Automobilindustrie

Das Elektro-Auto ist ein Hoffnungsträger für Volkswagen

Foto: Uli Deck / dpa

Hohe Ziele bei Volkswagen: Mit Innovationen will das Unternehmen aus der Krise kommen – und Weltmarktführer bei E-Fahrzeugen werden.

Paris.  Inmitten des Diesel-Skandals und der Konkurrenz durch Tesla und Apple entdecken die deutschen Autobauer die Elektroautos als neue Hoffnungsträger. VW und Daimler rollten zum Auftakt des Pariser Autosalons zukunftsweisende Konzepte für E-Fahrzeuge ins Rampenlicht der Messestände. VW-Markenvorstand Herbert Diess will den Konzern sogar zum führenden Anbieter solcher Autos machen.

„Wir haben eine gute Ausgangsposition, weil wir in China den mit Abstand größten Marktanteil haben – und China wird der Leitmarkt für elektrische Mobilität“, sagte Diess unserer Redaktion. „Alleine, um dort unseren Marktanteil zu halten, müssen wir schrittweise ab 2020 in der Lage sein, jährlich mehrere Hunderttausend E-Fahrzeuge auszuliefern.“

VW hat ambitionierte Ziele im E-Fahrzeugsektor

Diese Skaleneffekte wolle VW nutzen, „um bei der E-Technologie auch bei den Kosten Weltmarktführer zu sein“. Zwei bis drei Millionen Stück Jahresabsatz will VW laut Reuters bis zum Jahr 2025 im Bereich der E-Fahrzeuge schaffen, so das ambitionierte Ziel – das wären etwa ein Viertel aller Verkäufe des Weltkonzerns.

Bis 2020 werde die Fahrzeugwelt ohnehin sehr viel stärker elektrifiziert sein, ist Diess überzeugt. Norwegen wolle beispielsweise ab 2025 keine Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor mehr zulassen. „Das Elektrofahrzeug wird sich auch deshalb durchsetzen, weil es künftig sehr viel leistungsfähiger sein wird“, sagte Diess.

Viele Käufer schrecken noch vor E-Autos zurück

Mit dem Autokonzept „I.D.“, was für „Iconic Design“ steht, biete Volkswagen ein Fahrzeug mit bis zu 600 Kilometern Reichweite an, „außen so kompakt wie ein Golf, innen so geräumig wie ein Passat, permanent verbunden mit dem Internet. Das alles zum Preis eines Golf Diesel.“ Bisher schrecken allerdings viele Kunden vor dem Kauf eines batteriebetriebenen Wagens wegen des Preisaufschlags zurück und weil sie fürchten müssen, mit leerem Akku auf der Strecke liegenzubleiben.

Doch die Probleme mit der Energieversorgung von elektrischen Fahrzeugen seien lösbar, meint Diess. „Bis zum Jahr 2025 werden die Infrastrukturfragen geklärt sein. Wie das geht, sehen wir heute schon in Norwegen, wo Elektrofahrzeuge bereits 30 Prozent des Marktes ausmachen.“ Volkswagen sei deshalb mitnichten zu spät in die E-Mobilität eingestiegen. Um das Jahr 2020 herum werde „ein sehr guter Zeitpunkt dafür sein“, sagte Diess.

Auch Daimler ist bereit für eine Elektrooffensive

Auch bei Daimler verspricht man sich nun viel von der elektrischen Zukunft. „Jetzt legen wir den Schalter um“, sagte Daimler-Chef Dieter Zetsche bei der Vorstellung eines Konzeptfahrzeugs mit dem Namen „Generation EQ“, das den Vorgeschmack für eine neue Baureihe geben soll. „Wir sind bereit für den Start einer Elektro-Offensive, mit der wir alle Fahrzeugsegmente von der Kompakt- bis zur Luxusklasse abdecken werden“, versprach Zetsche.

Er nannte 15 bis 25 Prozent des Mercedes-Benz-Absatzes als Ziel, betonte aber, wie unsicher das sei. „Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass kein Mensch auf dieser Welt das konkret vorhersagen kann – selbst eine Bandbreite von 15 bis 25 Prozent ist sehr ambitioniert.“ Gleichwohl seien die Hersteller jetzt überzeugt, dass Elektroautos in zehn Jahren ein Massenphänomen seien. Derzeit liegt der Marktanteil von Elektroautos in Europa unter einem Prozent.

BMW hält sich noch bedeckt

Der dritte deutsche Autobauer BMW, hält sich noch bedeckt. Nach dem mäßigen Erfolg des 2013 gestarteten i3, brüteten die Münchener zum Auftakt des Autosalons daheim über ihrer Elektrostrategie. BMW-Chef Harald Krüger überließ damit den Konkurrenten die Aufmerksamkeit in Paris. Vertriebschef Ian Robertson hielt die Stellung und betonte, in den vergangenen drei Jahren habe BMW mehr als 100.000 Elektroautos und Plug-in-Hybride verkauft. „Während viele Leute die Zukunft enthüllen, liefern wir heute“, sagte er. Auch BMW arbeite an einer elektrischen Produkt-Pipeline. Insider berichten, BMW denke über eine Elektroversion des Mini und einen SUV mit reinem Batterieantrieb nach.

Die für die Kurskorrektur der Autobauer nötigen Investitionen sind gewaltig. „Allein für die deutschen Autobauer und ihre Lieferanten sind das hohe zweistellige Milliardenbeträge“, sagte Peter Fuß vom Beratungsunternehmen EY. Weltweit dürften sogar dreistellige Milliardenbeträge nötig sein, schätzt der Autoexperte.

Hersteller müssen viel Geld investieren

Ein Grund für die immensen Kosten sei, dass Elektrofahrzeuge wegen der Batterie einen anderen Unterbau hätten und nicht auf den üblichen Produktionsbändern laufen könnten. Dafür entwickeln die Autobauer neue Plattformen. Gleichzeitig müssten die Hersteller den Schadstoffausstoß ihrer Verbrennungsmotoren weiter verringern, was auch viel Geld kostet.

Paris hat die Chefs der Autokonzerne auf besondere Art empfangen: Die Champs-Élysées sind derzeit autofrei, die Innenstadt in der Hand von Fußgängern und Radfahrern. 650 Kilometer Straße wurden für den Verkehr gesperrt. Die klare Botschaft aus dem Herzen von Paris lautet: Die Zukunft des Autos wird elektrisch sein, oder es wird schrittweise aus der Stadt verbannt. Spätestens 2020 sollen Diesel-Fahrzeuge nicht mehr über die Champs-Élysées rollen dürfen. Es ist Zeit für einen Neuanfang.