Altersvorsorge

Lebensversicherungen: Garantiezins wird abgeschafft

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Steffen Preißler
Altersvorsorge wird weniger planbar

Altersvorsorge wird weniger planbar

Foto: dpa

Nach einer Entscheidung der Bundesregierung werden Lebensversicherungen immer unattraktiver. Altverträge nicht betroffen.

Hamburg.  Die Lebensversicherung wird künftig noch unattraktiver. Für neue Verträge soll es von 2016 an keinen Garantiezins mehr geben, bestätigte eine Sprecherin des Bundes­finanzministeriums. Hintergrund sind neue, strengere Anlagevorschriften für die Versicherer in der Europäischen Union (EU). „Der Wegfall dieser Orientierungsgröße erschwert die Vergleichbarkeit der Produkte und macht private Altersvorsorge für die Verbraucher nicht einfacher“, sagt Reiner Will, Geschäftsführer der Rating-Agentur Assekurata. Auf bestehende Kapitallebens- und Rentenversicherungen hat die geplante Abschaffung keine Auswirkungen. Das Abendblatt beantwortet die wichtigsten Fragen.

Was ist der Garantiezins?

Es ist eine garantierte Zusage zur Verzinsung des Vertrags über die gesamte Laufzeit. Daran bemisst sich etwa eine garantierte monatliche Rente oder eine garantierte Kapitalabfindung. Die tatsächlichen Leistungen können darüber liegen. Seit dem 1. Januar liegt dieser Garantiezins nur noch bei 1,25 Prozent. Er wird vom Bundesfinanzministerium festgelegt und orientiert sich an der Zinsentwicklung langfristiger europä­ischer Staatsanleihen. Der Garantiezins ist ein Höchstzins. Höhere Zusagen dürfen die Versicherer nicht machen. Sie können aber mit ihren Garantien darunter bleiben, was aber aus Wettbewerbsgründen bisher kaum eine Versicherung gemacht hat. Der Garantiezins ist Bestandteil der jährlichen Überschussbeteiligung, also der Verzinsung der Kundengelder. Sie beträgt in diesem Jahr durchschnittlich 3,11 Prozent und fällt wegen der niedrigen Zinsen Jahr für Jahr geringer aus.

Wie hat sich der Garantiezins entwickelt?

Der Garantiezins ist ein Spiegelbild der Zinsentwicklung. Je geringer die Verzinsung von Staatsanleihen ausfiel, desto stärker ist auch der Garantiezins in den vergangenen Jahren gesunken (siehe Grafik). Aber ein einmal zugesagter Garantiezins muss eingehalten werden. Entscheidend ist das Datum des Vertragsabschlusses. Mitte der 1990er-Jahre lag der Garantiezins noch bei vier Prozent. Inzwischen hat er an Bedeutung verloren. „Der Garantiezins wird nur auf den Sparanteil einer Versicherung – also nach Abzug der Kosten – gezahlt“, sagt Kerstin Becker-Eiselen von der Verbraucherzentrale Hamburg dem Abendblatt. Insofern sei die tatsächliche garantierte Verzinsung deutlich niedriger als angegeben. Der Sparanteil einer Police liegt bei 75 bis 90 Prozent des Beitrags.

Warum soll der Garantiezins abgeschafft werden?

Für die Versicherer gilt von 2016 an ein neues Regelwerk, genannt Solvency II. Der Kapitalbedarf der Lebensversicherer richtet sich künftig weit stärker als bisher nach den Risiken, die sie mit ihren langfristigen Verpflichtungen eingehen. Lebenslange Garantien, wie sie üblich waren, müssen danach stärker mit Eigenkapital unterlegt werden. „In dieses Regelwerk passt der Rechnungszins nicht mehr“, sagt Will von Assekurata. Die Kapitalanlage und das Sicherungsvermögen müssen grundsätzlich auf die langfristigen Verpflichtungen gegenüber den Kunden abgestellt werden, sodass ein Regulativ mit einem Garantiezins überflüssig werde.

Was bedeutet das für den Kunden?

Die Versicherer können von sich aus den Kunden weiterhin Garantiezusagen machen, aber angesichts der niedrigen Zinsen ist das nicht wirklich zu erwarten. Denn mehr als 80 Prozent der Kundengelder werden aus Sicherheitsgründen in festverzinslichen Wertpapieren angelegt. Manche Versicherer bieten schon jetzt keine Garantieprodukte mehr an oder schränken die Garantie auf die eingezahlten Beiträge am Ende der Laufzeit ein. Damit gehen die Kunden höhere Risiken ein, wenn sie den Vertrag vorzeitig auflösen müssen. Die Ergebnisse einer langfristigen Altersvorsorge sind nicht mehr so gut kalkulierbar. „Es gibt jetzt erst recht kein Argument mehr für eine Kapitallebensversicherung“, sagt Verbraucherschützerin Becker-Eiselen.

Welche Vorteile bringt die neue Regelung den Versicherern?

Ein ständig sinkender Garantiezins erleichtert das Geschäft mit der Altersvorsorge nicht gerade. Zwar werden Versicherer bei Neuverträgen entlastet und gewinnen größere Freiheiten bei der Produktgestaltung, aber die große Belastung ergibt sich aus den Altverträgen mit einem hohen Garantiezins. Um diese Verpflichtungen überhaupt erfüllen zu können, mussten die Versicherer sogenannte Zinszusatzreserven in Höhe von bisher 21 Milliarden Euro bilden. Geld, das dann für die reguläre jährliche Überschussbeteiligung der Kunden fehlt. „Auch in diesem Jahr werden wieder erhebliche Beträge in diese Zinszusatzreserve fließen“, sagt Branchenexperte Will.

Sollte man alte Lebensversicherungen nun besser kündigen?

Der Bund der Versicherten warnt vor Hysterie: Denn bestehende Versicherungsverträge, in denen ein Garantiezins zugesagt wird, sind von der geplanten Neuerung nicht betroffen. Da der Garantiezins von bis zu vier Prozent sicher ist, sollten Altverträge möglichst nicht gekündigt werden.

Welche Alternativen gibt es zu Lebensversicherungen?

Zinsanlagen bei Banken sind keine wirkliche Alternative, da die Verzinsung teilweise unter der Inflationsrate liegt. Fondssparpläne sind von den Risiken an den Aktienmärkten abhängig. Eine wirklich sichere Anlage für kleinere Beträge gibt es derzeit nicht.

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