Radverkehr

Hamburger Abbiegeassistent soll tödliche Unfälle verhindern

Matthias Feistel (l.) und Martin Groschke im Fahrerhaus eines Lkw, der bereits mit einem Abbiegeassistenten ihrer Firma ausgerüstet ist

Matthias Feistel (l.) und Martin Groschke im Fahrerhaus eines Lkw, der bereits mit einem Abbiegeassistenten ihrer Firma ausgerüstet ist

Foto: Michael Rauhe / HA

Wie ein kleine Firma hilft, Lkw-Unfällen in der Stadt vorzubeugen und damit zum Konkurrenten von Mercedes wird.

Hamburg.  Es war ein Unfall, der viele Hamburger bis heute zutiefst berührt: Anfang Mai starb an der Osterstraße in Eimsbüttel eine 33 Jahre alte Radfahrerin, nachdem sie von einem nach rechts abbiegenden Lkw überrollt worden war. Die Mutter zweier Kinder erlag noch an der Unfallstelle ihren schweren Verletzungen. Das nach den bisherigen Unfallermittlungen wahrscheinlichste Szenario ist, dass die Radfahrerin, die Vorfahrt hatte, vom Lkw-Fahrer nicht gesehen wurde, weil sie sich im sogenannten toten Winkel seines Sichtfeldes befand.

Die politische Debatte über die Ausrüstung von Lkw mit Abbiegeassistenz-Systemen reißt seitdem nicht ab. Technische Lösungen, wie ein Lkw-Fahrer auch den toten Winkel einsehen kann, gibt es längst. Nach den derzeit in Brüssel diskutierten Plänen soll ein solches System EU-weit verpflichtend werden für alle Fahrzeuge über 7,5 Tonnen – allerdings erst im Jahr 2022.

Jedes Jahr sterben 25 bis 40 Radfahrer

Hamburg dauert das zu lange. Die Bürgerschaft hat im Juni beschlossen, dass der gesamte Fuhrpark der Stadt und der städtischen Unternehmen ab 3,5 Tonnen zügig mit Abbiegeassistenten ausgerüstet werden soll. Sowohl die neu beschafften Lkw wie auch diejenigen, die schon jetzt auf den Straßen unterwegs sind und es noch viele Jahre sein werden.

Nun sind die Behörden der Hansestadt und die städtischen Unternehmen auf der Suche nach einer Lösung – und einige sind dabei bereits auf ein junges und kleines Unternehmen in Hammerbrook gestoßen. „Wir bieten die derzeit umfassendste, sicherste und innovativste Lösung für die Erst- und Nachrüstung an“, sagt Martin Groschke selbstbewusst. Er ist einer der geschäftsführenden Gesellschafter der Luis Technology GmbH.

Umfassendes System

Das Unternehmen mit gut 20 Mitarbeitern und Sitz am Hammer Deich ist in der Branche bislang vor allem für Rückfahrsysteme und -kameras bekannt. Ein großer Kunde ist das Tochterunternehmen der Post, das die Elek­tro-Lieferwagen für den Logistikkonzern entwickelt hat und baut. „Die Streetscooter der Post sind mit Rückfahrkameras von Luis ausgestattet“, sagt Groschke.

Frau stirbt bei schwerem Unfall mit Lkw:

Seit wenigen Tagen ist nun der Abbiegeassistent namens „Luis Turn Detect“ auf dem Markt. Er gilt auch in Fachkreisen als derzeit umfassendstes System, das dazu beitragen kann, die steigende Zahl von Unfällen zwischen Lkw und Radfahrern zu verringern. Nach verschiedenen Schätzungen sterben bei Kollisionen mit abbiegenden Lkw in Deutschland zwischen 25 und 40 Menschen pro Jahr. Erst Anfang dieser Woche wurde in Hannover ein Lkw-Fahrer zu einem Jahr Haft auf Bewährung verurteilt, weil er beim Rechtsabbiegen einen Elfjährigen getötet hatte.

Unterschied zu anderen Assistenten

Das Luis-System arbeitet mit einer am Lkw montierten Kamera. Sie überträgt Bilder, die den Bereich rechts vom Lkw zeigen, auf einen Monitor in der Fahrerkabine. Schlägt der Lkw-Fahrer das Steuerrad zum Abbiegen ein, löst die Bildauswertung einen optischen und akustischen Alarm aus, sobald sie ein Objekt erkennt, das sich im überwachten Bereich in dieselbe Richtung wie der Lkw bewegt. Selbst dann, wenn der Radfahrer oder Fußgänger zeitweise zum Beispiel von geparkten Autos verdeckt werden. Es ist das Szenario, bei dem es häufig zu besonders schweren und tödlichen Abbiegeunfällen kommt.

