Luftfahrt

Wie Airbus seine Zulieferer unter Druck setzt

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Volker Mester
Tom Enders ist Chef von Airbus. Der Flugzeugbauer fordert deutliche Preiszugeständnisse von seinen Lieferanten.

Tom Enders ist Chef von Airbus. Der Flugzeugbauer fordert deutliche Preiszugeständnisse von seinen Lieferanten.

Foto: picture alliance

Diehl verlagert mehr als 500 Arbeitsplätze von Hamburg nach Ungarn. Ein wichtiger Grund dafür sind harte Vorgaben des Flugzeugbauers.

Hamburg.  Eine Bordtoilette eines Jets kostet je nach Ausstattung so viel wie ein Mittelklassewagen oder auch so viel wie eine Luxuslimousine. Und für die Duschräume für den Airbus A380 muss der Kunde einen sechsstelligen Betrag ausgeben. Nach dem Willen der Geschäftsleitung des Luftfahrtzulieferers Diehl sollen diese Produkte aber bald nicht mehr in Hamburg gefertigt werden, sondern in Ungarn. Für diese Entscheidung, die 565 Arbeitsplätze in der Hansestadt kostet, soll auch die Einkaufspolitik des Großkunden Airbus unter der Führung von Vorstandschef Tom Enders eine Rolle spielen.

Hier die wichtigsten Fragen und Antworten zur der von Diehl angekündigten Werksverlagerung:

Hat sich der Wegzug von Diehl im Vorfeld abgezeichnet?

„Die Entscheidung kam völlig überraschend“, sagt der Hamburger Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt. „Der noch nicht lange zurückliegende Umzug von großen Teilen der Produktion in ein neues Gebäude schien ein klares Bekenntnis zum Standort Hamburg zu sein.“ Im Laufe des Jahres 2016 hatte Diehl die Arbeitsplätze von rund 300 Beschäftigten aus verschiedenen über Hamburg verteilten Produktionsstätten in einen Neubau in unmittelbarer Nähe zum Großkunden Airbus verlagert.

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„Es erschließt sich mir spontan nicht, welchen Sinn es für Diehl haben soll, den Vorteil der kurzen Wege aufzugeben und sich in diesem Zuge von einer erfahrenen Mannschaft zu trennen“, sagt Großbongardt. „Aber Ungarn lockt natürlich mit einem niedrigen Steuerniveau und im Vergleich zu Deutschland noch immer niedrigeren Löhnen.“

Was bedeutet die Werksverlagerung für den Luftfahrtstandort Hamburg?

„Das ist durchaus ein Rückschlag für den Luftfahrtstandort Hamburg“, urteilt der Branchenexperte. „Dabei ist Hamburg in den zurückliegenden Jahren außerordentlich erfolgreich darin gewesen, Unternehmen aus dieser Industrie anzuziehen.“ Nach Einschätzung von Großbongardt besteht jedoch nun die Gefahr, dass nicht nur die 565 Jobs bei Diehl selbst verloren gehen: „Diehl gibt Unteraufträge an kleinere Mittelständler weiter. Wenn die Serienproduktion von Waschräumen und Bordküchen nach Ungarn abwandert, wird sich das auch bei einigen dieser Firmen bemerkbar machen.“

Steigt der Kostendruck auf die Zulieferer in der Luftfahrtbranche?

„Gegenüber der Belegschaft macht die Geschäftsführung Airbus klar mit verantwortlich für die Entscheidung zur Produktionsverlagerung“, sagt Ulrich Orth, Betriebsratsvorsitzender bei Diehl in Hamburg. „Vonseiten des Kunden Airbus ist das Geschäft für uns in den vergangenen Jahren viel härter geworden.“ Zwar habe Airbus das Entwicklungsrisiko bei neuen Modellen immer stärker auch auf Zulieferer verlagert, aber anders als früher keine festen Abnahmemengen mehr garantiert.

„Die Branche ist seit längerer Zeit von zunehmendem Preisdruck gekennzeichnet“, sagt dazu ein Diehl-Sprecher. Nach Angaben des US-Beratungshauses AeroDynamic Advisory hat Airbus im Jahr 2014 im Rahmen des Effizienzprogramms „Scope+“ für die A320-Jetfamilie von den Zulieferern gefordert, die Preise bis 2019 um mindestens zehn Prozent zu senken. Von Airbus hieß es dazu auf Anfrage: „Wir äußern uns nicht zu Details von Geschäftsbeziehungen mit unseren Lieferanten.“

Ändert Airbus die Einkaufspolitik gegenüber Zulieferern?

Es gibt ganz klar Bestrebungen, die Anzahl der größeren Zulieferer, mit denen der Flugzeugbauer in direkten Lieferbeziehungen steht, bei neuen Jet-Programmen zu verringern. Nach Erkenntnissen von AeroDynamic Advisory gibt es für den A380 noch 200 solcher Lieferanten, beim A350 sind es nur noch etwa 90. Gleichzeitig prüfe Airbus aber, bestimmte Komponenten aus zwei unterschiedlichen Quellen zu beziehen, um das Risiko von Produktionsausfällen durch Lieferengpässe bei diesen Teilen zu verringern. „Zusätzlich drängt Airbus die Zulieferer, eine Fertigung in Niedriglohnländern aufzubauen“, sagt Orth. „Das ist eine neuere Tendenz.“ Der Diehl-Sprecher äußerte sich dazu nur allgemein: „Die Geschäftsmodelle in der Branche befinden sich derzeit in einem grundlegenden Wandel. Dazu gehören auch Änderungen in der Einkaufspolitik der Flugzeughersteller.“

Schreibt die Hamburger Diehl-Produktion rote Zahlen?

2010/2011 übernahm Diehl in Hamburg den Bordtoilettenbauer Dasell und den Flugzeugküchenhersteller Mühlenberg. Der Konzern habe die wirtschaftliche Situation der beiden Betriebe nach dem Zukauf verbessern können und habe auch die Belegschaft im Rahmen des Produktionshochlaufes erhöht, sagte der Firmensprecher. „Die Serienproduktion in Hamburg allerdings war bereits in den Jahren seit der Übernahme nur wenig profitabel oder gar defizitär.“

Wie gut sind die Chancen der Diehl-Mitarbeiter auf einen neuen Job?

„Die Konjunktur läuft derzeit recht gut“, sagt Orth. „Nach der Ankündigung der Geschäftsleitung werden sich aber gerade die Leistungsträger jetzt ganz schnell von sich aus nach einem neuen Arbeitgeber umsehen.“ Nach Einschätzung des Branchenkenners Großbongardt sind die Chancen, in der Luftfahrtindustrie einen neuen Job zu finden, nicht schlecht: „Zurzeit sind alle Zulieferer gut oder voll ausgelastet.“

Welche Marktposition hat Diehl in der Luftfahrtbranche?

Mit mehr als 5400 Beschäftigten im Luftfahrtbereich, davon 1100 in Hamburg, gehört Diehl zu den größten Zulieferern der Branche. Das Unternehmen beliefert neben Airbus auch Boeing sowie die Regionalflugzeugbauer Bombardier und Embraer, aber auch Fluggesellschaften unter anderem mit Produkten für die Kabinenbeleuchtung, Elektronik zur Flugsteuerung, Wasserversorgung, Brandschutz und Klimatisierung in der Kabine. Diehl ist zudem ein Hersteller von Rüstungs- und Regelungstechnik.

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