Goldpreis

Viele Hamburger machen jetzt ihren Schmuck zu Geld

Bei Degussa in Hamburg prüft Altgold-Expertin Susanne Löffler alten Schmuck auf seinen Wert.

Bei Degussa in Hamburg prüft Altgold-Expertin Susanne Löffler alten Schmuck auf seinen Wert.

Foto: Roland Magunia/Hamburger Abendblatt

Bei Metallhändlern floriert das Geschäft. Kunden trennen sich von alten Geschmeiden. Nicht alle Ankäufer sind seriös.

Hamburg.  Susanne Löffler kauft und verkauft Gold und an ihrem Arbeitsplatz hört sie häufig ausführliche Geschichten ihrer Kunden. „Es ist ein ganz sensibler Bereich“, sagt die stellvertretende Niederlassungsleiterin beim Edelmetallhändler Degussa Goldhandel am Ballindamm in der Hamburger Innenstadt. Der Ankauf von Altgold benötigt Zeit, Geduld und Fingerspitzengefühl. Wenn Kunden Susanne Löffler 15, manchmal 20 Schmuckstücke auf den Tisch legen, um sie zu verkaufen, dauert das Gespräch nicht selten eine Stunde und länger.

Manchmal gibt es tragische Geschichten

Ob besondere Erinnerungen mit dem Schmuck verbunden sind, fragt Susanne Löffler fast immer. Manchmal hört sie traurige Geschichten: Dass der alte Schmuck verkauft werden müsse, um eine Beerdigung bezahlen zu können, zum Beispiel. „Andere trennen sich ganz emotionslos von ihrem Gold- und Silberschmuck, um sich etwas Schönes davon zu kaufen oder Urlaub zu machen“, erzählt Löffler. Der Altersdurchschnitt der Verkäufer ist hoch: „Vor allem ältere Herrschaften räumen auf und verkaufen ihre Geschmeide.“ Das geschieht derzeit ungewöhnlich häufig. Es ist ratsam, einen Termin zu vereinbaren, sagt Löffler.

Goldpreis ist deutlich gestiegen

Der steigende Goldpreis macht den Verkauf von Ringen, Broschen und Ketten derzeit wieder attraktiv. Seit September 2018 geht es mit dem Edelmetallpreis deutlich aufwärts. Die Feinunze Gold (31,1 Gramm) hat sich seitdem um fast 15 Prozent verteuert. Am Freitag kostete sie 1294 Dollar, umgerechnet 1154 Euro.

„Die Zahl der Edelmetall-Ankäufe ist in unseren Filialen, auch in Hamburg, um rund 80 Prozent gestiegen“, sagt Oliver Heuschuch, Mitglied der Degussa-Geschäftsleitung. „Wir beobachten schon länger, dass Kunden sehr preissensibel sind.“ Steigt der Goldpreis so wie derzeit, trennen sie sich häufiger von wertvollen Erinnerungsstücken.

Plus 70 Prozent mit Altgold

Der Goldhändler Pro Aurum, der ebenfalls eine Filiale in Hamburg unterhält, registrierte in den beiden ersten Monaten 2019 ein Plus von 70 Prozent beim Altgoldankauf gegenüber dem Vorjahreszeitraum. „Viele Kunden fragen jetzt unsere Dienstleistung beim Ankauf nach“, sagt Pro Aurum-Sprecher Benjamin Summa. Bei Juwelieren und Schmuckfachgeschäfte sieht es ebenso aus. „In deutschen Schmuckkästen schlummern Milliardenwerte, die nicht mehr getragen werden“, sagt Joachim Dünkelmann, Geschäftsführer des Bundesverbandes der Juweliere. Schmuck- und Uhrenfachgeschäfte (BVJ). „Jetzt rücken die vergessenen Schätzchen ins Bewusstsein.“

Mitunter führen aber die vermeintlichen Schätze auch nur zu Enttäuschung. Nicht alles was golden glänzt, ist auch wirklich aus Edelmetall. Susanne Löffler kennt auch solche traurigen Geschichten. Meist wurden die Besitzer, die jetzt auf einen Verkaufspreis hoffen, von Betrügern hereingelegt.

Ein Säuretest enthüllt die Wahrheit

Bei Degussa gibt es eine ganze Reihe von Prüfverfahren, um zu ermitteln, wie wertvoll die Ware wirklich ist. Am bekanntesten ist Königswasser, eine Mischung aus Salpeter- und Salzsäure. Mit ihr kann der Feingoldgehalt des Schmucks schnell bestimmt werden. Susanne Löffler reibt dann den Schmuck auf einer kleinen Graphitplatte, beträufelt die winzigen Goldspäne mit Königswasser. Das Gold löst sich nicht auf. In diesem handelt es sich um 585er Gold. Für jede Goldlegierung gibt es ein entsprechendes Königswasser.

