Flugzeugwartung

Lufthansa Technik wirbt in Discos um Personal

Johannes Bußmann, der Chef von Lufthansa Technik, vor einem Airbus-Jet.

Johannes Bußmann, der Chef von Lufthansa Technik, vor einem Airbus-Jet.

Foto: Michael Rauhe / HA

Weltmarktführer für Flugzeugwartung muss immer mehr ältere Mitarbeiter ersetzen. Der Umsatz legt um zehn Prozent zu.

Hamburg.  Lufthansa Technik hat im Jahr 2018 ein ehrgeiziges Ziel erreicht: Erstmals betreut das Unternehmen weltweit mehr als 5000 Flugzeuge. Im vergangenen Jahr legte die Zahl um 12,6 Prozent auf 5131 Maschinen zu. „Das entspricht rund einem Fünftel der weltweit im Einsatz befindlichen Flugzeugflotte“, sagte der Vorstandsvorsitzende Johannes Bußmann bei der Bilanzvorlage in Hamburg: „Lufthansa Technik war nie größer und nie internationaler, als wir es heute sind.“

Seit 2014 ist der Umsatz um deutlich mehr als ein Drittel gewachsen. „Wir sind überzeugt, dass diese Dynamik in den nächsten Jahren erhalten bleibt“, so Bußmann. Damit müsse aber auch der Personalstand weiter ausgebaut werden, um die neuen Aufträge abarbeiten zu können. Bereits im vorigen Jahr ist die Beschäftigtenzahl im Konzern rund um den Globus um sechs Prozent auf 22.537 Personen gestiegen. „Ich bin sehr optimistisch, dass sich auch hier in Hamburg die positive Entwicklung fortsetzt“, sagte Bussmann.

831 neue Mitarbeiter eingestellt

„In Deutschland haben wir 2018 rund 1200 neue Mitarbeiter eingestellt, davon 831 in Hamburg“, erklärte Personalvorstand Antonio Schulthess; am Heimatstandort hat die Lufthansa-Technik-Gruppe heute 8500 Beschäftigte. Allerdings stellt den Personalchef allein schon die Demografie vor eine echte Herausforderung. „Der Altersschnitt der Mitarbeiter hier in Hamburg liegt bei 45 Jahren; absehbar ist, dass wir von 2021 an jedes Jahr vier bis fünf Prozent der Belegschaft aus Altersgründen ersetzen müssen“, so Schulthess.

Mit Blick darauf wird schon in diesem Jahr die Zahl der neu beginnenden Auszubildenden von 120 auf 200 junge Menschen hochgesetzt. Doch viele Schulabgänger streben ein Studium an und keine Ausbildung. Somit wird es für das Unternehmen immer wichtiger, auf die Berufsperspektiven nach einer Lehre bei Lufthansa Technik aufmerksam zu machen. „Dazu müssen wir die jungen Leute da ansprechen, wo sie sich aufhalten“, so Schulthess: „Wir werben in Sozialen Medien, in der U-Bahn, bei McDonald’s und in Diskotheken.“

In den Discos macht das Unternehmen dies über Gratispostkarten („Edgar Cards“), wie sie allein in Hamburg in 530 Bars, Cafés, Restaurants, Kinos und Fitness Studios ausliegen. In der U-Bahn und in den Schnellrestaurants läuft die Werbung über die Info-Monitore. Bereits im vergangenen Jahr habe Lufthansa Technik in Deutschland 18.500 Bewerbungen erhalten. „So viele brauchen wir aber auch, um den Personalbedarf mit geeigneten neuen Mitarbeitern decken zu können“, so Schulthess. Noch unzufrieden ist er mit dem Frauenanteil an den neuen Ausbildungsjahrgängen: „Er liegt bei acht bis zehn Prozent, sollte aber höher sein.“

