Weinhandel

Schloss Wachenheim kauft Rindchen's Weinkontor

Christine und Gerd Rindchen 2014 beim Treueball des Hamburger Abendblatts

Christine und Gerd Rindchen 2014 beim Treueball des Hamburger Abendblatts

Foto: Juergen Joost

Hersteller von Faber-Sekt kauft sich bei Hamburger Kette ein. Der Gründer und seine Ehefrau bleiben in leitender Position tätig.

Hamburg/Trier. Im Leben von Gerd Rindchen spielt Traugott eine wichtige Rolle. Für seine erste große Liebe fuhr er in den 70er-Jahren Hunderte Kilometer mit dem Auto aus seiner Heimatstadt Bremerhaven gen Süden. Dort besuchte er Winzer, lud ihre Weine ein und verkaufte sie im Norden an Freunde seiner Eltern. So finanzierte er sich seinen geliebten VW Bulli mit dem Namen Traugott – und legte den Grundstein für sein Unternehmen: Heute umfasst Rindchen’s Weinkontor 13 Filialen, zehn davon in der Metropolregion.

Alleiniger Herrscher in seinem Weinimperium mit Sitz in Hamburg und Bönningstedt wird der 58-Jährige aber bald nicht mehr sein. Mit Wirkung zum 1. Juli verkauft der Eimsbüttler seinen 70-Prozent-Anteil am Weinkontor an die Schloss Wachenheim AG. „Ich habe gemischte Gefühle, schließlich stecken 40 Jahre und zwei Monate meines Lebens in Rindchen’s Weinkontor“, sagte der Firmengründer dem Abendblatt. Sein ganzes Erwachsenenleben hänge an dem Unternehmen. Aber Schloss Wachenheim sei der bestmögliche Partner. „Und so sehe ich insgesamt optimistisch in die Zukunft.“

Mit rund 30 Interessenten wurde gesprochen

Seit Oktober 2015 wurde mit der Agentur Parklane Capital nach einem Investor gesucht. Mit rund 30 Interessenten habe man gesprochen. Es hätten sich einige Glücksritter darunter befunden, die Finanzierung sei häufig auf Kante genäht gewesen. Eine Hand voll Investoren sei dann in die engere Auswahl gekommen, sagt Rindchen. Seine Priorität: Eine Zerschlagung des Unternehmens dürfe es nicht geben. Mit Interessenten, die dies anstrebten, habe man die Gespräche beendet.

Ehefrau Christine Rindchen (53) behält ihren Anteil von 30 Prozent vorerst. Allerdings sicherte sich Wachenheim eine unwiderrufliche Kaufoption, die in der zweiten Jahreshälfte 2019 ausgeübt werden kann. „Wir haben uns nicht für das höchste Angebot entschieden“, sagt Rindchen ohne den Verkaufspreis zu nennen, „sondern für eine Lösung, die uns als Firma erhält: Alle rund 100 Arbeitsplätze und alle Filialen bleiben.“ Auch der Name Rindchen’s Weinkontor stehe nicht zur Disposition und die Kooperationen mit dem Hamburger Abendblatt („Lieblingsmenü“ sowie „Treueprogramm“) werden unverändert fortgeführt. Man habe mit Schloss Wachenheim den idealen Partner für eine Allianz gefunden, um das Unternehmen auszubauen.

Eine neue Filiale ist bereits geplant

Im September soll in Lohbrügge Filiale Nummer elf in Hamburg und Umgebung aufmachen. Am Heidhorst werde in einer früheren Haspa-Filiale ein Kontor eröffnet. „Da wollen wir das Tor zum Osten aufmachen“, sagt Rindchen. Offen sei noch, ob die Kette mit dem neuen Haupteigentümer auch deutschlandweit expandiert. Bisher gibt es Rindchen’s Weinkontor auch im Großraum München. Dazu kommen acht Partnerbetriebe in Berlin, Elmshorn, Leipzig und im Rhein-Main-Gebiet. Großkunden und Gastronomen werden beliefert – und es gibt noch den Onlineshop, in dem das Unternehmen etwa jeden vierten Euro erlöst.

