Glücksspiel

Rellinger Automatenbauer steht vor unsicherer Zukunft

Immer wieder neue Ideen für Spieler: Heiko Busse, Geschäftsführer der Crown Technologies in Rellingen, mit einer Reihe von Automaten

Immer wieder neue Ideen für Spieler: Heiko Busse, Geschäftsführer der Crown Technologies in Rellingen, mit einer Reihe von Automaten

Foto: Michael Rauhe

Noch leben Unternehmen wie Crown Technologies gut von der Spielleidenschaft der Deutschen. Doch der Gesetzgeber greift nun ein.

Rellingen/Hamburg.  Heiko Busse ist kein Zocker. 300 Dollar hat der Chef des Rellinger Spieleautomatenbauers Crown Technologies mal gewonnen. Auf seiner Hochzeitsreise in Las Vegas war das, kurz vor einem Auftritt des Magierduos Siegfried und Roy im Casino The Mirage. Ab und an wettet der 45-Jährige auch mal mit Freunden auf den Ausgang eines Fußballspiels. Sonst aber wirkt der Hauptmann der Reserve, der seine Karriere an der Hamburger Bundeswehr-Uni begann, eher wie jemand, der sich selbst und seine Finanzen genau im Griff hat. „Ich habe keinen Hang zum Glücksspiel“, sagt er.

In den Geräten, die der Crown-Chef in Rellingen bei Hamburg montieren lässt, versenken Spieler allerdings gewaltige Summen. 82 Millionen Euro setzte das zur österreichischen Novomatic-Gruppe zählende Unternehmen im vergangenen Jahr mit 150 Mitarbeitern um. Der gesamte Konzern, der auch eine eigene Spielhallen-Kette und 45 Standorte weltweit unterhält, kam auf Erlöse von fast zwei Milliarden Euro und Gewinne von nahezu 650 Millionen Euro – was einer Marge von etwa 33 Prozent entspricht.

Crown und Novomatic zählen zu den Gewinnern in einer Branche, in der die Großen die Kleinen gefressen haben. Etwa die Hälfte der rund 245.000 in Deutschland installierten Geldspielautomaten stammt aus Rellingen oder von der Schwestermarke Löwen. Den Rest teilen sich die Gauselmann-Gruppe mit ihrer Merkur-Sonne im Logo und der deutlich kleinere Berliner Automatenbauer Bally Wulff unterein­ander auf. „Wir bewegen uns in einem gnadenlosen Markt“, sagt Heiko Busse.

Rellinger Unternhemen produziert Hightech-Spielautomaten

Das Rellinger Unternehmen ist 2007 quasi auf den Überresten des mehr als 100 Jahre alten Automatenbauers Bergmann entstanden, der Insolvenz anmelden musste. Rund 80 Mitarbeiter und ein Park mit alten Geräten wechselten zu dem neuen Besitzer. Die letzten Kneipenautomaten von Bergmann lagern noch heute bei Crown – Roulettemaschinen etwa, mit grün und rot leuchtenden Knöpfen und andere Wandgeräte mit rotierenden mechanischen Walzen. Nostalgisch und fast rührend in ihrer Einfachheit.

Die Modelle, die in Rellingen heute zusammengeschraubt werden, sind von einem ganz anderen Kaliber: Das aktuelle Topgerät „VIP Crown Diamonds HD Premium“ ist mehr als zwei Meter hoch, verfügt über einen gepolsterten Sessel sowie hochauflösende und berührungsempfindliche Bildschirme. Geldscheinleser ziehen die Banknoten ein, Schütten werfen Gewinne aus, ein interner Drucker erstellt Belege, die der Spielhallenbetreiber dem Finanzamt vorlegen muss. 50 verschiedene Spiele sind in dem Monstrum enthalten. Book of Ra, eines der beliebtesten, basiert auf einer Abenteuerwelt à la Indiana Jones, in der sich Symbole wie Pharaonen oder Skarabäen tummeln. Andere sind rund um eine Gorilla- oder eine exotische Neptun-Welt („Lord of the Ocean“) gestrickt.

Trotz des grafischen Bombasts, der auf die Spieler einprasselt, ist das Grundprinzip der Glücksspiele aber weitgehend unverändert geblieben. Immer noch geht es darum, drei bis fünf Symbole in eine Reihe zu bekommen – egal, ob es sich dabei um ägyptische Artefakte, Früchte, Meerjungfrauen oder Goldstücke handelt. Wenn der Chef die Funktionsweise seines Topmodells beschreibt, dann verwendet er Begriffe wie „Walzenlauf“, so als würden in den Geräten noch immer mechanische Komponenten statt Computerchips arbeiten.

Vorgefertigt werden die Automaten in osteuropäischen Partnerwerken

Vorgefertigt werden die Automaten in osteuropäischen Partnerwerken, andere Komponenten wie die Bildschirme kauft Crown in Asien zu. Die Endmontage der Standardgeräte läuft dann ein wenig wie in der Automobilindustrie: Auf der Grundlage einheitlicher Chassis setzen die Arbeiter unterschiedliche Modelle zusammen, die mal King Admiral Crown, mal Royal Admiral Crown heißen. Die Spiele werden in der Konzernzentrale entwickelt und in Rellingen nur in den Speicher der Geräte übertragen.