Zwei neue Gemeinschaftsbetriebe

Zwar hat Lufthansa Technik vor zwei Jahren den Bereich Flugzeugwartung in Hamburg geschlossen. Rund 300 Mitarbeiter waren davon betroffen. „Wir haben dabei aber keine Arbeitsplätze abgebaut, die Beschäftigten konnten auf andere Stellen am Standort wechseln“, sagte Bussmann. Für 2018 berichtete er über erfreuliche Zahlen. Der Umsatz der Technik-Tochter des Kranich-Konzerns kletterte marktüberdurchschnittlich um 9,5 Prozent auf einen neuen Rekordwert von 5,9 Milliarden Euro, der Gewinn vor Steuern verbesserte sich auf 394 (Vorjahr 378) Millionen Euro. Das gelang, wie Bußmann sagte, trotz steigenden Preisdrucks und höherer Investitionen. Auch am Heimatstandort Hamburg wird investiert: „Hier entsteht bis zum Jahr 2022 für 42 Millionen Euro der modernste Werkstatt für Hydraulikkomponenten“, so Bußmann.

Im Bereich der Triebwerksinstandhaltung ist Lufthansa Technik bei den Gemeinschaftsfirmen mit Motorenherstellern weiter vorangetrieben. So wird der in Polen gegründete Gemeinschaftsbetrieb mit GE Aviation im Frühjahr erste Großtriebwerke der neuesten Generation von General Electric warten, reparieren und überholen. EME Aero, eine zusammen mit MTU Aero Engines ins Leben gerufene Firma für die technische Betreuung von hochmodernen Getriebefan-Triebwerken, soll ebenfalls in Polen gegen Jahresende 2019 den Betrieb aufnehmen.

Zwei weitere Neugründungen haben ihren Sitz in Hamburg: Zusammen mit LG Electronics aus Korea will Lufthansa Technik künftig die Technologie der so genannten OLED-Displays für kommerzielle Flugzeugkabinen weiterentwickeln und vermarkten. Außerdem will der Weltmarktführer der Flugzeugwartungsbranche mit dem neuen „Aviation DataHub“ eine unabhängige Plattform für alle Daten, die im Luftverkehr anfallen, schaffen. In den kommenden Monaten sollen sich weitere Partner aus der Luftfahrtbranche daran beteiligen. „Vor allem Fluggesellschaften können dann wählen, ob und wem sie ihre Daten zur technischen Betreuung von Flugzeugen oder zur Verbesserung von Bodenabfertigung und Flugbetrieb zur Verfügung stellen wollen“, heißt es dazu.

Hamburger betreuen auch 56 Boeing 737 MAX

Der Hintergrund der gerade erst im März erfolgten Neugründung: Derzeit streiten sich Wartungsbetriebe, Airlines und Flugzeughersteller darum, wem die Fülle von Daten, die ein Flugzeug und seine Triebwerke unablässig liefern, eigentlich gehören. Diese Daten sind viel Geld wert, denn sie können unter anderem für die vorausschauende Wartung genutzt werden: Anhand von Betriebsdaten des Triebwerks lässt sich zum Beispiel relativ genau abschätzen, wann ein bestimmtes Teil ausgetauscht werden muss. Lufthansa Technik selbst bietet seit 2017 die Softwarelösung Aviatar für genau diese zwecke an. Mittlerweile profitierten die Betreiber einer „deutlich vierstelligen“ Zahl von Flugzeugen mittels Aviatar von optimierten Betriebszeiten sowie einem zuverlässigeren Flottenbetrieb. Auch mehrere Billigfluggesellschaften gehören zu den Kunden.

Wie Bußmann sagte, betreut Lufthansa Technik aktuell 56 Maschinen des Typs Boeing 737 MAX, für den nach zwei Abstürzen ein weltweites Flugverbot verhängt wurde. Der wirtschaftliche Schaden für die Hamburger durch das Startverbot sei überschaubar, hieß es: „Die Erlöse mit diesen 56 Flugzeugen waren sehr gering, weil sie sich alle noch in der Herstellergarantiephase befinden“, so Bußmann. „Für die technische Betreuung der Maschinen hatten wir einen Betrag im niedrigen zweistelligen Millionenbereich investiert.“ Diese Investitionen seien natürlich nicht verloren, weil die Airlines den Betrieb mit den Jets voraussichtlich in absehbarer Zeit wieder aufnehmen könnten. Boeing hat angekündigt, eine Softwareänderung für das unter Verdacht stehende Flugkontrollsystem MCAS am kommenden Montag zur Begutachtung bei der zuständigen Behörde einzureichen.