Gerd und Christine Rindchen sollen die künftige Entwicklung des Unternehmens weiter mit vorantreiben. Seine Frau ist seit 26 Jahren im Betrieb und spiele eine sehr wichtige Rolle in der Firma. Sie leitet die Abteilungen Buchführung und Personal. Christine sei der Innen-, er der Außenminister, sagt Rindchen. Er kümmert sich am liebsten um das Kreieren von Weinen, kümmert sich um Kunden und Kommunikation. Schließlich wollte er mal Journalist werden und verdiente früher auch mit dem Reimen von Gedichten Geld. Die Eheleute erhalten Drei-Jahres-Verträge als Geschäftsführer, die sich automatisch um ein Jahr verlängern – wenn sie nicht von einer Seite gekündigt werden. Rindchen ist optimistisch, dass das Zusammenspiel mit dem vom neuen Haupteigentümer entsandten dritten Geschäftsführer Horst Hillesheim funktionieren wird: „Ein ausschlaggebender Faktor war auch das gute menschliche Verständnis mit unseren Gesprächspartnern.“

Sohn Lukas will die Firma nicht übernehmen

Aber warum verkauft Gerd Rindchen eigentlich sein Lebenswerk? Das Ehepaar hat einen gemeinsamen Sohn, der aber nicht in Gerd Rindchens Fußstapfen, sondern in die seiner Großeltern tritt – und Lehrer werden will. Er studiert in Göttingen Deutsch und Sport und hat nur privates Interessen an Weinen. Enttäuscht ist der Firmengründer darüber nicht: „Unser Sohn Lukas muss nicht Weinhändler werden. Es gibt keine dynastische Tradition bei uns.“ Schließlich habe er häufig gesehen, dass Kinder, die in solche Rollen gedrängt werden, unglücklich sind.

Der neue Eigentümer übernehme ein wirtschaftlich gesundes Unternehmen. 2010/11 (Stichtag: 30. Juni) habe es ein schwaches Jahr gegeben, in dem man Verlust ausweisen musste. Seitdem schreibe man aber schwarze Zahlen, auch weil die Margen ein wenig erhöht wurden. 2015/16 habe es bei Erlösen von 19,5 Millionen Euro ein Ebitda von 1,8 Millionen Euro gegeben. „Für dieses Jahr erwarten wir leicht steigende Umsätze und einen Gewinn in etwa auf Vorjahreshöhe“, sagt Rindchen.

Schloss Wachenheim ist mit einem Umsatz von 293,2 Millionen Euro deutlich größer und weltweit einer der größten Anbieter von Schaum- und Perlweinen. Zur Produktpalette gehören bekannte Marken wie Faber Sekt, Light live und Robby Bubble. Die Produkte werden in gut 80 Ländern vertrieben. „Für uns bedeutet der Anteilserwerb die perfekte Ergänzung zu unserem bestehenden Geschäft und eine sinnvolle Erweiterung der Wertschöpfungstiefe“, sagt Vorstandssprecher Oliver Gloden. Im Konzern solle Rindchen’s Weinkontor die Kompetenz für hochwertige Weine abbilden. Hier werden Synergieeffekte erwartet, weil die Wachenheim-Tochter Ambra in Polen ein ähnliches Konzept hat wie Rindchen hierzulande. Das Weinkontor ist in diesem Jahr zum siebten Mal in Folge als „Deutschlands bester Weinfachhändler international“ ausgezeichnet worden.

Ein Ehrenplatz im Unternehmen ist auch weiterhin für Traugott vorgesehen. Er soll wie bisher als Werbeträger fungieren. „Chauffiert vom betagten Weinhändler himself“, sagt Rindchen. Während er der „Alte“ geblieben ist, wurde der VW Bulli mittlerweile allerdings schon erneuert. Rindchen sitzt nun am Steuer von Traugott Nummer drei.