Hamburg

HWWI-Chef im Interview: „Das alte Hafenkonzept ist tot“

Prof. Dr. Henning Vöpel ist Direktor des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts

Prof. Dr. Henning Vöpel ist Direktor des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts

Foto: Klaus Bodig / HA / Klaus Bodig

Henning Vöpel im Gespräch mit dem Abendblatt über die Schwächen Hamburgs und das Bröckeln der Sportstadt nach dem Olympia-Aus.

Hamburg.  Die Entwicklungen in Ökonomie und Hamburger Sport sind in den vergangenen Wochen auseinandergelaufen. Erfolgsmeldungen gab es aus der deutschen Wirtschaft, die im ersten Quartal so stark gewachsen ist wie seit zwei Jahren nicht mehr und in wichtigen Branchen wie öffentlichem Dienst und Metallindustrie relativ zügig Tarifabschlüsse meldete. Negative Schlagzeilen machte hingegen der Sport. Ein halbes Jahr nach dem Aus für die Olympia-Bewerbung der Hansestadt sind die HSV-Handballer insolvent, die Volleyballerinnen des VT Aurubis gehen aus Kostengründen in die Zweite Liga zurück, die Freezers stellen den Betrieb in der Deutschen Eishockey-Liga ein. Das Abendblatt sprach über beide Themenfelder mit Professor Henning Vöpel. Der 43 Jahre alte Geschäftsführer des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI) ist Volkswirt und erwarb sich seine Meriten auch als Sportökonom.

Hamburger Abendblatt: Welchen Imageverlust bedeuten die Negativschlagzeilen für die Sportstadt Hamburg?

Henning Vöpel: Das ist in Deutschland schon wahrgenommen worden. Die Sportstadt Hamburg scheint sich an der Olympiaidee aufgerichtet zu haben. Ohne diese Klammer beginnt es zu bröckeln. Beobachter könnten den Eindruck bekommen, Hamburg sei kein agiler Standort mehr. Für das Image wäre das fatal, die Reputation beschädigt. Wenn der Eindruck entsteht, dass Hamburg nicht mehr der richtige Ort für spannende Projekte ist, wird es schwierig, dies wieder umzukehren. Wenn künftig solche Investitionen an Hamburg vorbei getätigt werden, wirft das die Stadt allmählich zurück.

Warum sind Hamburger Firmen nicht bereit, in Randsportarten zu investieren?

Vöpel: Es ist wohl auch ein wenig der hamburgische Kaufmannssinn. Hier muss sich alles rechnen. Damit erzeugt man in Kultur, Wissenschaft und Sport aber nichts Großes. In Hamburg ist der Wohlstand sehr privat, in anders geprägten Regionen stärker auf das Gemeinwesen ausgerichtet. Die Hansestadt ist zudem mittelständisch geprägt und hat wenig große Konzernzentralen – dort werden aber solche Sponsoringentscheidungen getroffen. Ein Einstieg bei den Freezers wäre eigentlich perfekt für einen Investor gewesen. Man hätte eine starke Marke mit Strukturen, Zuschauerzuspruch und Jugendförderung übernommen. Es hätte kaum eine bessere Mission gegeben, als diesen Verein zu retten – und damit das eigene Unternehmen zu profilieren.

Was machen andere Städte besser als Hamburg?

Vöpel: Berlin bietet zwar nach wie vor kein wirtschaftlich starkes Umfeld, hat aber eine enorme Anziehungskraft entwickelt und verfügt durch den Hauptstadt- und Größenvorteil über eine breite Sportinfrastruktur, auch dank der Leistungszentren aus der früheren DDR. München ist sportpolitisch unheimlich gut aufgestellt, hat wie Berlin viele Erstligaclubs und ist bei Großveranstaltungen immer gesetzt. So fand dort bei der Fußball-WM 2006 mit dem Eröffnungsspiel nach dem Finale das zweitwichtigste Spiel statt – warum nicht hier in der zweitgrößten deutschen Stadt? Hamburg muss lauter werden, höhere Ansprüche an sich haben und gegenüber anderen stellen.

Wie könnte die Stadt denn mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen?

Vöpel: Hamburg leidet ein wenig unter der fehlenden Leitidee für die Stadtentwicklung und braucht als Standort ein klareres Profil. Hamburg fühlt sich manchmal an wie ein Museum, in dem alte Leistungen ausgestellt sind, es müsste aber mehr Labor sein für neue Lösungen in Kultur, Wirtschaft und Stadtentwicklung. Eine Stadt ist nie fertig, sondern muss sich stetig wandeln. Schließlich passieren in der Welt fundamentale Umbrüche. Wir erleben eine neue Phase der Globalisierung. Das alles vor dem Hintergrund des Wandels von der alten Wirtschaft zur digitalisierten Welt. Das erfordert hohe Anpassungsfähigkeit von Standorten. Digitalisierung bedeutet einen kulturellen Wandel der urbanen Gesellschaft. Wir müssen wilder und experimenteller werden, mehr zulassen, temporäre, offene Strukturen schaffen, die Stadt agil machen und ihr Kreativpotenzial wecken. Modellregion für eine innovative urbane Bürgergesellschaft zu werden wäre eine faszinierende Leitidee. Ich fände es schön, wenn wir südlich der Elbe ein solches neues Hamburg schaffen, statt alles an alte Traditionen anbinden zu wollen. Der Strukturwandel im Hafen bietet eine wunderbare Chance.

