Schifffahrt

Klimawandel: Hamburger Reeder will Tempolimit auf dem Meer

Frachtschiffe wie dieses sollen künftig nur noch mit höchstens 16 Knoten (etwa 30 km/h) fahren dürfen.

Frachtschiffe wie dieses sollen künftig nur noch mit höchstens 16 Knoten (etwa 30 km/h) fahren dürfen.

Foto: Getty Images

Nikolaus H. Schües schließt sich einem Vorstoß an, den Schadstoffausstoß sofort zu reduzieren und so die Erderwärmung zu verringern.

Hamburg. Seine Herkunft macht Nikolaus H. Schües zum Traditionalisten. Der 53-jährige Spross einer Hamburger Reederfamilie ist Gesellschafter und Geschäftsführer der geschichtsträchtigen Hamburger Reederei F. Laeisz und zudem Vizepräsident der wohl größten Schifffahrtsorganisation der Welt, Bimco (Baltic and International Maritime Council).

Wie sein Vater, der Alters-Präses der Handelskammer Nikolaus W. Schües, ist er ehrenamtlich und karitativ tätig. Und wie sein Vater scheut er sich nicht, Probleme anzusprechen, deren Lösung ihm am Herzen liegt. Jetzt hat Nikolaus H. Schües einen Brief an die Internationale Seeschifffahrtsorganisation der Vereinten Nationen (IMO) mit Sitz in London geschrieben. Dessen Inhalt dürfte in der Schifffahrtsbranche für Aufsehen sorgen: Aus Sorge um den Klimawandel fordert Schües ein Tempolimit für Schiffe auf den Weltmeeren.

Schues will den Schadstoffausstoß mit einem Tempolimit begrenzen

„Ich bin kein Idealist, aber dass wir etwas tun müssen, ist meine innere Überzeugung“, sagt Schües. „Es kann keine unterschiedliche Meinung darüber geben, dass eine Geschwindigkeitsbegrenzung zu einer sofortigen Emissionsreduktion führen würde. So wie bei einem Auto das anstatt mit Tempo 200 nur mit 130 Kilometern in der Stunde von Hamburg nach München fährt.“

Hintergrund des Vorstoßes ist das Ziel, die globale Erwärmung zu begrenzen. Die Schifffahrt stößt nach Angaben der IMO jährlich eine Milliarde Tonnen Kohlendioxid aus. Das entspricht etwa drei Prozent der gesamten Emission des Treibhausgases. Um die Auswirkungen des Klimawandels zu begrenzen, hat die IMO das Ziel vorgegeben, die Kohlendioxidemissionen von Schiffen bis zum Jahr 2050 mindestens zu halbieren.

Tempolimit auf dem Meer würde sofort Wirkung zeigen

„Ich bin sicher, dass der technologische Fortschritt etwa bei der Entwicklung neuer Antriebsarten es uns erlauben wird, die Klimaziele zu erreichen“, sagt Schües. „Aber das braucht Zeit.“ Ein Tempolimit sei hingegen ein geeignetes Mittel, um sofort etwas zu bewirken.

Schües ist mit der Forderung nicht allein. Insgesamt 110 Reeder weltweit haben die Petition an die IMO unterschrieben. Die griechische Reederin Ioanna Prokopiou hat sie gestartet. Im Mai soll der Umweltausschuss der Weltschifffahrtsorganisation darüber verhandeln.

Hamburger Reederei lenkt umstrittenen Vorstoß in Deutschland

Zu den Unterstützern zählen zehn namhafte Hamburger Reeder, die aber überwiegend nicht öffentlich genannt werden wollen. Gelenkt wird die Aktion in Deutschland von der Hamburger Reederei Orion Bulkers.

Der Vorstoß ist in der Branche nicht unumstritten – weil seine Umsetzung Kosten verursachen würde. Wenn Schiffe langsamer unterwegs sind, dauert der Transport der Seegüter länger. Die Kosten für den Betrieb der Schiffe pro Seereise erhöhen sich.

