein: „Da der weltweite Luftverkehr weiter um etwa 5 Prozent pro Jahr wachsen wird, reicht die Senkung des spezifischen Treibstoffverbrauchs nicht aus, um den Anstieg der CO2-Emissionen zu stoppen.“ Um dem entgegenzuwirken, habe die internationalen Zivilluftfahrtorganisation ICAO ein globales CO2-Kompensationssystem beschlossen, das 2020 starten soll. Die Teilnahme ist jedoch zunächst freiwillig und soll erst ab 2027 für alle Mitgliedsstaaten verpflichtend sein.

Wie funktioniert eigentlich eine CO2-Kompensationszahlung?

Unter CO2-Kompensation versteht man Zahlungen zur Finanzierung von Treibhausgas mindernden Investitionen meist in Entwicklungsländern. Beispiele dafür sind der Bau von Biogasanlagen oder Wiederaufforstungsprojekte dort. Die gemeinnützige Gesellschaft Atmosfair, der Marktführer in Deutschland für solche Kompensationen, setzt einen Preis von 23 Euro pro Tonne CO2 an. So viel werde benötigt, um eine Tonne CO2 in „hochwertigen Klimaschutzprojekten“ in Entwicklungsländern einzusparen.

Wer mit dem Flugzeug oder mit einem Kreuzfahrtschiff reist, kann die Daten auf der atmosfair-Internetseite eingeben und per Klick den daraus errechneten Kompensationsbetrag entweder komplett oder teilweise spenden – steuerlich absetzbar. Für die in der Grafik dargestellte Flugreise über Düsseldorf in die USA errechnet atmosfair einen Kompensationsbetrag (für drei Personen) von 239 Euro.

Für 2018 seien 9,5 Millionen Euro Ausgleichszahlungen bei der Organisation eingegangen, 40 Prozent mehr als 2017, sagt atmosfair-Mitarbeiterin Julia Zhu. Dabei seien rund 60 Prozent der Zahlungen von Privatreisenden gekommen und 40 Prozent von Geschäftsreisenden. „Insgesamt werden weniger als ein Prozent der Flugreisen ab Deutschland kompensiert“, so Zhu. Außer atmosfair sind Anbieter wie Klima-Kollekte, Primaklima, ClimatePartner und Myclimate auf diesem Feld aktiv.

Ist eine CO2-Kompensation sinnvoll?

„Eine Kompensationszahlung kann helfen, das Klima zu schützen – aber nur dann, wenn sie sich auf nicht vermeidbare Reisen bezieht“, sagt Greenpeace-Verkehrsexperte Benjamin Stephan. „Niemand muss mit dem Flieger nach Rom zum Einkaufen, deshalb ist auch eine Kompensation dafür moderner Ablasshandel.“ Ähnliches gelte für Kreuzfahrten, „eine der klimaschädlichsten Formen des Reisens.“

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