Dass nur vor sich bewegenden Objekten gewarnt werde, sagen die Luis-Chefs, sei der große Unterschied zu anderen Assistenten, die etwa mit Ultraschallwellen arbeiten. Sie warnen zumeist vor jedem Objekt, das sich im überwachten Bereich befindet – selbst, wenn es ein geparktes Auto oder ein Poller ist. Mögliche Folge: Ein von häufigen Fehlalarmen gestresster Fahrer setzt den Blinker gar nicht mehr, um den ständig ertönenden Warnton zu vermeiden. „Das ist das Schlimmste, was passieren kann“, sagt Matthias Feistel, der zweite geschäftsführende Gesellschafter.

Große Chance

Das am ehesten mit dem Luis-Assistenten vergleichbare System bietet Mercedes an. In ihm warnt ein Radargerät ebenfalls nur vor sich in dieselbe Richtung bewegenden Radfahrern und Fußgängern. Bei Luis wird an einem solchen radarbasierten System noch gearbeitet. Mercedes ist zugleich der einzige Lkw-Hersteller, der für seine Fahrzeuge einen Abbiegeassistenten als Sonderausstattung anbietet.

Für die Firma Luis ist das eine große Chance. Denn obwohl es bislang weder eine gesetzliche Pflicht noch eine finanzielle Förderung für Nach- oder Erstausrüstung eines Lkw mit einem Abbiegeassistenten gibt, steigt die Nachfrage derzeit spürbar. Das zeigte sich beim Start der von Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) angeschobenen „Aktion Abbiegeassistent“, bei der die Hamburger Mitte Juli in Berlin ihr System präsentierten. Schon zuvor hatten mehrere große Lebensmittelunternehmen angekündigt, dass sie ihre Lkw-Flotten in absehbarer Zeit komplett mit Abbiegeassistenten ausrüsten wollen.

Verkehrsteilnehmer schützen

„Wir haben derzeit sehr, sehr viele Anfragen von privaten und öffentlichen Unternehmen“, sagt Groschke. Die kommen oft von Fahrzeugbaufirmen, die die Lkw-Flotten ihrer Kunden nach deren speziellen Wünschen umbauen und ausrüsten. In der Region Hamburg kooperiert Luis mit dem Fahrzeugbauer KFB Jessen in Oststeinbek. Die Nachrüstung mit dem Abbiegeassistenten kostet ab gut 1000 Euro.

Die Hamburger Spedition Garbe Transport ist eines der ersten Unternehmen, die das Luis-System bereits einsetzt. KFB Jessen hat vor wenigen Tagen zunächst einen der 170 Garbe-Lkw mit dem Assistenten nachgerüstet. „Der Fahrer soll das jetzt erst einmal testen“, sagt Speditionsinhaber Michael Garbe. Ihm gehe es darum, andere Verkehrsteilnehmer zu schützen, seine Fahrer und das Unternehmen selbst davor zu bewahren, womöglich in einen tödlichen Abbiegeunfall verwickelt zu sein. „Das mag ich mir gar nicht vorstellen“, sagt er. Doch Garbe denkt nicht allein an den schlimmsten Fall. „Schon, wenn der Assistent hilft, einen Blechschaden zu vermeiden, hat er sich für uns bezahlt gemacht.“

Zweistelliger Millionenumsatz angepeilt

Die Kamera, den Bildschirm im Fahrerhaus und die Steuerbox lässt die Firma Luis nach ihren Vorgaben in Asien fertigen. Die Software, die aus den einzelnen Komponenten erst einen Unfallwarner machen, hat das Unternehmen von Spezialisten schreiben lassen. Denn Groschke, Feistel und der dritte und stille Luis-Teilhaber sind gar nicht vom Fach. Die drei Männer im Alter zwischen 38 und 43 Jahren waren viele Jahre gemeinsam in einer Strategieberatung für Unternehmen angestellt, bevor sie Ende 2015 die Firma Luis übernahmen, um sich den Traum von der Selbstständigkeit in einer Wachstumsbranche zu verwirklichen.

„Als wir das Unternehmen vor knapp drei Jahren gekauft haben, hatte es zwei Mitarbeiter und war eine Art Onlineshop“, sagt Groschke. Mittlerweile vertreibt Luis seine Rückfahrkamera-Systeme in ganz West- und Mitteleuropa. 2019 könnte der Umsatz bereits einen zweistelligen Millionenbetrag erreichen. „Wir könnten dran kratzen“, sagt Matthias Feistel vorsichtig. Es kommt auch darauf an, wie gut sich der neue Abbiegeassistent aus Hamburg verkauft.

Zu erkennen ist er für den Laien kaum. Am Lkw von Garbe Transport verrät nur die weit oben rechts und außen am Fahrerhaus montierte Kamera von der Größe einer Apfelhälfte, dass ein Assistent dem Trucker hilft. Zur Aktion des Bundesverkehrsministers gehört daher auch ein Aufkleber für Laster, die bereits mit einem Abbiegeassistenten ausgerüstet sind. Der Slogan lässt allerdings Raum für Missverständnisse: „Ich hab den Assi.“