Handel

Hamburger Konzern Tchibo überarbeitet sein Kerngeschäft

Tchibo-Verkäuferin Ninja Rötter sortiert Waren in der Filiale am Rathausmark

Tchibo-Verkäuferin Ninja Rötter sortiert Waren in der Filiale am Rathausmark

Foto: Klaus Bodig / HA / Klaus Bodig

Tchibo bietet weniger wöchentlich wechselnde Angebote an. Stattdessen soll es dauerhaft Kindermode, Sport- und Küchenartikel geben.

Hamburg.  Bei Tchibo am Rathausmarkt hat die Gartensaison begonnen. Quietschgelbe Gießkannen, Saatkugeln und extraleichte Damengartenscheren bietet der Hamburger Handelskonzern derzeit an, kaum dass die ersten warmen Sonnenstrahlen in der Hansestadt zu entdecken sind. Im Onlineshop lassen sich schon Sonnenschirme, Liegen und Strandkörbe für die „Oase im Grünen“ ordern.

Das üppige Angebot für den Gartenfan kann allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass das einst boomende Geschäft mit Gebrauchsartikeln bei Tchibo in die Krise geraten ist. Fieberten die Kunden früher jede Woche einer „neuen Welt“ entgegen, so ist der Markt der sogenannten Non-Food-Artikel mittlerweile gesättigt. Insbesondere die Discounter haben das Feld besetzt. Auch die Onlineanbieter setzen die Hamburger unter Druck. Preisgünstige Gartenscheren, Radios, Bademäntel oder Computer gibt es heute an jeder Ecke.

Die Folge: Die Non-Food-Umsätze sind bei Tchibo im vergangenen Jahr nach Abendblatt-Informationen gesunken, so dass die Hamburger trotz des wachsenden Kaffeegeschäfts unter dem Strich kaum über ihre 3,4 Milliarden Euro Gesamtumsatz aus 2014 hinausgekommenen sein dürften.

Vor diesem Hintergrund steuert Tchibo-Chef Markus Conrad nun um: Die wöchentlich wechselnden Themenwelten sollen deutlich schrumpfen, stattdessen soll es künftig mehr ständig verfügbare Artikel geben. „Die wöchentlich wechselnden Angebote sind das Herzstück unseres Geschäftsmodells“, sagte der Tchibo-Chef dem Abendblatt am Rande einer Veranstaltung. „Das bewahren wir, werden uns dort aber auf 20 bis 30 Artikel pro Woche konzentrieren, statt der rund 50 heute.“ Ausgebaut werden sollen im Gegenzug permanente Produktkategorien, in denen die Kunden Tchibo eine besonders hohe Kompetenz zuschreiben. Das gilt etwa für die Bereiche Wäsche, Kindermode, Sportkleidung oder Küchenbedarf.

Greifen soll das neue Konzept vom Frühjahr 2017 an. Die Vorbereitungen laufen schon jetzt. Die Finger hat sich Tchibo in der Vergangenheit wohl unter anderem an Ausflügen in den High-Fashion-Bereich verbrannt. Designerkleidung funktioniert in den Filialen nur bedingt, weil die Kundinnen eine hochwertigere Präsentation erwarten als die, die zwischen Feiner Milde und Cappuccino möglich ist. Eine eher geringe Kompetenz wird Tchibo auch bei Unterhaltungselektronik zugesprochen.

100 Millionen Euro sollen eingespart werden

Erste Schritte, um Tchibo bei Umsatz und Gewinn wieder auf einen kräftigeren Wachstumspfad zu bringen, hatte Conrad schon im Herbst vergangenen Jahres eingeleitet. Das Programm „Fit for Growth“ sieht wie berichtet unter anderem den Abbau von 350 der 2000 Arbeitsplätze in der Hamburger Zentrale bis 2017 vor. Insgesamt sollen 100 Millionen Euro an Kosten durch das Programm eingespart werden.

Weiter optimieren will Tchibo das eigene Netz aus rund 700 Filialen in Deutschland. Eine Schließung von Läden im großen Stil wie in der Vergangenheit steht dabei nicht bevor, wohl aber die kritische Überprüfung von Standorten in kleineren Städten oder Shoppingcentern, wo die Frequenzen zurückgehen. Zugleich soll in die richtigen Lagen und die Präsentation investiert werden. Tchibo müsse vor allem in großen Städten wettbewerbsfähig sein, heißt es aus dem Unternehmen. Auch Stadtteillagen, in denen viele Kunden wohnen, seien interessant.

Anpacken müssen die Hamburger zudem die kleinen Verkaufsstände in den deutschen Supermärkten, die sogenannten Depots. Hier gibt es Klagen von Handelspartnern, die sich über mangelnde Attraktivität und zu geringe Umsätze beschweren. Künftig soll je nach Standort das Angebot variiert werden, was bedeutet, dass es verstärkt unterschiedliche Sortimente auf dem Land und in Großstädten geben wird. Entsprechende Lösungen sind bereits in Vorbereitung.

Vertrag von Tchibo-Chef Markus Conrad läuft Ende des Jahres aus

Die eigene Innovationskraft hat Tchibo erst jüngst im hart umkämpften Markt für Kaffeekapseln unter Beweis gestellt. Vor wenigen Tagen kündigte das Unternehmen die Einführung eines neuen Kapselsystems namens Qbo an, das sich qualitativ auf dem Niveau des Konkurrenten Nespresso bewegen soll. Die neuen würfelförmigen Kapseln sind codiert, wodurch die dazu passende Maschine den Druck bei der Espressozubereitung an die jeweilige Sorte anpassen kann. Zudem lassen sich die neuen Geräte per Smartphone steuern. „Mit der Entwicklung bei Kaffee sind wir sehr zufrieden“, sagt Tchibo-Chef Conrad. „Wir wachsen dort seit zehn Jahren nachhaltig.“ In Deutschland und in Österreich sei Tchibo das einzige Unternehmen, das in allen Segmenten des Kaffeegeschäfts eine führende Rolle einnehme.

Viel Zeit, um die notwendigen Weichenstellungen vorzunehmen, hat Tchibo-Chef Conrad nicht mehr. Sein Vertrag läuft Ende dieses Jahres aus, die Suche nach einem Nachfolger läuft bereits auf Hochtouren. Die Veränderungen im Non-Food-Geschäft wird vor allem die dafür zuständige Geschäftsführerin Senay Tansu vornehmen. Conrad selbst könnte nach Ablaufen seines Vertrags andere Aufgaben übernehmen, denkbar ist ein Wechsel in die Dachgesellschaft Maxingvest, die neben Tchibo auch den Nivea-Hersteller Beiersdorf kontrolliert.