Berlin. Oxfam geht deutsche Supermärkte frontal an. Sie sollen Südfrüchte von Plantagen kaufen, auf denen Arbeiter massiv unterdrückt werden.

Die Discounter und Supermärkte Aldi, Edeka, Lidl und Rewe beziehen offenbar Bananen und Ananas von Plantagen, auf denen massiv gegen Menschenrechte verstoßen wird. So steht es jedenfalls in einem neuen Bericht der Hilfs- und Entwicklungsorganisation Oxfam. Demnach sind Arbeiter und Arbeiterinnen auf den Plantagen „hochgiftigen Pestiziden schutzlos ausgeliefert, Gewerkschafter werden unterdrückt und bedroht, Mindestlöhne unterschritten“, wie es in dem Bericht unter dem Titel „Süße Früchte, bittere Wahrheit“ heißt. Das Resümee von Oxfam: „Auch auf von der Rainforest Alliance zertifizierten Plantagen, dem mit Abstand wichtigsten Nachhaltigkeitssiegel bei Bananen und Ananas, sind die Zustände katastrophal.“

Der Bericht dokumentiert laut Oxfam anhand der Bananenindustrie in Ecuador sowie der Ananasindustrie in Costa Rica die „dramatischen sozialen und ökologischen Kosten des Anbaus tropischer Früchte für den deutschen Einzelhandel“. Hierfür hat die Organisation Plantagen in Ecuador und Costa Rica besucht, mehr als 200 Arbeiter befragen lassen und mit zahlreichen Experten gesprochen.

Vorwurf des ungehemmten Pestizideinsatzes

Dem Bericht zufolge sind Plantagenarbeiter und ihre Familien giftigen Pestiziden häufig schutzlos ausgeliefert. In Costa Rica setzen demnach Lieferanten deutscher Supermärkte mehrere hochgiftige Pestizide ein, darunter das von der Weltgesundheitsorganisation als akut toxisch eingestufte Oxamyl. In Ecuador berichten 53 Prozent der Arbeiter auf Rainforest-zertifizierten Plantagen, dass Flugzeuge Pestizide sprühen, während sie im Feld arbeiten. Bei Befragungen klagten die Angestellten in beiden Ländern über eine hohe Rate an Behinderungen, Fehlgeburten und Krebsleiden im Umfeld der Plantagen. Zudem leiden sie häufig unter Schwindel, Übelkeit und Hautallergien, so der Bericht.

„Die Supermärkte kontrollieren das Aussehen der importierten Früchte penibel und geben ganze Lieferungen bei kleinsten Makeln zurück. Aber sie lassen es zu, dass die Menschen, die sie ernten, dabei vergiftet werden“, sagt Franziska Humbert, Studienautorin und Referentin für Arbeitsrechte bei Oxfam Deutschland.

„Unterdrückung von Gewerkschaftern ist Standard“

Der Bericht zeigt laut Oxfam, „dass die Unterdrückung von Gewerkschaften auf Bananen- und Ananasplantagen Standard ist“. Mindestlöhne würden unterschritten, Überstunden nicht bezahlt, Arbeitsrechte missachtet. In keiner der 20 untersuchten Bananenplantagen gebe es eine unabhängige Arbeitnehmervertretung. Arbeiter berichteten von „schwarzen Listen“ mit den Namen von Gewerkschaftern. Bei einem Rainforest-zertifizierten Lidl-Lieferanten in Ecuador hätten 93 Prozent der Befragten angegeben, dass sie aus Angst vor Repressalien keiner Gewerkschaft beitreten wollen. In Costa Rica würden Arbeiter, die sich gewerkschaftlich engagieren, regelmäßig entlassen.

„Die deutschen Supermärkte dürfen ihre Profite nicht weiter auf Kosten von Mensch und Natur machen. Sie müssen endlich menschenwürdige Arbeitsbedingungen durchsetzen und faire Preise zahlen“, fordert Franziska Humbert. „Auch die Politik ist gefordert. Die Bundesregierung muss Unternehmen dazu verpflichten, dass ihre Lieferanten Menschen- und Arbeitsrechte achten.“

Die Rainforest Alliance betonte in einer ersten Stellungnahme, man nehme die Anschuldigungen „sehr ernst“. Erste Überprüfungen der Oxfam-Vorwürfe auf zwei Farmen in Costa Rica und Ecuador hätten die Anschuldigungen aber nicht bestätigt. Die Organisation lud Oxfam zu gemeinsamen Überprüfungen ein.

Rewe will Hinweise auf Verstöße prüfen

Der Handelskonzern Rewe betonte in einer Stellungnahme, das für alle Bananen und Ananas der Eigenmarken mit den Lieferanten eine verbindliche Zertifizierung nach dem Standard der Rainforest Alliance vereinbart worden sei. Sollte es Hinweise geben, dass es hier zu Verstößen komme, würden diese selbstverständlich geprüft und gegebenenfalls geahndet. Rewe habe Oxfam deshalb um konkretere Informationen gebeten. Die Organisation habe die Vorwürfe aber „bis heute nicht belegen können“. Von Edeka, Aldi und Lidl war zunächst keine Stellungnahme zu erhalten.

Discounter werben mit Nachhaltigkeit

Deutsche Supermärkte bewerben laut der Beobachtung von Oxfam ihre tropischen Früchte zunehmend mit Nachhaltigkeitssiegeln. Eine zentrale Rolle spiele dabei die Umweltorganisation Rainforest Alliance. Lidl webe momentan damit, nur noch „nachhaltige“ Bananen und Ananas zu verkaufen, der Anteil von Rainforest-zertifizierten Früchten liegt laut Oxfam hier bei 92 (Bananen) bzw. 100 Prozent (Ananas).

Bei Edeka tragen laut dem Bericht 90 Prozent der Eigenmarken-Ananas und 85 Prozent der Eigenmarken-Bananen das Etikett mit dem grünen Frosch; bei Rewe seien es fast 100 Prozent der angebotenen Ananas und 75 Prozent der Bananen. Aldi Nord und Süd planen den Angaben von Oxfam zufolge, bei beiden Früchten demnächst komplett auf Rainforest umzustellen. Die Rainforest-zertifizierten Plantagen schnitten bei den Oxfam-Stichproben aber nicht besser ab als konventionelle Betriebe.

Milliardengeschäft mit Früchten

An diesem Dienstag startet Oxfam mit einem internationalen Netzwerk aus 19 Nichtregierungsorganisationen und Gewerkschaften die Kampagne „Fit für Fair“. Diese fordert von Lidl, dass sie sich für den Gesundheitsschutz der Arbeiter und Arbeiterinnen, faire Löhne und die Stärkung von Gewerkschaftsrechten einsetzt. Die Schwarz-Unternehmensgruppe mit Lidl und Kaufland ist der größte Supermarktkonzern Europas.

Der Handel mit Bananen und Ananas ist ein Milliardengeschäft. Allein im Jahr 2015 importierte Deutschland 1,35 Millionen Tonnen Bananen im Wert von 844,6 Millionen Euro sowie 129.664 Tonnen Ananas im Wert von 115 Millionen Euro. Trotz steigender Produktionskosten ist nach Informationen von Oxfam der Verkaufspreis von Bananen und Ananas in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich gefallen. (W.B.)