Hamburgs Digital-Stars

Gunnar Froh macht aus Pendlern Taxifahrer

Gunnar Froh, Gründer von Wunder Mobility in den Firmenräumen in der Hamburger HafenCity.

Gunnar Froh, Gründer von Wunder Mobility in den Firmenräumen in der Hamburger HafenCity.

Foto: Roland Magunia

Teil 14: Menschen im privaten Pkw mitnehmen und Geld bekommen. Im Ausland wurde die digitale Mitfahrzentrale WunderCar ein Erfolg.

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft bereitete sich am 11. Juni 2014 im brasilianischen Campo Bahia auf das 4:0 im ersten WM-Vorrundenspiel gegen Portugal vor, in Hamburg formierten sich zeitgleich Hunderte Taxis zum Protestkorso. Was für Jogis Jungs viereinhalb Wochen später im Triumph endete, war für Gunnar Froh und sein erst wenige Monate zuvor gegründetes Start-up namens WunderCar ein herber Rückschlag. Denn an jenem Tag war klar: Die von der Digitalisierung getriebene Revolution im urbanen Nahverkehr würde vorerst noch nicht an Alster und Elbe stattfinden.

Taxifahrer auf der Zinne

„Morgens stand ein Lkw auf der Straße vor unserem Büro. Irgendwann wurde die Plane hochgeschlagen und der Chef des Taxenverbandes beschallte uns mit Parolen. Gleichzeitig fuhr ein Taxi nach dem anderen durch die Hongkongstraße“, erinnert sich Froh. Es war der gut organisierte Protest des Taxigewerbes gegen einen möglichen Konkurrenten. Und der kam nicht von ungefähr: Die WunderCar-Idee, eine Art digitale innerstädtische Mitfahrzentrale, bedrohte nämlich durchaus das Taxigeschäft: Autobesitzer, die morgens allein in die Innenstadt fahren und abends zurück, bieten die leeren Sitzplätze für Fremde an. Organisiert werden die gemeinsamen Fahrten per App, die Mitfahrer zahlen dem Fahrer ein Trinkgeld in selbst gewählter Höhe.

Keine Chance in Hamburg

Es war ein im stark regulierten Personenbeförderungsgewerbe grauzoniges Modell. Aber Gunnar Froh sagt, die Einführung sei mit Verantwortlichen im Hamburger Rathaus besprochen gewesen. „Es gab Signale: Mach mal.“ Die Wirtschaftsbehörde allerdings hatte den Service schon kurz vor dem Taxifahrerprotest untersagt. Wegen möglicher juristischer Konsequenzen fanden sich kaum noch Pendler bereit, zahlende Mitfahrer zusteigen zu lassen. In Hamburg war der WunderCar-Service tot.

Scheitern als Chance

Gunnar Froh findet das schade: „Klar wären wir gern in der Stadt gestartet, in der ich lebe“, sagt er. „Aber wir hatten keine Wahl und haben uns entschlossen, mit dem Service in osteuropäische Städte zu gehen. Das war ohnehin geplant.“ Das Scheitern in Hamburg ist inzwischen nurmehr eine Episode. WunderCar heißt inzwischen „Wunder Mobility“ und erwartet 2019 einen Umsatz im niedrigen zweistelligen Millionenbereich.

Gunnar Froh hat vor und nach jenem 11. Juni ziemlich viel ziemlich richtig und erfolgreich gemacht. Im Jahr 2003 hatte der Entrepreneur in Bad Bramstedt sein Abitur bestanden, es folgte ein Wirtschaftsstudium in Montreal, an der WHU-Managementschool bei Koblenz und in Dallas. Anschließend blieb er zwei Jahre bei McKinsey, dann kam die beim Beratungsunternehmen übliche Auszeit für eine Promotion. Wieder in Koblenz, hieß das Thema der Doktorarbeit „irrationales Kaufverhalten“. Sie wurde nie zu Ende geschrieben.

Er erfand das deutsche Airbnb

Denn in Koblenz begann Frohs Zeit als Gründer und Unternehmer: Er baute ein Carsharing-Unternehmen auf, bald darauf mit zwei weiteren Doktoranden und zwei Studenten eine Art deutsches Airbnb. Den Anstoß lieferte ein höchst analoges Event: die Bundesgartenschau 2011. „In der Region wurde viel diskutiert, wo die Gäste übernachten könnten, da es zu wenig Kapazitäten in den Hotels gab.“ Die Gründer programmierten eine Software, mit der sich die im Sommer lange leer stehenden Studentenunterkünfte an Buga-Besucher vermitteln ließ, nannten ihr Unternehmen Accoleo. „Wir wussten anfangs gar nicht, dass im Silicon Valley kurz vorher Airbnb gegründet worden war“, sagt Froh.

