Hamburg

Erste Hamburger Reederei hisst wieder die deutsche Flagge

Ralf Nagel, Rüdiger Kruse und Nikolaus H. Schües (v. l.) sahen per Video die Rückflaggung

Ralf Nagel, Rüdiger Kruse und Nikolaus H. Schües (v. l.) sahen per Video die Rückflaggung

Foto: Klaus Bodig / HA / Klaus Bodig

F. Laeisz setzt erneut auf Schwarz-Rot-Gold. Andere werden folgen, da die Bundesregierung die Kosten dafür senkt.

Hamburg.  Erstmals seit Jahren hat am Montag eine deutsche Reederei ein unter ausländischer Flagge fahrendes Schiff wieder in Deutschland eingeflaggt. Am Vormittag ließ die traditionsreiche Hamburger Reederei F. Laeisz an ihrem Autofrachter MS „Patara“ die Flagge von Gibraltar einholen und wieder Schwarz-Rot-Gold hissen.

Der Verband deutscher Reeder (VDR) wertet das als Start einer größeren Rückflagg-Aktion. Schon in Kürze will auch die Hamburger Reederei Claus Peter Offen ein Schiff wieder in die deutsche Flagge führen. Weitere Schiffe werden folgen. Auslöser der Aktion sind finanzielle Erleichterungen in Millionenhöhe, die die Bundesregierung künftig Schiffen unter deutscher Flagge gewährt. Warum die Bundesregierung die Reedereien unterstützt, und welche Vorteile die Rückflaggung den Unternehmen und der Volkswirtschaft im Einzelnen bringen, erläutert das Abendblatt.

Warum wurden in der Vergangenheit viele Schiffe ausgeflaggt?

Wegen Überkapazitäten an Schiffen und sinkender Nachfrage sind viele Transportdienste nicht mehr auskömmlich. In der Folge schmolzen den Reedereien die finanziellen Polster. Sie verordneten sich einen harten Sparkurs, sowohl an Land als auch auf See. Deutsche Seeleute erhalten im Vergleich zu vielen anderen Nationen eine hohe Heuer. Wer sein Schiff bisher unter deutscher Flagge fahren lassen wollte, musste aber mindestens vier deutsche Offiziere an Bord haben. Neben den Lohnkosten selbst schlugen hohe Lohnnebenkosten für die Sozialversicherung zu Buche.

In vielen anderen Ländern gibt es diese hohen Lohnkosten nicht – auch nicht im europäischen Vergleich –, so sind die Ausgaben fürs Schiffspersonal in den Nachbarländern Dänemark und Holland etwa 350.000 bis 500.000 Euro pro Schiff im Jahr niedriger als in Deutschland, schätzt der Verband Deutscher Reeder (VDR). Darum sind viele deutsche Schiffe in die Schiffsregister anderer Staaten eingetragen worden: die meisten fahren unter der Flagge Liberias. Die zweitbeliebteste Flagge ist Antigua und Barbuda. In Liberia und dem Karibikstaat sind insgesamt 1780 Schiffe deutscher Reeder registriert, Schwarz-Rot-Gold weht nur noch bei 350 deutschen Schiffen am Heck.

Warum muss die Ausflaggung denn überhaupt gestoppt werden?

Die deutsche Seeschifffahrt ist für die Volkswirtschaft von hoher Bedeutung. Die deutschen Reedereien sichern über die gesamte Branche etwa 480.000 Arbeitsplätze und tragen mit rund 30 Milliarden Euro zur Wertschöpfung bei. Seit 2010 sinkt aber die Anzahl der Schiffe unter deutscher Flagge und in der Folge auch die Anzahl deutscher Seeleute drastisch, von knapp 8000 einst auf zuletzt 6500.

Die Bundesregierung befürchtete deshalb, dass die maritime Branche ein wichtiges Standbein verliert, und damit insgesamt ins Wanken gerät. „Wenn wir nicht reagiert hätten, würde Deutschland irgendwann ohne eigenes maritimes Know-how dastehen“, sagt Ralf Nagel, Geschäftsführer des VDR. Und der maritime Koordinator der CDU/CSU Bundestagsfraktion, Rüdiger Kruse, sagt: „Volkswirtschaftlich ging es darum, die Schlüsselqualifizierung für die maritime Branche zu erhalten. Das ist nicht nur ein norddeutsches Thema.“ Unternehmen im ganzen Land benötigten erfahrene Seeleute, die in Reedereien, bei Zulieferbetrieben, im Schiffbau, bei Dienstleistern oder bei Behörden ihr Fachwissen einsetzen.

Wie hat die Bundesregierung die Reeder unterstützt?

Bisher mussten die Schifffahrtsunternehmen für ihr Bordpersonal nur 60 Prozent Lohnsteuer abführen, ab Juni dürfen sie die Lohnsteuer gänzlich einbehalten. Für die Lohnnebenkosten gewährt die Bundesregierung künftig einen Zuschuss je nach Qualifikation. Bei Kapitänen beträgt der Zuschuss bis zu 16.700 Euro pro Jahr. Als drittes hat die Bundesregierung die Schiffsbesetzungsverordnung geändert. Anstatt vier müssen künftig nur noch zwei deutsche Offiziere auf Schiffen unter deutscher Flagge eingesetzt werden.

Ist die deutsche Flagge damit wettbewerbsfähig?

„Fast“, meinen die Reeder. „Wäre der Wechselkurs vom Dollar zum Euro eins zu eins, wären die Kosten neu­tral. So ergeben sich noch Mehrkosten pro Schiff im fünfstelligen Bereich“, sagt Nikolaus H. Schües, geschäftsführender Gesellschafter der Reederei F. Laeisz.

Welche Vorteile haben Schiffe unter deutscher Flagge?

Seeleute auf Schiffen unter deutscher Flagge werden auf hohem Niveau aus- und fortgebildet. Dadurch steigt die Sicherheit auf deutschen Schiffen. Ausfallzeiten wegen mangelnder Wartung verringern sich. Das wissen die Häfen weltweit. Deshalb gibt es für Schiffe unter deutscher Flagge weniger Hafenstaatenkontrollen und kaum Festsetzungen aufgrund von Mängeln. Kommt es dennoch zur juristischen Auseinandersetzung, haben Schiffe unter deutscher Flagge die Rechtssicherheit der Bundesrepublik.

Verliert die Bundesregierung aufgrund ihrer Hilfen viel Geld?

„Sie verliert gar nichts“, sagt der CDU-Bundestagsabgeordnete Kruse. „Zwar entgehen ihr jetzt hohe Lohnsteuereinkünfte, aber wenn die Schiffe unter fremder Flagge mit ausländischem Personal fahren, hat sie auch keine Einnahmen.“