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Science-Fiction bei Edeka: Kommt der Robo-Einkaufswagen?

Markus Mosa, Chef von Edeka, mit dem Prototypen des Hightech-Einkaufswagens Wiigo.

Markus Mosa, Chef von Edeka, mit dem Prototypen des Hightech-Einkaufswagens Wiigo.

Foto: Roland Magunia

Der neueste Einkaufswagen fährt selbstständig und merkt sich, was eingepackt wird. Doch die Supermärkte erwägen noch den Mehrwert.

Hamburg.  Der Wiigo verhält sich wie ein treuer Hund. Verlässlich folgt der kleine weiße Einkaufswagen Edeka-Chef Markus Mosa, während sich dieser durch die Zukunftswerkstatt der Supermarktkette in Hamburg bewegt. Bleibt der Manager stehen, stoppt auch das motorisierte Gefährt hinter ihm. Geht Mosa weiter, dann nimmt der Wiigo in gebührendem Abstand wieder Fahrt auf und trägt ihm die Einkäufe hinterher.

Was wie die Szene aus einem ­Science-Fiction-Film wirkt, könnte schon bald in deutschen Supermärkten Realität werden. Überall auf der Welt arbeiten Ingenieure gerade daran, neue Formen des Einkaufswagens zu entwickeln. Die bekannten Drahtgefährte werden dabei immer mehr zu intelligenten Einkaufsbegleitern, die den Weg der Kunden in den Märkten aufzeichnen und die eingekauften Waren registrieren.

Prototyp im Testbetrieb

Der Wiigo ist derzeit noch ein Prototyp und kommt nur in wenigen ausgewählten Supermärkten in Frankreich und Portugal zum Einsatz. Erfunden hat ihn der Portugiese Luis de Matos. Der Jungunternehmer sitzt im Rollstuhl und wollte daher einen Einkaufsbegleiter konstruieren, der Menschen mit Handicap unterstützt. Das System funktioniert mithilfe mehrerer Kameras. Der Wiigo scannt den Kunden, merkt sich Gesicht und Statur und heftet sich dann an seine Fersen.

Ob das Gerät bald auch durch deutsche Edeka-Märkte rollt, wird davon abhängen, ob die selbstständigen Händler der Gruppe darin einen Mehrwert sehen. Derzeit sei man in Gesprächen mit mehreren Kaufleuten bundesweit, die den Wiigo ausprobieren wollten, heißt es aus der Zentrale. Einfach wird es sicher nicht, sie zu überzeugen, denn der Shoppingroboter kostet mit mehreren Tausend Euro ein Vielfaches eines gewöhnlichen Einkaufswagens. Der ist je nach Ausstattung schon für 80 bis 150 Euro das Stück zu haben. Rund 50.000 Stück bestellt allein die Edeka-Gruppe jedes Jahr.

Idee aus den USA, Optimierung aus Bayern

Sehr viele liefert Wanzl Metallwaren aus Bayern – heute Weltmarktführer für die Gefährte. Rudolf Wanzl junior, Sohn des Firmengründers, hatte sich die Idee Ende der 40er-Jahre vom Erfinder des ersten Einkaufswagens, Sylvan Goldman, abgeschaut. Goldman war Besitzer des Humpty-Dumpty-Supermarkts in Oklahoma City und wollte seinen Umsatz fördern, indem er den Kunden das Schleppen der schweren Waren ersparte. Also montierte der Geschäftsmann 1937 einen Metallkorb und Räder an einen simplen Klappstuhl – fertig war der erste Shopping Cart.

Fast wäre die Erfindung allerdings zu einem Flop geworden. Die Kundinnen lehnten die seltsamen Gefährte ab, weil sie kein kinderwagenähnliches Gestell vor sich herschieben mochten. Und die Männer wollten beim Einkaufen nicht schwach aussehen. Also griff Goldman auf einen Trick zurück: Er heuerte Statisten an, die gut gelaunt mit den neuen Wagen durch seinen Laden kurvten. Das brachte den Durchbruch.

Im Angebot: Das 240-Liter-Geschoss für Megastores

Der schwäbische Metallfabrikant Wanzl war von den Drahtgefährten so begeistert, dass er sie zu Hause im großen Stil produzierte. 1957 kam das Modell Concentra mit klappbarer Rückwand auf den Markt, wodurch sich die Wagen platzsparend zusammenschieben ließen. Damit stieg das Unternehmen in den kommenden Jahrzehnten zum größten Einkaufswagenhersteller der Welt auf. Rund 2,5 Millionen Stück verkaufen die Bayern nach eigenen Angaben jedes Jahr.