Seltsam verschlossen wird Unternehmenschef Busse, wenn es um die Gewinnchancen an seinen Automaten geht. Das sei „höhere Mathematik“, durchschnittliche Wahrscheinlichkeiten ließen sich nicht nennen. Klar ist nur: Auf lange Sicht verliert der Spieler immer, die Spielhallenbetreiber müssen schließlich auf ihre Kosten kommen. 200 Euro Monatsmiete plus eine Aufstellgebühr verlangt Crown von den Betreibern, dafür werden die Automaten gewartet und bei Bedarf auch ausgetauscht.

In der Hamburger Landesstelle für Suchtgefahren sieht man es ausgesprochen kritisch, dass Automatenhersteller wie Crown mit immer neuen Geräten und technischen Finessen versuchen, den Spielern das Geld aus der Tasche zu ziehen. „Die Geräte geben den Spielern durch Risikotasten oder andere Mittel die Illusion, dass sie ihre Chancen beeinflussen könnten, was aber nicht der Fall ist“, sagt die Geschäftsführerin der Landesstelle, Christiane Lieb.

Jahr für Jahr wird die Zahl der Süchtigen größer, die in den Beratungsstellen der Hansestadt Hilfe suchen, nachdem sie an Automaten und bei anderen Glücksspielen ihr Vermögen verdaddelt haben. 1443 Personen waren es 2013 in Hamburg, doppelt so viele wie 2010, aktuellere Zahlen gibt es nicht. Insgesamt schätzt Christiane Lieb die Zahl der pathologischen Spieler in der Stadt auf 12.000, etwa eine Million sollen es in der Bundesrepublik sein.

Vorschriften mehrfach verschärft

Der typische Spielsüchtige ist männlich, zwischen 30 und 40 Jahre alt, hat überdurchschnittlich oft einen Migrationshintergrund – und Schulden von 25.000 Euro. „Viele Menschen geraten durchs Spielen in eine finanziell aussichtslose Situation“, sagt die Chefin der Landesstelle. „Aus unserer Sicht sollte das Glücksspiel daher so unattraktiv wie nur irgend möglich gemacht werden.“

Tatsächlich haben Bund und Länder die Vorschriften für die Branche in den vergangenen Jahren mehrfach verschärft. So wurde Ende 2014 die Spielverordnung novelliert, die unter anderem die maximal möglichen Gewinne und Verluste an Geldautomaten vorschreibt. Danach dürfen pro Stunde statt bisher 80 nur noch 60 Euro in die Maschinen eingeworfen werden. Wird diese Summe überschritten, müssen sich die Automaten abschalten. Die Gewinne wurden von 500 auf 400 Euro pro Stunde begrenzt. Allerdings gelten hier Übergangsfristen bis 2018, so dass bei Crown und anderen Herstellern auch heute noch Geräte mit den alten Spezifikationen vom Band laufen.

Wesentlich mehr als diese Veränderung treibt die Branche die Verschärfung der länderspezifischen Regelungen um. So hat Hamburg beispielsweise schon Ende 2012 ein Spielhallengesetz verabschiedet, dessen Übergangsfristen bis Mitte 2017 laufen. Es sieht einen Mindestabstand zwischen einzelnen Betrieben von 500 Metern und von 100 Metern zu Kinder- und Jugendeinrichtungen vor, wobei geringere Abstände für die Reeperbahn und Teile des Steindamms gelten.

Von derzeit 238 Spielhallen würden am Ende nur 50 übrig bleiben

Das Gesetz macht zudem Schluss mit der Praxis der Mehrfachkonzessionen: War es zuvor für einen Spielhallenbetreiber mit einer Vierfach-Konzession für jeweils zwölf Spielautomaten möglich, 48 Geräte bei sich aufzustellen, so ist nun lediglich eine Konzession pro Betrieb erlaubt.

Nach Einschätzung des Hamburger Automaten-Verbands bedeuten die neuen Regeln für viele Betreiber das Aus, weil sie nach Ablaufen der Übergangsfrist am 30. Juni 2017 nicht auf eine Verlängerung ihrer Konzessionen hoffen könnten. Von derzeit 238 Spielhallen mit etwa 400 Konzessionen würden am Ende nur 50 übrig bleiben, meint Verbandschef Gundolf Aubke.

Auch in anderen Bundesländern wurden die Regelungen verschärft. So hat Schleswig-Holstein jeglichen Verzehr von Essen in den Spielhallen untersagt, in Baden-Württemberg wurden die Öffnungszeiten eingeschränkt, was in Hamburg ebenfalls geschehen ist. „Durch die 2017 greifenden Maßnahmen könnte sich der Markt in Deutschland halbieren“, sagt Busse. „Davon werden natürlich auch wir als Hersteller nicht unberührt bleiben, wobei die Auswirkungen wohl erst später sichtbar werden.“ Auch wenn die Zahl der aufgestellten Geräte langfristig sinke, so habe man aufgrund der veränderten Spezifikationen noch lange mit dem Austausch zu tun.

Hersteller und Spielhallenbetreiber haben zudem bewiesen, dass sie durchaus in der Lage sind, auf verschärfte Vorgaben zu reagieren. Auf die Verkürzung der Öffnungszeiten antworteten sie nach Abendblatt-Informationen etwa mit veränderten Computerprogrammen, die die Gewinnchancen der Spieler minimal verschlechterten – ohne dass diese es bemerkten. Und falls es für die Branche irgendwann doch mal heißen sollte „Rien ne va plus“, dann hat man in Rellingen immer noch ein zweites Standbein. Crown Technologies baut auch Geldwechsler. Deren Verbreitung will derzeit niemand einschränken.