Aber diese Flächen brauchen doch Hafenfirmen für ihr Wachstum?

Vöpel: Der Hafen wird nicht auf den starken Wachstumskurs des vergangenen Jahrzehnts zurückkehren. Die einstige Prognose von 25 Millionen umgeschlagenen Containern im Jahr 2025 war eine Illusion. Derzeit liegen wir bei knapp neun Millionen. Man hat das vergangene Wachstum einfach weit in die Zukunft hochgerechnet. Die Weltwirtschaft wächst aber nicht mehr um vier bis fünf Prozent pro Jahr, sondern um zwei bis drei. Es wird spannend sein zu verfolgen, wie sich durch Digitalisierung und 3-D-Druck Logistik- und Wertschöpfungsketten zurückbauen. Hamburg braucht mehr Industrie, Hochtechnologie und Dienstleistungen sowie deren Vernetzung im Hafen. Das ist die Zukunft der Ökonomie. Das alte Hafenkonzept als reiner Umschlagplatz ist tot. Dauerhaft zu sagen, wir sind ein Universalhafen, verkennt die Radikalität des Strukturwandels.

Die deutsche Wirtschaft ist im ersten Quartal um 0,7 Prozent gewachsen – dem höchsten Wert seit zwei Jahren. Ist die Lage wirklich so gut?

Vöpel: Nein. Das erste Quartal fällt durch Sondereffekte so gut aus. Der milde Winter spielt dieses Jahr eine Rolle, die Bauindustrie hat viele Aufträge aus dem Sommer vorgezogen. Das wird sich im Jahresverlauf ausgleichen. Die Konjunktur ist außerdem stark konsumgetrieben. Vor allem Verbraucher und der Staat mit seinen Ausgaben für Flüchtlinge tragen zum Wachstum bei. Unternehmen investieren aber eher verhalten, und auch der Außenhandel schwächelt – das sind aber für den Standort Deutschland wichtige Warnsignale. Mittelfristig müssen wir uns verstärkt um Infrastruktur und Bildung kümmern, um das Wachstumspotenzial zu stärken. Für dieses Jahr erwarten wir für Deutschland einen Zuwachs des realen Bruttoinlandsprodukts um rund 1,5 Prozent.

Wird Hamburg besser abschneiden?

Vöpel: In Hamburg hatten wir bereits 2015 die dämpfenden Effekte durch den Hafen und Außenhandel. Auch das schwächere Wachstum beim wichtigen Handelspartner China haben wir im Prinzip schon mitgemacht. Insofern dürfte Hamburgs Wirtschaft leicht über dem Bundesdurchschnitt wachsen. Wir erwarten 1,6 Prozent.

Zuletzt gab es recht hohe Tarifabschlüsse: grob gesagt rund fünf Prozent mehr Lohn für knapp zwei Jahre – eine Gefahr für die Konjunktur?

Vöpel: In Deutschland haben sich die Reallöhne über Jahre sehr moderat entwickelt. Die Arbeitseinkommen müssen natürlich an der Produktivitätsentwicklung teilhaben. Nun sind die Verteilungsspielräume aber weitgehend ausgeschöpft. Schließlich müssen die Unternehmen global wettbewerbsfähig bleiben. Vor diesem Hintergrund sind die Lohnabschlüsse verantwortlich und gleichermaßen verträglich für die Konjunktur.

Die Beschäftigten erhalten also unterm Strich deutlich mehr Geld, schließlich liegt die Inflation nur leicht über der Null-Prozent-Marke. Oder erwarten Sie, dass das von der Europäischen Zentralbank (EZB) angestrebte Ziel von zwei Prozent erreicht wird?

Vöpel: Nein. Die Inflation bleibt deutlich unter zwei Prozent – auch wenn höhere Löhne und wieder leicht steigende Energiekosten dafür sorgen, dass die Preissteigerungsrate wieder etwas stärker anziehen wird. Die EZB verursacht mit der Niedrigzinspolitik, so richtig sie vorübergehend war, aber zunehmend negative Effekte. Das setzt Anreize für neue Schulden, Anleger werden ins Risiko getrieben, es findet eine gigantische Umverteilung zwischen Schuldnern wie den Euro-Staaten und Gläubigern wie privaten Sparern statt, und neue Blasen bei Aktien und Immobilien können entstehen. Die EZB kauft die Politik weiter aus ihrer Verantwortung und verschiebt Lasten in die Zukunft. Die eigentliche Euro-Krise ist somit noch lange nicht gelöst.