Kohlestrom

Vattenfall-Chef: „Hamburg braucht Strom aus Moorburg“

Der Hamburger Vattenfall-Chef Pieter Wasmuth, 49, im Sitzungssaal des Unternehmens vor dem Bild Herbert  Weichmanns. Der SPD-Politiker war von 1965 bis 1971 Bürgermeister in Hamburg

Der Hamburger Vattenfall-Chef Pieter Wasmuth, 49, im Sitzungssaal des Unternehmens vor dem Bild Herbert Weichmanns. Der SPD-Politiker war von 1965 bis 1971 Bürgermeister in Hamburg

Foto: Klaus Bodig / HA / Klaus Bodig

Pieter Wasmuth über das umstrittene Kohlekraftwerk, den Sparkurs des Vattenfall-Konzerns und atomare Altlasten.

Hamburg.  Der Strommarkt ist in Bewegung. Energieversorger setzen vermehrt auf erneuerbare Quellen, dennoch nahm der schwedische Energiekonzern Vattenfall am 31. August das Kohlekraftwerk Moorburg komplett in Betrieb. Ein Stresstest soll zeigen, ob die vier großen Atomkonzerne, darunter auch Vattenfall, genügend Rückstellungen für den Rückbau der Kernkraftwerke und die Endlagerung des hochradioaktiven Mülls gebildet haben. Das Hamburger Abendblatt sprach mit Pieter Wasmuth, Norddeutschland-Chef von Vattenfall, über die Herausforderungen der Zukunft.

Abendblatt : Im Mai berichtete das Hamburger Abendblatt, dass der Vattenfall-Konzern 1000 Stellen streichen will. Steht inzwischen fest, was auf die Beschäftigten in Hamburg zukommen wird?

Pieter Wasmuth: Durch den vom Hamburger Volksentscheid ausgelösten Verkauf der Netze gingen Mitarbeiter zur jetzt städtischen Gesellschaft über, knapp 700 Mitarbeiter der Netzservice- und Metering-Gesellschaften (Zählerservice, die Red.) werden Anfang 2016 dorthin wechseln. Ab Anfang 2016 haben wir in der Metropolregion dann noch knapp 3000 Mitarbeiter. Wir sind wie die gesamte Energiewirtschaft derzeit in einer schwierigen Situation. Die Strompreise sind sehr niedrig und werden es wohl auch in den kommenden Jahren bleiben. Der Großhandelspreis an der Strombörse liegt derzeit in Deutschland bei rund 30 Euro pro Megawatt, das entspricht drei Cent pro Kilowattstunde. In Skandinavien ist er sogar noch niedriger. Vor dem Hintergrund müssen wir unsere Kostenstruktur optimieren. Es gibt noch keine Zahlen für Hamburg, weil wir derzeit noch analysieren, wo und wie reduziert werden soll. Das soll 2016 abgeschlossen sein. In Deutschland haben wir bis April 2017 einen Tarifvertrag, der betriebsbedingte Kündigungen ausschließt.

Der Mineralölkonzern Shell will nun auch Strom und Gas anbieten. Fürchten Sie die neue Konkurrenz?

Wasmuth : Nein. Wir haben am Hamburger Markt heute schon 280 Stromanbieter mit mehr als 300 Tarifen. Shell ist ein großes Unternehmen und hat gute Möglichkeiten, potenzielle Kunden anzusprechen, wenn es dafür zum Beispiel seine Tankstellen nutzt. Aber der Wettbewerber ist nicht aggressiver als die anderen 279, die schon da sind. Vattenfall hat nach wie vor einen stabilen Marktanteil von rund 75 Prozent. Beim Gas sind wir eher flexibler, weil wir nur mit Gas handeln. Shell hat dagegen eine eigene Erzeugung und muss seine Kosten zurückverdienen.

Es gibt weiterhin Widerstand gegen das geplante Gaskraftwerk in Wedel. Wird es gebaut werden?

Wasmuth : Das heutige Kohlekraftwerk Wedel deckt einen Großteil der Fernwärmeversorgung im Hamburger Westen, insbesondere Altona und Eimsbüttel, ab. Das Kraftwerk ist von 1961 und hat eine endliche technische Lebensdauer, wird aber unverändert dringend für die Wärmeversorgung gebraucht. Die Stadt hat einen Anteil von 25,1 Prozent an dem Fernwärmenetz. Wir haben uns darüber hinaus verpflichtet, Investitionensentscheidungen paritätisch zu fällen. Eine Entscheidung für den Standort Wedel ist noch nicht gefallen. Wir müssen uns gemeinsam mit der Stadt die Frage stellen, welche Lösung wir für den Kraftwerksstandort Wedel haben wollen und wie die Fernwärmeversorgung in Hamburg langfristig aussehen soll.

Was spricht gegen das Kraftwerk?

Wasmuth : Auf Bundesebene gibt es eine Novelle zur Förderung der Kraftwärmekopplung, kurz KWK – die Nutzung der Abwärme aus der Stromerzeugung. Wenn die Gesetzesvorlage vom Bundestag beschlossen wird, so würden KWK-Anlagen, also auch ein Kraftwerk, wie wir es in Wedel planen, nur bis Ende 2020 gefördert werden. Würde das Kraftwerk später fertig, dann müssten die Fernwärme-Preise massiv erhöht werden, weil Gas nun einmal teurer ist als Kohle. Die Frage lautet deshalb: Kann das Gaskraftwerk rechtzeitig fertig werden? Es dauert mindestens drei Jahre, ein neues Heizkraftwerk zu bauen. Wir haben derzeit einige Klagen gegen den Bau laufen. Wenn die einzeln abgearbeitet werden müssen, dann werden wir vor Ende 2017 mit dem Bau nicht anfangen können. Das wäre ein sehr enger Zeitplan.