Hunderte unterschiedliche Modelle umfasst die Produktpalette – vom wendigen 75-Liter-Wagen für den Tante-Emma-Laden bis zum 240-Liter-Geschoss für den Megamarkt. Und es gibt reichlich Zubehör, von einer Babyschale namens „Trend“ über Taschenhaken und Becherhalter bis hin zu einer Lupe zur Entzifferung von Etiketten.

Mechanische Sperre soll Diebe abschrecken

Gegen den weitverbreiteten Klau von Einkaufswagen – 100.000 Stück werden nach Schätzung des Branchenverbands HDE jährlich entwendet – hat Wanzl zudem eine Wegfahrsperre im Programm. Sie wird mechanisch ausgelöst, wenn der Wagen über einen magnetischen Auslöser fährt. Zwei der vier Rollen blockieren, sodass sich das Gefährt nur noch im Kreis bewegen kann.

Der neueste Schrei sind bei Wanzl aber Einkaufswagen mit eingebauten Funkchips. Die ermöglichen es nicht nur, die Wagen bei einem etwaigen Diebstahl zu verfolgen. Sie können vor allem aufzeichnen, wo sich ein Kunde im Markt gerade aufhält. Welche Abteilung steuert er bevorzugt an, bei welchen Marken stoppt der Wagen, wie sind die Laufwege in der Filiale?

Wenn der Einkaufswagen durch den Laden leitet

Der „Smart Trolley 2.0“ liefere dem Filialleiter wichtige Informationen für die „kundenorientierte Optimierung“, schwärmt Wanzl-Chef Klaus Meier-Kortwig. So könnte anhand der Daten Aktionsware zum Beispiel optimal positioniert werden. In Verbindung mit einem umfassenderen Kontrollsystem könnten aber auch automatisch neue Kassiererinnen angefordert werden, wenn sich viele Wagen auf dem Weg zum Ausgang befinden.

Für Datenschützer dürfte der spionierende Einkaufswagen hingegen eine Horrorvorstellung sein, vor allem, wenn im nächsten Schritt auch noch Smartphones in die Einkaufstour integriert werden. Auf diesen könnten die Kunden mithilfe von Apps digitale Einkaufszettel erstellen und würden dann im Markt zu den entsprechenden Waren gelotst. Dazwischen ließen sich noch Werbefilme zu Sonderangeboten auf dem Bildschirm der Handys abspielen. Die Software-Bausteine hat Wanzl schon entwickelt, auch einen Einkaufswagen mit Smartphone-Halter gibt es bereits – schöne neue Shoppingwelt.

Der Trick mit dem schrägen Wagenboden

Ganz neu ist die Idee, die Kunden mithilfe des Einkaufswagens durch den Supermarkt zu lotsen, allerdings nicht. Schon vor 15 Jahren testete der Metro-Konzern in seinem Future Store im nordrhein-westfälischen Rheinberg ein ähnliches Konzept. Ein noch reichlich klobiger Shopping-Assistent diente nicht nur der Navigation, sondern konnte auch gekaufte Produkte scannen. An der Kasse musste das Gerät nur noch vom Einkaufswagen abgenommen und an die Kassiererin weitergegeben werden. Das System war allerdings teuer und lotste die Kunden auch schon mal in die falsche Richtung. Mittlerweile ist es eingemottet, der Future Store existiert ebenfalls nicht mehr.

Doch auch ganz ohne digitale Technik können Einkaufswagen zum Shoppen verführen. Das geht nach Erkenntnissen von Konsumforschern ganz einfach über die Größe. Je üppiger das Fassungsvermögen des drahtigen Begleiters, desto mehr haben die Kunden das Gefühl, noch gar nichts hineingelegt zu haben – und greifen weiter zu. Ein weiterer Trick: Der Boden manch eines Wagens verläuft etwas schräg, wodurch die Einkäufe aus dem Sichtfeld des Kunden kullern. Auch in diesem Fall entsteht der Eindruck, nach Herzenslust weiter zugreifen zu können. Das böse Erwachen kommt dann erst an der Kasse.