Studie

Neuwagen schlucken im Schnitt 42 Prozent mehr als angegeben

Besonders hohe Abweichungen des Spritverbrauchs werden vor allem bei Autos im Premium-Segment beobachtet.

Besonders hohe Abweichungen des Spritverbrauchs werden vor allem bei Autos im Premium-Segment beobachtet.

Foto: dpa Picture-Alliance / Christin Klose / picture alliance / dpa Themendie

Autohersteller geben einen unrealistischen Spritverbrauch an. Das belegt eine Studie. Autofahrer zahlen so 400 Euro mehr im Jahr.

Berlin.  Viele Autofahrer kennen die Erfahrung. Egal wie langsam sie in der Innenstadt oder auf der Autobahn fahren: Die Angaben der Hersteller zum Spritverbrauch sind mit ihren Fahrzeugen praktisch kaum zu erreichen. In der Regel schluckt ihr Wagen immer mehr Diesel oder Benzin als angegeben. Und ihre Beobachtung ist offenbar richtig.

Nach einer aktuellen ICCT-Studie liegt der reale Kraftstoffverbrauch von neuen Autos heute durchschnittlich um 42 Prozent höher als der Verbrauch, der von den Herstellern angegeben wird. Für die Autofahrer bedeutet dies Mehrkosten für Sprit von rund 400 Euro pro Jahr.

„Die Kluft zwischen offiziellem und tatsächlichen Verbrauch ist dabei so groß wie noch nie“, fasst Peter Mock, Geschäftsführer des International Council on Clean Transportation (ICCT) in Europa, die Ergebnisse zusammen. „Noch vor zehn Jahren betrug die Differenz nur etwa 15 Prozent.“ Die ICCT ist eine unabhängige Forschungsorganisation, die vor zwei Jahren den VW-Diesel-Skandal in den USA maßgeblich mit aufgedeckt hat.

Daten von 1,1 Millionen Fahrzeugen aus acht Ländern ausgewertet

Besonders hohe Abweichungen werden vor allem bei Autos im Premium-Segment beobachtet, wo die Abweichungen teilweise mehr als 50 Prozent über den Herstellerangaben liegen. Ähnliches gelte auch für Hybrid- und Plug-in-Hybrid-Fahrzeuge, heißt es in der Studie, für die Daten von rund 1,1 Millionen Fahrzeugen aus acht europäischen Ländern ausgewertet wurden. Bei Firmenwagen lag die durchschnittliche Abweichung mit 45 Prozent etwas höher als bei Privatfahrzeugen mit 39 Prozent.

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Auch in China, Japan und den USA stellten die ICCT-Forscher Abweichungen fest, allerdings nicht so stark wie in Europa. So werden in den USA seit Jahren unabhängige Nachtests von Serienfahrzeugen durchgeführt. Diese hätten auch dazu geführt, dass die realen Verbrauchswerte in den USA sehr nahe an den Herstellerangaben liegen, berichten die ICCT-Forscher. Ein Grund für die hohe Diskrepanz bei den Werten in Europa liegt darin, dass der Kraftstoffverbrauch von Pkw für die Herstellerangaben weiterhin in Testlaboren und nicht im realen Fahrbetrieb ermittelt werden.

Strengere Regeln ab Herbst 2018

Allerdings ist zumindest ein erster Schritt für mehr Wahrhaftigkeit getan. Als Konsequenz aus dem Dieselskandal gelten seit September für neue Fahrzeugtypen strengere Richtlinien bei den Testverfahren nach dem sogenannten Worldwide Harmonized Light Vehicles Test Procedure (WLTP). Dieses soll vom kommenden Herbst 2018 für alle Autos zur Pflicht werden. Die ICCT-Forscher erwarten, dass der WLTP-Test die Diskrepanz zwischen offiziellen und realen Verbrauchswerten etwa halbieren könnte.

Dennoch gebe es auch in der neuen Regulierung Schlupflöcher, sagt Mock. Weitere Schritte seien nötig, um die Diskrepanz in den Angaben zur Realität zu verringern. Hierzu sollten insbesondere Straßentests sowohl für den Kohlendioxid-Ausstoß (CO2) als auch für den Spritverbrauch unter realen Fahrbedingungen eingeführt werden.

Zudem sollten verbindliche Obergrenzen für Abweichungen zwischen Alltagswerten und Laborwerten festgelegt werden. Es wäre auch wichtig, „dass endlich europaweit Sanktionsmöglichkeiten eingeführt werden, um Autohersteller bei Tricksereien und Falschangaben bestrafen zu können“, sagt Mock unserer Redaktion. „Sonst ändert sich nichts.”