Wären kleinere Einheiten, also Blockheizkraftwerke, eine Alternativen?

Wasmuth : Man könnte statt eines großen mehrere kleine Heizkraftwerke bauen. Das ist uns generell nicht neu – Ende Oktober werden wir in Bramfeld unser 50. Hamburger Blockheizkraftwerk einweihen. Um Wedel zu ersetzen, bräuchte man drei bis vier Standorte für solche Blockheizkraftwerke in der Stadt. Der Oberbaudirektor Walter wird wenig begeistert sein, wenn ich ihm sagen würde, in Eppendorf und hinter dem Michel kommt eine Anlage mit einem 58 Meter hohen Schornstein hin. Auch für dieses Konzept wird es schwer sein, Standorte zu finden.

Wird die Abwärme vom Kohlekraftwerk Moorburg überhaupt nicht genutzt?

Wasmuth : Nein, sie wird runtergekühlt. Ursprünglich sollte das Kraftwerk die Wärmeversorgung von Hamburgs Westen übernehmen und Wedel ersetzen. Das hätte den Wirkungsgrad der Anlage von 46 auf bis zu 61 Prozent erhöht. Aber dann kam die Diskussion um die Kohle. 2010 wurde gesagt: Wenn Moorburg nur Strom macht, ist das keine Hamburger Emission, weil der Strom ins bundesdeutsche Netz eingespeist wird. Bei der Fernwärme werden die CO2-Emissionen aus dem Kohlekraftwerk aber Hamburg angerechnet, und das wollte man nicht. Zudem gab es sehr viel Widerstand gegen die Leitung unter der Elbe hindurch, so dass wir uns darauf konzentriert haben, einen anderen Ersatz für Wedel zu suchen.

Vattenfall bietet aufgrund von Klimaschutzvorgaben ihre Braunkohlesparte in der Lausitz zum Verkauf an. Wann folgt Moorburg?

Wasmuth : Der schwedische Staat als Eigentümer hat ein Interesse an einer nachhaltigen Energieerzeugung bei Vattenfall, das Unternehmen hat sich vor Jahren schon ambitionierte CO2-Ziele gesetzt. Braunkohle macht den größten Anteil von Vattenfalls CO2-Emissionen aus. Vor fünf Jahren gab es den Ansatz, das CO2-Problem technisch zu lösen, durch Abtrennung aus dem Abgas und anschließender Einlagerung (CCS). Da es dafür aber in Deutschland keinen gesetzlichen Rahmen gibt, ist dieser Weg nicht möglich. Deshalb gab es für uns nur die Option, die Braunkohle zum Kauf anzubieten. Das Steinkohlekraftwerk Moorburg ist immer für Hamburg gedacht gewesen. Nach 2021, wenn E.on das letzte norddeutsche Kernkraftwerk Brokdorf vom Netz nimmt, gibt es in der gesamten Region kein anderes Großkraftwerk mehr, das das Netz stabilisieren kann.

Vattenfall engagiert sich stark in der Windenergie. Was ist in Deutschland geplant?

Wasmuth : In der Nordsee haben wir im April den Windpark Dan Tysk vor Sylt offiziell in Betrieb genommen. Er besteht aus 80 Windenergieanlagen und hat eine Leistung von 288 Megawatt. In der Nachbarschaft ist ein zweiter Park namens Sandbank in Bau. Derzeit werden die Fundamente gesetzt, im Frühjahr 2016 die Anlagen montiert. Auch an Land sind wir aktiv, etwa in Brandenburg. Beides, Offshore und Onshore, werden wir weiter ausbauen.

Wie wichtig ist der Netzausbau?

Im Süden wird mehr Industriestrom gebraucht als im Norden. Im Norden gibt es aber deutlich mehr Windstrom. Wir brauchen den Transfer per Überlandleitung von Nord nach Süd, damit es keine Versorgungsengpässe gibt. Speichertechniken sind wichtig, aber sie können eher Schwankungen innerhalb eines Tagesverlaufs ausgleichen. Als regionale Stabilisierung, nicht aber zur regionalen Verteilung.

Im Moment laufen Stresstests, die klären sollen, ob die Rückstellungen der Atomkraftwerksbetreiber für den Rückbau der Anlagen und die Endlagerung des Mülls ausreichen werden. Vattenfall hat dafür drei Milliarden Euro vorgesehen.Wie sicher sind sie, dass Ihr Unternehmen den Test besteht?

Wasmuth : Ich mache mir wenig Sorgen, dass jemand auf uns zukommt und sagt, wir oder die anderen Konzerne hätten in der Systematik etwas vergessen. Unsere Jahresabschlüsse werden und wurden seit Jahrzehnten von unabhängigen Wirtschaftsprüfern bestätigt. Die Höhe der Rückstellung ergibt sich aus dem Zeitraum, für den sie erfolgen, und aus dem Zinssatz, mit dem die Beträge abgezinst werden. Das ist ein weites Feld der Diskussion. Und wenn es jetzt heißt, wir machen noch einmal eine ergebnisoffene Endlagersuche, die Jahrzehnte dauern kann, muss man sich schon fragen, ob das der richtige Weg ist.