Als er es erfuhr, reimte er sich die Mailadresse von Airbnb-Mitgründer Brian Chesky zusammen. „Ich habe ihm eine Zusammenarbeit angeboten.“ Chesky meldete sich, man telefonierte, ein Jahr später übernahmen die Amerikaner den Mitbewerber. Die Accoleo-Gründer erhielten Airbnb-Anteile. Gunnar Froh baute von Hamburg aus die Geschäfte der Amerikaner im ersten Auslandsmarkt auf. Zuerst in Deutschland, dann europaweit. Als Airbnb mit Abstand Marktführer war und Ende des Jahres 2013 die Europazentrale nach Irland verlegte, hätte Froh in San Francisco weiterarbeiten können. Doch er machte Schluss mit dem Teilen privater Unterkünfte und verlegte sich auf das Teilen von Mobilität. Seine Airbnb-Anteile besitzt er bis heute.

Mitfahrdienste in Weltstädten

WunderCar finanzierte er gemeinsam mit Investoren. „Ich habe sechs erfahrene Unternehmer angefragt, die damals mit ihren Firmen schon erfolgreich waren. Alle sechs sind eingestiegen.“ Im Februar 2014 startete der Service in Hamburg, im Juli wurde er eingestellt. Seitdem hat das Unternehmen mit dem deutschen Wort im Namen, das auch international verstanden wird, sich mehrfach gewandelt. Von den Büros an der Hongkongstraße aus werden heute Mitfahrdienste in Weltstädten wie Manila, Neu-Delhi und Rio gesteuert. Doch was noch vor Kurzem als Geschäftsmodell der Zukunft galt, ist jetzt eine Unternehmenssparte, die weitergeführt, aber nicht forciert wird. Das hat mit einem Übernahmeangebot zu tun. „Ein deutscher Autohersteller wollte Wunder Mobility kaufen. Aber wir sind überzeugt, dass es ein starkes eigenständiges deutsches Technologie-Unternehmen im Bereich New Mobility geben muss“, sagt Froh. Das Interesse des Autobauers führte zum nächsten Geschäftsmodell – zur Software-Lizensierung.

Buchen mit Software aus Hamburg

Anbieter von Mobilitätsdiensten wie Bike- und Carsharing, Betreiber von Shuttlediensten, Verkehrsverbünde, Kommunen und Unternehmen zahlen Wunder Mobility Gebühren dafür, dass sie die in Hamburg programmierte Software nutzen. Damit organisiert zum Beispiel O2 in München – 3500 Mitarbeiter, aber nur wenige Hundert Parkplätze – Fahrgemeinschaften der Beschäftigten. Wer in Hamburg bei Emmy einen Elektro- Scooter bucht, tut das mit einem Programm von Wunder. Deutsche Kommunen haben Interesse an einer gemeinsamen Buchungsplattform für alle Mobilitätsdienste in ihrer Stadt. Und in London soll 2020 eine Flotte autonomer Taxis den Dienst aufnehmen. Die Buchungssoftware dafür kauft der Betreiber in Hamburg.

Das Ziel: 1500 Mitarbeiter

Dabei hat Wunder Konkurrenten. „In Paris, New York und San Francisco sitzen Firmen, die Ähnliches anbieten wie wir. Ich bin aber fest davon überzeugt, dass wir auf dem besten Weg sind, zu einem der besten Mobility-Tech-Unternehmen zu werden“, sagt Gunnar Froh. Investoren glauben das auch. 2018 sammelte Wunder Mobility 26 Millionen Euro bei ihnen ein. Die Zahl der Beschäftigten soll von 150 am Jahresanfang auf 250 Beschäftigte in der HafenCity Ende 2019 steigen, Firmensprache: Mobility-Englisch. Die Start-up-Phase ist vorbei, den Tischkicker haben sie auch schon abgeschafft. Froh ist gerade auf der Suche nach einem neuen Büro in der Stadt, mit genug Platz, um in nicht allzu ferner Zukunft 1500 Leute unterzubringen. Dann muss Gunnar Froh aber los, den Sohn von der Kita abholen. Der zweifache Vater nimmt – wie fast jeden Tag – einen Carsharing-Wagen. Er wählt spontan zwischen zwei Anbietern. Die Buchungssoftware des einen kennt er gut. Sie ist aus dem Hause Wunder Mobility.