Mit einem Röntgenfluoreszenz-Gerät wird der Anteil verschiedener Edelmetalle und ihre Feinheit in einem Schmuckstück bestimmt. Fast alle Goldketten enthalten neben Gold oder Silber auch unedle Metalle. Und mit einer speziellen Waage lässt sich prüfen, ob auch der Kern von Münzen und Barren aus Gold besteht. „In jedem Fall sehen bei uns die Kunden genau, was mit ihrem Schmuck passiert“, sagt Heuschuch. „Und wir erläutern, wie sich der Ankaufpreis zusammensetzt.“ Enthält eine 21 Gramm schwere Kette aus 585er Gold, wird das Gesamtgewicht mit 0,585 multipliziert. 12,29 Gramm reines Gold werden dann mit dem aktuellen Preis für ein Gramm Gold multipliziert. In diesem Fall erhält der Verkäufer 416 Euro. Denn nur das reine Edelmetall wird in die Bewertung einbezogen. Das Altgold wird dann in der Degussa-Scheideanstalt in Pforzheim eingeschmolzen und zu Goldbarren eingeschmolzen. Edelsteine behält der Verkäufer Kunden. „In 90 Prozent der Fälle können wir die Ware sofort bewerten und den Preis auszahlen oder überweisen“, sagt Geschäftsführer Heuschuch.

Woran man unseriöse Ankäufer erkennen kann

Verbraucherschützer warnen vor dubiosen Aufkäufern. Seriöse Händler erkennt man daran, dass der Goldgehalt etwa mit Abriebtest und dem Wiegen mit einer geeichten Präzisionswaage ermittelt wird. „Wenn der Verkäufer mit dem Schmuck hinter dem Vorhang verschwindet, ist das nicht seriös“, sagt Reinhard Bochem, Geschäftsführer von Schiefer & Co, der einzigen Edelmetall-Scheideanstalt in Hamburg. Auch die Frage, wieviel Geld der Verkäufer für den Schmuck erwarte, sei unseriös. Am besten lässt sich der Goldgehalt und der Anteil anderer Metalle durch ein Scheideverfahren bestimmen. So ist Zahngold häufig eine Mischung aus Gold und Platin. „Zahngold wird stark unterbewertet“, sagt Bochem. Auch er registriert gestiegene Goldankäufe. „Sobald der Goldpreis steigt, wächst die Verkaufsbereitschaft“, sagt Bochem. Ein anderes von den Ankäufern häufig gehörtes Verkaufsargument: Der alte Schmuck treffe nicht den heutigen Geschmack. Trotzdem wartet Bochem wartet immer etwas, bis er den angekauften Schmuck tatsächlich einschmilzt. „Mancher Verkäufer ist schon zurückgekommen und wollte seinen Schmuck wieder haben.“

Goldmünzen sind weiter gefragt

Während sich mehr Hamburger von ihrem Altgold trennen, sind Goldmünzen wie der Krügerrand und Goldbarren weiter gefragt. Die Branche der Edelmetallhändler erwartet in diesem Jahr den Absatz von rund 100 Tonnen Münzen und Barren aus Gold in Deutschland. Das liegt auf Vorjahresniveau. Plötzlich auftauchende Krisen können auch zu einem höheren Absatz führen.

„Manche Kunden verkaufen ihren Schmuck und decken sich dann hier gleich mit Anlagegold wie Münzen oder Barren ein“, sagt Degussa-Geschäftsführer Heuschuch. „Die Abkehr von steigenden Zinsen in Europa und den USA macht Gold wieder interessanter.“ In einem Umfeld von Null- beziehungsweise Negativzinsen sind Gold und Silber zumindest zum Teil eine Alternative zu Festgeld- und Sparkonten geworden.

Die Stunde der Anleger

Doch auch Anleger, die bereits vor längerer Zeit in Gold investiert haben, nutzen die derzeit hohen Preise zum Verkauf: „Drei von zehn Kunden sind momentan auf der Verkaufsseite“, sagt Pro Aurum-Sprecher Summa. Das bedeute, „dass wir auch beim Anlagegold zurzeit doppelt so viele Verkaufsaufträge zu bearbeiten haben als noch vor Jahresfrist“. Wer Gold nach einem Jahr wieder verkauft, muss den den Gewinn nicht versteuern steuerfrei. Meist setzen Verkäufer darauf, dass sie später wieder günstiger einsteigen können. Der Goldpreis ist großen Schwankungen ausgesetzt. Wenn sich die Zahl der Schmuckverkäufer wegen eines sinkenden Preises wieder reduziert, schlägt die Stunde der Goldanleger.