Zudem benötigen Schiffsmotoren eine gewisse Geschwindigkeit, damit sie ihren optimalen Wirkungsgrad entfalten. Sinkt die Geschwindigkeit darunter, verschlechtert sich der Wirkungsgrad und damit auch das Verhältnis zwischen Treibstoffverbrauch und Leistung. Nicht alle Reedereien sind bereit, das mitzutragen. Schües formuliert das di­plomatisch: „Es gibt extrem wenige Reedereien, die den Klimawandel verneinen. Aber über die Sinnhaftigkeit bestimmter Maßnahmen gibt es unterschiedliche Auffassungen.“

Tempolimit senkt Ausstoß von Treibhausgasen

Aus Sicht von Schües wäre eine Geschwindigkeitsreduzierung der richtige Weg. Er verweist auf die schwere Schifffahrtskrise 2008, in deren Folge viele Reedereien das Tempo ihrer Frachter und Tanker drosselten, um die Treibstoffkosten zu senken. „Die Geschwindigkeitsreduzierung der weltweiten Flotte nach dem Crash 2008 hat zu einer dramatischen Minderung der Treibhausgase geführt“, heißt es in dem Brief an die IMO-Mitglieder.

Offizielle Zahlen stützen das: So ist der Seehandel seit 2008 zwar um 19 Prozent gewachsen. Der weltweite Anteil am Kohlendioxid-Ausstoß aber um zehn Prozent gesunken. Laut einer Untersuchung der Reederei Hamburg Süd aus dem Jahr 2013 kann eine Minderung der Schiffsgeschwindigkeit von 20 auf 16 Knoten (umgerechnet 29,6 Kilometer pro Stunde) den Brennstoffverbrauch und den Schadstoffausstoß um 40 Prozent verringern.

Schifffahrt könnte "Beispielindustrie" für den Klimaschutz werden

Dennoch scheuen die großen Schifffahrtsorganisationen und Verbände einen so drastischen Schritt. Der Verband Deutscher Reeder (VDR) hält sich zurück, weil das Thema Tempolimit auf den Weltmeeren eine beliebte Forderung der NGO „Transport and Environment“ ist. Vor deren Karren will sich der Reederverband nicht spannen lassen.

„So ein Blockdenken ist anachronistisch, weil wir alle am gleichen Ziel arbeiten“, sagt Schües. Er selbst hat sich in der Bimco mit der Forderung jedoch auch nicht durchsetzen können. Deshalb hat er nun den offenen Brief unterzeichnet. „Es ist meines Wissens das erste Mal, dass sich Schifffahrtsunternehmen ohne eine Koordination durch ihre Organisationen zu einer konzertierten Aktion in diesem Umfang zusammenschließen.“

Schües sieht darin eine Vorbildaktion: „Die Schifffahrt hat den wohl einzigartigen Vorteil, dass sie über die IMO global reguliert wird. Was die IMO entscheidet gilt für alle. Es gibt keine Wettbewerbsverzerrungen. Insofern könnte die Schifffahrt zu einer Beispielindustrie dafür werden, wie Klimaschutzmaßnahmen global eingeführt werden können.“

Ausnahme für Containerschiffe

Bleibt die Frage, wo genau die Geschwindigkeitsbegrenzung liegen soll. Das geben die Unterzeichner des offenen Briefs nicht vor. Minimum ist aus ihrer Sicht aber, dass die durch die freiwillige Tempodrosselung nach der Schifffahrtskrise vor elf Jahren erreichten Treibhausgaseinsparungen nicht wieder rückgängig gemacht werden.

Um die Belastung gerecht zu verteilen, fordern die Unterzeichner für alle Schiffstypen mit Ausnahme von Containerfrachtern ein generelles Tempolimit. Für Containerschiffe, die nach festen Fahrplänen um die Welt fahren und dabei ständig wechselnde Distanzen zurücklegen, soll hingegen eine maximale Durchschnittsgeschwindigkeit pro Jahr vorgegeben werden.