Kaffee

Tchibos geheimer Angriff auf Nespresso – das steckt dahinter

Tchibo-Chef
Markus Conrad (hier in einer bestehenden Hamburger Filiale) will die Konkurrenten mit einem neuen Kapselsystem unter Druck setzen

Tchibo-Chef Markus Conrad (hier in einer bestehenden Hamburger Filiale) will die Konkurrenten mit einem neuen Kapselsystem unter Druck setzen

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Hamburger Handelskonzern bringt neues Kaffeekapselsystem auf den Markt. Sogar eigene Geschäfte für die Innovation sind geplant.

Hamburg.  Die E-Mail wirkt ein wenig kryptisch. Am 8. März will eine Firma namens Qbo in den Hackeschen Höfen in Berlin ein revolutionäres, neues Kaffeekapselsystem vorstellen. Dazu gibt es ein kurzes Video, in dem der Schauspieler Christian Ulmen einen Ristretto mit Schaum bestellt, stattdessen aber ein Smartphone und eine quadratische Kaffeekapsel in die Hand gedrückt bekommt – mit dem Hinweis, damit könne er sich sein Getränk selbst zubereiten. Erklärungen? Absender? Fehlanzeige.

Nach Recherchen des Abendblatts steckt hinter der Ankündigung der Kaffee- und Handelskonzern Tchibo. Die Hamburger haben eine neuartige Kapselmaschine entwickelt, die die Vorzüge eines Vollautomaten mit technischen Innovationen wie einer Steuerung über das Mobiltelefon verbinden soll. Die ungewöhnliche Bedienung soll besonders viele Möglichkeiten der individuellen Zubereitung gestatten. Der Vertrieb der Maschinen und der Kapseln wird einerseits über das Internet laufen, andererseits aber auch über eigens dafür eingerichtete Geschäfte, von denen die ersten in Berlin und Wien eröffnet werden.

Insbesondere das Vertriebskonzept erinnert stark an den Konkurrenten Nespresso, der mit seinen noblen Filialen in Toplagen deutscher Großstädte das obere Preissegment im Kapselmarkt bedient. Qbo soll preislich etwas unterhalb von Nespresso positioniert sein, sich aber qualitativ auf dem gleichen Niveau bewegen.

Tchibo ist bisher schon stark mit der Marke Cafissimo im Kapselgeschäft engagiert. Die entsprechenden Geräte und Kaffeesorten werden aber ganz normal in den bestehenden Tchibo-Filialen verkauft. Bei Qbo beschreiten die Hamburger hingegen einen anderen Weg und koppeln die Marke komplett von ihrem sonstigen Kaffeegeschäft ab. Offiziell will ein Unternehmenssprecher nicht einmal bestätigen, dass Qbo überhaupt zu dem Handelsimperium der Hamburger Milliardärsfamilie Herz gehört.

Ein Blick ins Handelsregister des Kantons Zürich macht die Verbindung aber deutlich. Dort ist die Qbo Coffee GmbH mit Sitz in dem schweizerischen Ort Wallisellen eingetragen. Hauptgesellschafter ist eine österreichische Tochtergesellschaft der Hamburger, die Tchibo (Austria) Holding GmbH. Als Chef von Qbo wird neben dem einstigen Vorwerk-Manager Friedrich Kross auch Hamid Dastmalchian genannt, der in der Hansestadt keineswegs unbekannt ist. Er ist auch der Hauptverantwortliche von Cafissimo bei Tchibo in der City Nord.

Beim Europäischen Patentamt hat Qbo in den vergangenen Jahren diverse Systeme registrieren lassen. Darunter sind eine quadratische Kaffee- und eine entsprechende Reinigungskapsel, ein Extraktions- und Versiegelungssystem für die Kapseln sowie das passende Brühsystem. Erfinder ist ein gewisser Louis Deuber, der auch schon ein Kapselsystem für eine Tochtergesellschaft des großen Schweizer Handelskonzerns Migros entwickelte.

Sollte Qbo gut von den Konsumenten angenommen werden, will der Konzern nach Angaben aus Unternehmenskreisen kräftig mit dem neuen Konzept expandieren und erwägt auch die Eröffnung weiterer Qbo-Geschäfte in anderen deutschen Städten. Welche Bedeutung man dem Projekt trotz aller offiziellen Dementis beimisst, zeigt die Tatsache, dass auch Tchibo-Chef Markus Conrad zur Präsentation nach Berlin fahren soll.

Einen Schub könnte Tchibo durchaus gebrauchen, denn so richtig rund läuft es in dem Hamburger Konzern derzeit nicht. Das Kaffeegeschäft soll im vergangenen Jahr zwar zugelegt haben, doch der einst so erfolgreiche Verkauf von Non-Food-Artikeln unter dem Motto „Jede Woche eine neue Welt“ schwächelt. Unter dem Strich blieb beim Umsatz daher nur eine Seitwärtsbewegung für den Gesamtkonzern. Genaue Zahlen für 2015 liegen noch nicht vor, 2014 waren die Erlöse um knapp drei Prozent auf 3,4 Milliarden Euro zurückgegangen, der Gewinn vor Zinsen und Steuern sank von 220 auf 191 Millionen Euro.

Allerdings wird auch die Konkurrenz in dem Segment immer härter. Vor allem Weltmarktführer Nespresso hat Mühe, seine Spitzenposition zu verteidigen. Lange war es den Eidgenossen gelungen, mit Patenten das eigene System gegen Nachahmerprodukte abzuschotten. Mittlerweile allerdings gibt es Nespresso-taugliche Kapseln selbst bei Aldi zu kaufen.

In Deutschland ist Nespresso schon heute nicht mehr der Spitzenreiter im Kapselgeschäft. Auf Platz eins rangiert Tassimo (Jacobs Douwe Egberts). Tchibo sieht sich mit Cafissimo auf Platz zwei, dann folgen Dolce Gusto und Nespresso.